Über Quellenkritik und die Grenzen der Privatsphäre

Version 1 der Geschichte:
In einer 8-Millionen-Franken-Villa in Spanien feiern Minderjährige eine wilde Party, inkl. Drogen, Gruppensex und Vandalismus. Die Mutter der 15-jährigen Gastgeberin wird wütend und boxt ihre Tochter; die Polizei beendet das Gelage.

Version 2 der Geschichte:
An der Party ist privates Sicherheitspersonal anwesend, es wird kein Alkohol ausgeschenkt, Sex gibts keinen, die Polizei kommt nicht vorbei, und Schäden gibt es nur an einer Türe des Hauses. Die Villa hat tatsächlich 8 Millionen gekostet, die Mutter ihre Tochter aber nicht geboxt.

Ratet mal, welche Version in den Medien aufgenommen wurde.

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Als Quelle für die wilde Geschichte verliess man sich auf einen Eintrag auf der Social-Networking-Site Bebo. Von der Tochter selber. Die dabei wohl ganz leicht übertrieben hat. Trotzdem wurde diese Geschichte laut CNet von Medien wie Times Online, Sky News, Daily Mail und The Register einfach übernommen. Quellenkritik? Fakten prüfen? Kann man sich offenbar schenken, wenn man etwas auf dem Internet gefunden hat.

Die Mutter der erfinderischen Partynudel hat nun 6 Zeitungen verklagt; es geht um Rufschädigung und Verletzung der Privatsphäre. Der Independent kommentiert:

The case is expected to have far-reaching consequences for third parties who use or publish information from social networking sites. Lawyers say it could place a duty on all second-hand users to establish the truth of everything they want to republish from such sites.

Ach nein, bevor man etwas publiziert, soll man überprüfen müssen, ob es stimmt? Skandal! Das ist ja richtig Arbeit! Von MySpace abschreiben war doch so bequem!

Spannender finde ich an dem Prozess, ob hier die Privatsphäre verletzt wird. Die Tochter hat ihre Geschichte selber veröffentlicht; allerdings im Rahmen eines sozialen Netzwerkes. Warum ist erst das Veröffentlichen derselben Geschichte in einer Zeitung ein Eindringen in die Privatsphäre? Man könnte sagen, eine Site wie Bebo wird damit gleichgesetzt mit einem Gespräch unter Bekannten. Wenn ich meinen Freunden eine Geschichte erzähle, heisst das ja auch noch nicht, dass ich damit einwillige, diese Geschichte in einer Zeitung zu veröffentlichen. Sollte die Anklage also Recht bekommen, würde ein soziales Netzwerk auf dieselbe Ebene wie Privatgespräche gehoben. Was wahrscheinlich der Wahrnehmung der Benutzer entgegenkommt. 

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3 Gedanken zu “Über Quellenkritik und die Grenzen der Privatsphäre

  1. Wie ist denn das mit dem Kommentar? Koennen wir uns jetzt auch so privat unterhalten. Schliesslich gebe ich ja nur dir eine Antwort und allen andern die deinen Blog lesen. Sind das nur Freunde von dir? Komisch Sache dieses Internet? Bin ganz Konfuzius!!

  2. Spannend auch, dass sich das ändert über die Zeit. Weil das Blog noch jung ist, sind es jetzt noch vor allem Freunde, die lesen. Damit ist ein Kommentar im Moment eigentlich noch eher privat. Der bleibt aber natürlich da stehen. Und wenn mit der Zeit mehr Leute das Blog lesen, mutiert die einstmals "private" Äusserung zu einer öffentlichen. Ja, konfu(z)s!

  3. Annehmend, dass doch ein dritter hier noch mitliest, kann man davon ausgehen, dass er sich verhaelt wie der ‚Ruhige‘ am Stammtisch? Der waere ja dann auch ohne Kommentar noch voll privat dabei. Ab wann ist es dann oeffentlich? Wenn du die Typen nicht mehr kennst? Das kann ja schlecht sein, denn ich Unterhalte mich in der Bar auch meist mit Typen die ich nicht kenne. Kommt es wohl auf die Menge draufan? Wohl kaum, denn eine Rede vor 400 Hochzeitsgaesten ist wohl noch immer privat. Wahrscheindlich muessen beide Parameter eine gewisse Groesse ueberschreiten. Fragt sich nur, wann man sich in Acht nehmen muss? Im realen Leben ist es ja noch einfach, da entscheidet meist die Lokalitaet. Gebe ich ein Konzert vor 2 Personen an der Bahnhofstrasse stelle ich mich oeffentlich zur schau. An der Hochzeit ist das wieder anders. Dies gilt unabhaenig von der beider oben beschriebenen Parameter. Doch hier, im "Wo Wie Was" sind diese Regeln wohl anders, nur wie? Ok, dieser Blog ist allen zugaenglich, so wohl oeffentlich und bei MySpace oder Facebook ist das ebenso, einfach mit Tuersteher bzw. Passwort. Da schrumpf die Privatsphaere ziemlich boes zusammen. Wow, jetzt wird ja schon beinahe philosophisch, sicher aber soziologisch. Bin nun aber Molekularbiologe und verstehe beides nur leihenhaft. Aber ich lass dich jetzt mal in Ruhe mit meinem blablabla. Genug procrastinating, die Arbeit ruft.

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