Haben Eltern Angst vor GTA?

Während ich noch mit Ugo über die Wirkung von Gewaltspielen diskutiere (nachlesen und mitdiskutieren!), erreicht uns das Resultat einer Onlinebefragung von 1600 Eltern. Die Eltern wurden gefragt, worüber sie sich am meisten Sorgen machen, was ihr 17-jähriges Kind tun könnte, wenn es über Nacht bei Freunden bleibt. Das Resultat:

  • 50%: Marihuana rauchen
  • 19%: GTA spielen
  • 17%: Pornos schauen
  • 14%: Bier trinken

(Auf der What They Play Seite werden verschiedene Zahlen aufgeführt: in der Pressemitteilung reden sie von 49% kiffen und 16% Porno, was dann aber nicht 100% gibt. Die Zahlen oben stammen von hier. Stärkt nicht grade die Glaubwürdigkeit.)

Drunk

Über den Hintergrund der Antwortenden ist nichts bekannt (Nationalität, Alter, Geschlecht, tatsächlich Eltern oder nicht, soziale Stellung etc.). Die Antworten sind nicht frei, sondern eine vorgegebene Auswahl. Deshalb nehme ich an, dass man „GTA spielen“ als Platzhalter für irgendwelche gewalttätigen Spiele, evtl. sogar für Games ganz allgemein interpretieren muss.

Bei uns ist GTA IV als 18+ eingestuft (PEGI), die 17-Jährigen in der Umfrage wären also ein Jahr zu jung. In den USA ist GTA als „Mature“ eingestuft. „Mature“ wird von der ESRB als 17+ eingestuft; die betroffenen Kinder laut der Selbsteinschätzung der Industrie durchaus in der Lage, GTA zu spielen.

Gleichzeitig melden die Marktforschen von Nielsen Games, dass 17% der Besitzer von GTA jünger als 17 sind (zwischen 7 und 16). 61% dieser minderjährigen GTA-Besitzer gaben an, dass sie GTA IV selber gekauft haben. 31% liessen sich GTA IV von ihren Eltern besorgen. 8% bekamen Zugang durch Freunde, Geschwister und andere.

Verschiedene Deutungen sind möglich:
  • Nicht alle Eltern haben Angst vor GTA
  • Eltern geben ihren Kindern nach, machen sich dann aber doch Sorgen.
  • Eltern entscheiden bewusst, dass ihre Kinder reif für GTA sind.

Ausserdem zeigt sich, dass die Diskussion um die Altersfreigaben eine Scheindiskussion ist und am eigentlichen Thema vorbei zielt. Es ist irrelevant, ob ein Spiel ab 17 oder ab 18 freigegeben ist (grade bei der schnellen und stark unterschiedlichen Entwicklung von Teenagern ist ein Jahr eh ein viel zu feine Unterscheidung), und es lässt sich mit den Altersfreigaben nicht verhindern, das Jüngere Zugang zu den Spielen erhalten.

Die Zahl von Nielsen deckt sich mit den Resultaten einer Harvard-Studie (in Buchform erschienen unter dem Titel „Grand Theft Childhood: The Surprising Truth About Violent Video Games„). Auch Kinder spielen GTA. Einen Überblick in Form eines Interviews gibt es hier:

Die Resultate der Studie lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Die allermeisten Kinder spielen Gewalt-Games; manche nur selten, manche öfter.
  • Bei einer grossen Mehrheit lassen sich keine Auswirkungen messen.
  • Es gibt aber eine Korrelation zwischen Kindern, die viel Gewalt-Medien konsumieren (Games, Filme), und Kindern, die verhaltensauffällig sind (schlechte Schulresultate, Probleme wie Ladendiebstahl etc.).
  • Der gemessene Effekt ist allerdings klein (viel kleiner als z.B. Korrelationen mit echter Gewalt im Umfeld oder Drogenkonsum).
  • Es ist wahrscheinlicher, dass der festgestellte Zusammenhang nicht ursächlich ist, sondern dass der Gewalt-Medien-Konsum ein Symptom ist (Gewalt-Medien machen nicht gewalttätig, sondern sind ein Warnzeichen dafür, dass es andere Probleme gibt).
  • Games allgemein sind ein zentraler Bestandteil im sozialen Leben der Kindern – als Gesprächsthema, als gemeinsame Erlebnisse.
  • Kinder, die gar keine Games spielen, entsprechen nicht der Norm.

Besorgten Eltern empfehle ich die Lektüre dieses Buches. Weil darin weder verharmlost noch überinterpretiert wird und die Diskussion damit auf eine viel sachlichere Ebene gerückt werden könnte.

Dass Gewaltspiele mehr Sorgen bereiten als Rauschtrinken, ist vielleicht nachvollziehbar, wenn man das neue Medium nicht kennt. Durch Forschungsresultate lässt sich die Sorge aber nicht rechtfertigen.

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