Beijing 2008: Eine chinesische Machtdemonstration

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 Foto: Reuters

Laut NZZ sagt ein erfahrener Chinakorrespondent: „China-Anfänger verstehen China am besten.“ Da hat er natürlich recht – als Anfänger erlaube ich mir trotzdem einige Gedanken zur Eröffnungsfeier gestern.

Die Show war unvergesslich, grandios etc., das kann man heute in jeder Zeitung lesen, und es konnte sich wohl niemand der sagenhaften Darbietung entziehen. Das Ergebnis einer Kombination aus Jahrtausende alter Symboltradition, Ästhetik und dem gnadenlosen Willen eines Regimes, alles davor Gewesene zu übertreffen.

Eine nationale Demonstration war das, der Macht, der Stärke, der Überlegenheit. Die vielbeschworene Harmonie bedeutet die Unterordnung des Individuums, und das mag der Mentalität der ostasiatischen Völker entsprechen, es ist aber auch ein Ideal, das ein knallhartes Regime dazu benutzt, jeden abweichenden Gedanken zu unterdrücken. So haben die Spiele von Peking keineswegs die von naiven Funktionären versprochene Öffnung Chinas gebracht, im Gegenteil: das Land ist überwacht wie nie zuvor (natürlich aus Sicherheitsgründen) und viele Dissidenten wurden präventiv willkürlich verhaftet und weggesperrt, um die Harmonie der Spiele zu wahren und sicherzustellen, dass die Demonstration chinesischer Stärke nicht von abweichenden Stimmen gestört wird.

So überrascht es nicht, dass auch in dieser wunderbaren Show das Regime durchblitzt und die chinesische und die olympische Flagge im Quasi-Stechschritt von Elitesoldaten gehisst werden. Wann sahen wir das letzte Mal Soldaten an einer Olympischen Eröffnungszeremonie?

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 Foto: Xinhua

Besonders aufgeregt habe ich mich über die Grossaufnahme des französischen Wichts Sarkozy. Der sich anlässlich des Fackellaufs in Paris grossmäulig auf die tibetische Seite schlug und mit Boykott der Eröffnungsfeier drohte – und jetzt natürlich die Gelegenheit doch nicht auslassen konnte, in die Kamera zu strahlen. Auch wenn ich sonst das Merkel nicht mag – sie blieb der Feier fern und zeigte eine Konsequenz, zu der der Opportunist an der Seine nicht fähig ist.

Diese Spiele sind damit ein Denkmal für die Unfähigkeit der westlichen Politik, auf die offene Herausforderung der Grossmacht China zu reagieren. Wer von europäischen Werten faselt, dann aber doch keine Gelegenheit auslässt, vor den Verheissungen des Milliardenmarktes in den Staub zu hechten, der zeigt sich in den Augen der Chinesen nicht etwa als moralische Instanz, sondern als „opportunistischer Merkantilist“ (NZZ). Das schliesst auch das IOC mit ein, die in den Eröffnungsreden so gerne universale Werte auspacken und den einzigen universalen Wert, den sie bedienen, den Mammon, so gerne verschweigen.

Den Athleten kann man dieses Totalversagen nicht anlasten. Die kindliche Freude beim Einlaufen ins Vogelnest war schön anzusehen und ist den Sportlern zu gönnen. Aufgefallen sind mir allerdings die fünf Weissen in der Delegation von Simbabwe – wohl die letzten Weissen, die der Diktator Mugabe noch nicht vertrieben hat. Auch das sah aber sehr harmonisch aus.
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3 Gedanken zu “Beijing 2008: Eine chinesische Machtdemonstration

  1. Simbabwe ist mir auch aufgefallen. Nachtrag noch zur Grossmachtdemonstration: Im Vorprogramm, das wohl nirgendwohin übertragen wurde, waren alle ethnischen Minderheiten mit einem Kunstprogramm zu sehen. Ja, natürlich: das ist Folklore und nicht Freiheit, aber immerhin.

  2. Nach der Tibetreise letztes Jahr glaube ich, dass das genau die Art von Einbindung ist, die Han-China gerne hätte: eine farbenfrohe Bereicherung durch die exotischen Sitten und Trachten.Weil das aus zentralchinesischer Sicht schon ein Riesenzugeständnis ist, sinkt die Chance auf wirkliche Autonomie um so mehr.Letztlich ist es aber nicht mehr als Tourismus-Werbung für die aufblühende Mittelschicht, die sich gerne von den fremden Kulturen beeindrucken lässt. Ihr Geld kommt dabei nicht etwa der Minderheit zu gut, sondern den eingewanderten Han, die den Tourismus kontrollieren (weiss nicht, ob das in allen anderen Minderheiten-Regionen auch so ist, in Tibet ist es jedenfalls so).

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