Geeks Rising: die neue selbstbewusste Geek-Kultur

In meinem Dictionary ist „Geek“ so umschrieben: „an unfashionable or socially inept person„. Die deutsche Übersetzung ist noch weniger schmeichelhaft: „Computer-Versessener, Fachidiot, Langweiler, Streber„.

Freaksandgeeks
Harris Trinsky (Stephen Lee Sheppard) aus Freaks and Geeks

Ich bin ein Geek. Und ich sage: diese Definitionen sind veraltet. Viele von uns sind Geeks, die wenigsten davon sind sozial unbeholfen und langweilig sind Geeks praktisch nie.

Keiner kann dieses neue Selbstbewusstsein der Geeks so gut in Worte fassen wie Neal Stephenson. Ich kam das erste Mal mit Stepheson in Kontakt im Wired-Magazin. Er schrieb darin über Unterseekabel: „Mother Earth Mother Board“ (Wired, Dezember 1996, 50 Seiten!). Einer der besten (und längsten) Artikel, die je über ein Technikthema geschrieben wurden.

Stephenson gilt als ein Science-Fiction-Autor, ein klassisches Geek-Genre. Dieses Label hat er sich wohl vor allem mit „Snow Crash“ eingebrockt, ein Krimi in einer virtuellen Welt und das Buch, das den Begriff „Metaverse“ geprägt hat. Stephenson befasst sich aber auch gerne mit historischen Themen, wie z.B. die faszinierende Abhandlung über die Entstehung der Kryptographie im Zweiten Weltkrieg in „Cryptonomicon“ – auch das natürlich ein totales Geek-Thema.

Stephenson wurde deshalb eingeladen, am Gresham College in London über Science Fiction als Genre zu sprechen. Auch wenn der Vortrag lang ist (knapp 40 Minuten) – schaut euch das Video an. Macht euch eine schöne Tasse Kaffee/Tee, ich warte so lange.

Ein Transkript des Vortrags gibt es hier: Science Fiction Versus Mundane Culture (Gresham College)

Fora

Stephenson zerpflückt darin die Annahme, dass es überhaupt noch Genres gibt, die eine echte Aussagekraft haben. Er sieht die heutige Populärkultur stattdessen in zwei Äste aufgeteilt – die zwei unterschiedliche Bedürfnisse erfüllen: „to geek out“ und „to veg out“. Es gibt „intelligente“ Kultur, die uns fordert, die Vorwissen voraussetzt, die eine intensive Beschäftigung mit dem Thema verlangt. „idea porn„. Das ist die Geek-Kultur. Und es gibt die banale Kultur (Stephenson verwendet „mundane„), die wir brauchen, wenn wir keine Energie mehr haben, wenn wir eben nur noch etwas rumvegetieren wollen. Das ist der kleinste gemeinsame Nenner, nichts wird vorausgesetzt, und mit dem echten Leben hat es auch so gut wie gar nichts zu tun.

Für Stephenson ist aber gerade das Bedürfnis nach intelligenter Unterhaltung der Grund dafür, dass Science Fiction und Fantasy blühen. Und der Erfolg dieser Themen belegt, dass die Geeks nicht mehr einige wenige sozial Randständige sind – sondern wir alle.

Einige Zitate:

Choose any person in the world at random, no matter how non-geeky they might seem, talk to them long enough and in most cases you will eventually hit on some topic about which they are exorbitantly knowledgeable, and, if you express interest, on which they are willing to talk enthusiastically for hours.  You have found their inner geek.

This is how knowledge works today, and it is how it is going to work in the future: […] a web of geeks, each of whom knows a lot about something.  Twenty years ago, we called them nerds and we despised them.  We didn’t like the power that they seemed to have over the rest of us, and we identified them as something different from normal society.  Now we call them geeks and we like them just fine because they are us.

Everyone gets now that this is how society is going to work, and as long as geeks bathe frequently enough and don’t commit the faux pas of geeking out at the wrong time, in the wrong company, it’s okay. It is better than okay; it is desirable.

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Bill Haverchuck (Martin Starr) aus Freaks and Geeks

Es findet also eine Spezialisierung der Populärkultur statt. Die Inhalte werden komplexer, verlangen mehr von den Rezipienten und fordern deshalb eine vertiefte Beschäftigung. Damit wird in der Populärkultur das nachvollzogen, was in der Wissenschaft schon lange passiert ist. Den Rundum-Wissenschaftler gibt es seit mehr als 200 Jahren nicht mehr – man hat sich in Disziplinen aufgeteilt, analog zur Arbeitsteilung und der Industrialisierung. Nicht nur unsere Arbeit und unsere Forschung sind spezialisiert, sondern neu auch unsere Freizeit. Wir sind alle Spezialisten.

Man könnte nun diese Entwicklung betrauern und das Bild einer Welt voller Fachidioten zeichnen, die sich einsam mit ihrem Spezialgebiet befassen. Das Gegenteil ist der Fall: ich sehe diese Entwicklung als einen evolutionären Schritt. Die Voraussetzung zum Erfolg ist, dass sich die Spezialisten untereinander vernetzen. In der Wissenschaft ist das im Gang, mit einer Zunahme von interdisziplinären Ansätzen und dem ganzheitlichen Denken. In der Wirtschaft ist die Globalisierung eine konsequente Folge der Arbeitsteilung.

Damit könnte man die Menschheit als einen Organismus begreifen, die einzelnen Menschen als dessen Zellen. Wie sich das einzellige Bakterium im Laufe der Evolution zu hochkomplexen mehrzelligen Organismen entwickelt hat, so spezialisieren sich die Menschen. In einem komplexen Organismus gibt es verschiedene Zelltypen, die alle ihre Aufgabe erfüllen und zusammenarbeiten. Genau so funktioniert auch eine Gesellschaft.

Geeks sind also Menschen, die gemerkt haben, dass die Spezialisierung gesellschaftliche Vorteile bringt. Geeks gab es in der Menschheitsgeschichte schon immer. Dass sie sich vermehren, belegt ihre evolutionäre Attraktivität. Wir Geeks sind nicht „socially inept“, sondern „socially indispensable“.

Mehr von Neal Stephenson über Geeks gibt es hier:
It’s All Geek to Me (New York Times)
Turn On, Tune In, Veg Out (New York Times)
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5 Gedanken zu “Geeks Rising: die neue selbstbewusste Geek-Kultur

  1. Spannend! Vom biologischen Standpunkt aus würde ich Dir zwar wiedersprechen. In der Tierwelt gibt es seit jeher Generalisten und Spezialisten und wir Menschen sind ein Paradebeispiel für erfolgreiche Generalisten. Wir besiedeln alle Lebensräume, machen uns andere Arten untertan. Wir werden mit Änderungen in unserer Umgebung fast problemlos fertig, während andere Tiere bei einem Temperaturanstieg von einem Grad verrecken. Anpassungsfähiger als der Mensch kann man fast nicht sein. Zieht man aber weitere Paralellen zur Tierwelt, so stellt man fest, dass viele Arten eine Art Luxusgehabe an den Tag legen um ihre biologische Fitness zu beweisen. Vogelmännchen haben viel zu lange Schwanzfedern, die sie extrem behindern, nur um einem Weibchen zu signalisieren, dass sie sich so ein unpraktisches Schmuckstück ohne weiteres leisten können. Es könnte daher sein, dass ein Geek unterbewusst signalisieren möchte: "Seht her, um die Nahrungsbeschaffung brauche ich mich nicht mehr als 10 Minuten am Tag zu kümmern. Den Rest der Zeit häufe ich Fachwissen an, weil ich’s mir leisten kann". Dann wären Geeks tatsächlich daran, sich einen evolutiven Vorteil zu erarbeiten, denn es gilt noch immer "Survival of the fittest". Die Zukunft wird zeigen, ob die Geek-Strategie erfolgreich ist.

  2. Ja, der Mensch als Spezies ist Generalist. Das einzelne Individuum aber nicht. Ich würde sogar behaupten, dass gerade die Spezialisierung der einzelnen Individuen ermöglicht, dass wir als Spezies so erfolgreich Generalisten sein können.Beispiel: wenn ich in die Arktis fahren müsste, würde ich mir von einem Spezialisten für Arktis-Bekleidung eine schöne warme Jacke kaufen und so länger überleben, als wenn ich selber etwas bastle.Damit ist das Anhäufen von Fachwissen auch kein Luxusgehabe. Es behindert mich persönlich nicht, und meine Spezies profitiert davon. Win-Win!

  3. Ja ein dicker Anorak ist schon was schönes und auch sehr nützlich bei der Eroberung des Kontinents. Ein enormes Science-Fiction Wissen eher weniger. Kultur ist Luxus, nicht nacktes Überleben! Ein eindeutiges Zeichen für den Erfolg unserer Spezies, dass wir uns Luxus leisten können. Wir müssen vielleicht 2 Geekarten unterscheiden, die Freizeitgeeks und die Berufsgeeks, dann haben wir beide recht.

  4. Korrekt, der Berufsgeek kommt in der Entwicklung wohl vor dem Freizeitgeek. Weil wir die meiste Zeit unseres Lebens arbeiten, und dort Geeks gefördert werden, steigert das kontinuierlich die Geekkapazität. Und irgendwann hat man davon übrig und kann – ja, will! – sie auch in der Freizeit gebrauchen.

  5. Das klingt ja alles sehr schön, aber für mich ein wenig zu optimistisch. Ich behaupte einfach mal, dass es da draußen unzählige menschliche Individuen gibt, die Fachwissen in gar nichts haben oder zumindest nicht soviel, dass es über den Durchschnitt hinaus geht. Jeder ein Geek – schön wär’s.

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