Muslime vs. Little Big Planet

Am Mittwoch hätte Little Big Planet in die Läden kommen sollen. Little Big Planet ist das Flagschiff für Sonys Playstation 3 in diesem Weihnachtsgeschäft, ein mit grosser Spannung erwarteter Titel. Und Little Big Planet kommt nicht wie angekündigt am Mittwoch, sondern erst zwei Wochen später.

Ign_littlebigplanet_screenshot

Warum? Im europäischen Playstation-Forum hat sich „yasser“ beschwert, dass in einem Track der Hintergrundmusik einige Koran-Zitate verwendet werden. Er findet und fordert:

We Muslims consider the mixing of music and words from our Holy Quran deeply offending. We hope you would remove that track from the game immediately via an online patch, and make sure that all future shipments of the game disk do not contain it.

Und genau dieser Forderung ist Sony nun nachgekommen: alle Discs (die bereits zu den Händlern unterwegs waren), wurden heute zurückgerufen. Neue Discs werden gepresst und verspätet ausgeliefert. Ich kann mich bei Games an keine Rückrufaktion dieser Grössenordnung erinnern. Sony konnte mir nicht sagen, was die Aktion kostet; auch nicht, ob der Track ganz entfernt wird, oder nur einzelne Anstoss erregenden Passagen.

Der Track ist ein Stück von Toumani Diabaté, einem erfolgreichen Musiker aus Mali: Grammy vor drei Jahren, Zusammenarbeit mit Taj Mahal, Damon Albarn, Björk, Ry Cooder. Laut Wikipedia wird er „von vielen Menschen als der beste Koraspieler der Welt bezeichnet“. Ich höre die von „yasser“ beschreibenen Passagen nicht genau heraus, mir ist auch nicht klar, ob die Koran-Samples für Little Big Planet hinzugefügt wurden oder ob sie schon in Diabatés Original enthalten sind.

Ich kann die Entscheidung Sonys zwar nachvollziehen. Little Big Planet ist ein globaler Release, erscheint also in einigen muslimischen Ländern. Man wollte kein Risiko eingehen – hatte Angst vor einem zweiten Dänemark.

Trotzdem finde ich den Entscheid falsch. Abgesehen davon, dass ich bezweifle, dass „yasser“ für alle Muslime spricht: Dieser Grad von muslimischer Empfindlichkeit darf sich nicht als Präzedenzfall etablieren.
Das ist natürlich einfach daher gesagt, wenn es nicht die eigenen Gefühle sind, die verletzt werden. Gerade in der aktuellen weltweiten Auseinandersetzung mit dem Islam und seinen verschiedenen Ausprägungen braucht es aber auf allen Seiten eine dickere Haut. Wenn man schon mit Hintergrundmusik in Spielen ein Problem hat, wie soll man sich dann über politische Differenzen unterhalten?

Man vergleiche mit dem regelmässigen Kleintheater, wenn Marilyn Manson ein Gastspiel hält. Einige Ultrareligiöse protestieren gegen die anti-christliche Symbolik und fühlen sich zutiefst verletzt. Die Empfindung wird von der breiten Öffentlichkeit nicht geteilt: man reagiert auf Manson amüsiert bis gelangweilt.

Diese Gleichgültigkeit gegenüber dem Gebrauch von religiösen Symbolen möchte „yasser“ verhindern, und er ist bereit, dafür den Preis zu zahlen, die Freiheit von Kunstschaffenden zu beschränken.

Es ist deshalb feige, das Sony dem Druck einer religiösen Minderheit nachgibt. Man kann sich nicht auf der einen Seite über christliche Fundis lustig machen, wenn sie vor dem Hallenstadion demonstrieren, aber dann den muslimischen Fundis nachgeben, weil man Angst vor gewalttätigen Protesten hat.

Die Entwickler von Little Big Planet, Media Molecule schreiben:
As some of you may have noticed, LBP has been slightly delayed in some territories. At MM we were as shocked and dismayed by this as anyone – shellshocked and gutted. […] We learnt yesterday that there is a lyric in one of the licensed tracks which some people may find offensive, and which slipped through the usual screening processes. Obviously MM and Sony together took this very seriously. LBP should be enjoyable by all.

Das ist nobel, aber unmöglich. Man kann es nicht jedem Radikalen recht machen. Ich vermisse Rückgrat.

Was meint ihr?

Update:

Wie angenommen teilen nicht alle Muslime die Auffassung von „yasser“. Das American Islamic Forum for Democracy sagt gegenüber EDGE Online:

Muslims cannot benefit from freedom of expression and religion and then turn around and ask that anytime their sensibilities are offended that the freedom of others be restricted. […] The free market allows for expression of disfavor by simply not purchasing a game that may be offensive. […] To demand that [the game] be withdrawn is predicated on a society which gives theocrats who wish to control speech far more value than the central principle of freedom of expression upon which the very practice and freedom of religion is based. […] The fact that the music writer is a devout Muslim should highlight that at the core of this issue is not about offending ‘all Muslims,’ but only about freedom of expression and the free market.

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4 Gedanken zu “Muslime vs. Little Big Planet

  1. Es ist unverstaendlich, wesshalb Sony nicht das Gespraech sucht und eine Diskussion mit "Yasser" anstrebt. Ein solches Verhalten fuehrt doch nur zur Erpressbarkeit. Wie waere es denn, wenn "Yasser" das Spiel entweder ohne Ton spielt oder eben gar nicht spielt. Ich gehe ja auch nicht in ein Marilyn Manson Konzert, wenn mir die Verwendung christlicher Symbolik aufstoesst. Mehr noch sollte sich "Yasser" Gedanken machen, wesshalb ein Song eines populaeren Musikers seines Glaubenskreises bei ihm auf Ablehnung stoesst. Ist es nicht vielmehr eine Ehre fuer eine Gaubensgemeinschaft, wenn eines ihrer Mitglieder ein Computerspiel musikalisch untermalen darf und das noch mit wunderbaren Texten? Denn nur wenn der Text in den Zusammenhang mit etwas verwerflichem gebracht wird, kann ich "Yasser"s Reaktion verstehen. Dass er sich aber mit sowas abgibt ist noch viel Verwerflicher und zeigt auch ein unkonsequente, nicht-logisches Denken auf. Folglich gebe ich dir recht, Sony darf so nicht handeln.

  2. Mich erinnert das an das Skandälchen um Manhunt 2. Das sehr brutale Spiel wurde schon vor der Veröffentlichung heftig angegriffen und z.B. in England zunächst nicht zugelassen (nach einem Gerichtsverfahren dann aber schon). In einem Anfall von vorauseilendem Gehorsam sah sich damals Sony Schweiz (der Vertrieb) genötig, das Spiel gar nicht erst zu importieren und damit effektiv zu zensurieren.So etwas hatten wir schon einmal: der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hays_Code">Hays Code</a> der amerikanischen Filmindustrie. Weil ein junges Medium von Moralaposteln unter Druck gesetzt wird, greift man zur freiwilligen Selbstzensur, um den Markt zu sichern.Die Games-Branche steht vor einer ähnlicher Entscheidung. Es wäre zu begrüssen, wenn sie ihre eigenen Produkte etwas selbstbewusster vertreten würde.Der Hays-Code wurde erst rund 30 Jahre nach seiner Einführung abgeschafft. Ich hoffe sehr, dass wir das bei den Games nicht noch einmal durchexerzieren müssen.

  3. Wir von der "Church of Pong" protestieren seit Jaaaaaahren – leider vergeblich – gegen die bildliche Darstellung unseres Propheten. Der Heilige Weissen Strich (Friede seiner Nachleuchtzeit!) wurde damals von Atari und wird heute von Emulatoren entwürdigend dargestellt. Wir sind auch empört und beleidigt! Sehr! Hoffentlich lenkt jetzt Atari endlich ein, dank Sony!

  4. Kann Dir nur recht geben. Zwar ein verständlicher, aber feiger Entscheid. Wobei Rückgrat zu zeigen für eine dänische Zeitung, die wohl nicht extrem von muslimischen Lesern/Abonnenten abhängt, wesentlich einfacher ist. Sony als globales Unternehmen ist da bestimmt viel angreifbarer und auch Boykottaufrufe könnten schnell grössere Summen kosten, von möglichen Prozessen gar nicht zu sprechen. Wieso sollten also ausgerechnet sie für die Kunst- und Meinungsfreiheit einstehen und dafür die Zeche bezahlen?Ausserdem hat Sony, soweit ich weiss, bereits jetzt eine Vorliebe zur Beschränkung von Content. Auf UMDs gibts keine Pornografie und auch bei BluRay soll Sony mit dem Entzug von Lizenzen gedroht haben.

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