Pro Juventute: "Kriegsspiele müssen sich ans Völkerrecht halten"

Pro Juventute hat soeben eine Medienmitteilung verschickt mit dem Titel „Kriegsspiele dürfen nicht rechtsfrei sein„.

Einige Highlights:

In Computer- und Videospielen wird oft Gewalt gezeigt und Spielende werden virtuell gewalttätig. Computerspiele sind aber nie ethikfreie Räume. Deshalb sollen in Spielanlagen fiktiver Kriege auch alle Normen gelten, die in realen bewaffneten Konflikten einzuhalten sind. Diese Normen und Werte werden vom humanitären Völkerrecht gesetzt.
[…]

pro juventute und TRIAL wollen Hinweisen nachgehen, wonach wirklichkeitsnah gestaltete Kriegsspiele teilweise Szenen enthalten, die Spielende zu völkerrechtswidrigem Verhalten verführen, indem sie beispielsweise ungestraft Zivilpersonen oder gefangene Kämpfende töten können. Deshalb überprüfen die beiden Organisationen ausgewählte Kriegsspiele auf ihre Verträglichkeit mit universell anerkannten Regeln des Kriegsrechts.

[…]

«Es gibt kein Spiel ohne Regeln und auch im Krieg herrschen Regeln», betont [Marco] Sassòli, [Professor für Völkerrecht an der Universität Genf und Präsident der Akademie für humanitäres Völkerrecht und Menschenrechte]. «Wenn schon virtuell Krieg gespielt wird, muss auch das Kriegsrecht Teil der Spielregeln sein. […] Unsere Computer und Videospielenden sollen dies schon in ihren virtuellen Spielen lernen, sonst entsteht eine Kultur der Rechtslosigkeit

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Bild: Call of Duty: World at War

Einige Fragen stellen sich:

  • Ich bin gespannt, welche Spiele/Szenen sie da ausgraben. Mir fällt spontan gerade kein Kriegsspiel ein,  in dem Kriegsgefangene oder Zivilisten vorkommen. Werden Aliens eigentlich auch vom Völkerrecht geschützt?

  • Wie genau sollte das Völkerrecht im Spiel dann umgesetzt werden? Wenn man einen Zivilisten erschiesst (der nicht etwa Zombie-fiziert war), setzt das Spiel dann aus, während man auf einen Prozess vor dem virtuellen internationalen Gerichtshof warten muss? Und wie soll eine Bestrafung im Spiel aussehen?

  • Folgt Pro Juventute der Logik, dass für Killerspiele das Strafrecht und für Kriegsspiele das Völkerrecht zuständig sind?

  • Kollege Widmer lässt fragen, ob man dann nicht konsequenterweise Monopoly unter die Aufsicht der Bankenkommission stellen müsste?

  • Wird hier nicht die Realität etwas gar arg mit dem Spiel vermischt? Wirft Pro Juventute nicht genau das sonst eher den Gamern vor?
  • Glaubt ein gestandener Völkerrechtsprofessor tatsächlich, dass man von einem Spiel zur Rechtslosigkeit erzogen wird? Dass z.B. Kindersoldaten Drogen eingeflösst werden, wusste ich. Dass die auch zum Gamen gezwungen werden, wäre mir neu.

Für Pro Juventute ist diese Meldung nur ein weiterer Schritt in ihrer Kampagne für eine Kriminalisierung von Gewalt-Spielen; das verwundert also niemanden.
TRAIL hingegen ist ein Verein, der sich für Opfer von Kriegsverbrechen einsetzt, und der beteiligte Völkerrechtsprofessor ist Präsident der Akademie für humanitäres Völkerrecht.  Dass sich diese beiden Institutionen für eine solche Zeitverschwendung hergeben und sich sogar noch strunzdumm zitieren lassen, finde ich erschreckend.

Kriegsverbrechen sind ein ernstes Thema. Wer es mit Spielen in Verbindung bringt, macht sich der Verharmlosung schuldig, weil er so tut, als ob es weniger Kriegsverbrechen gäbe, wenn man nur die Spiele säubern würde.

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7 Gedanken zu “Pro Juventute: "Kriegsspiele müssen sich ans Völkerrecht halten"

  1. Na ja, Formel 1 Rennfahrer ueben schon mal die Circuits an der Playstation. Wahrscheindlich hat die CIA ihre Mitarbeiter in Guantanamo und Afganistan auch an der Playstation geschuhlt. Sogar Schweizer Grenadiere uebern ihr Schiessverhalten in der virtuellen Welt. Wesshalb also sollten Kriegsverbrecher nicht auch mal die Playstation zu Hand nehmen, um Foltermethoden und Graeueltaten durchzuspielen?Btw, vielleicht sollten die Bankmanger ihre Qualitaten wirklich erst in Monopoly unter Beweis stellen.Es Lebe die virtuelle Revolution. Alle koenne wueten und niemand kommt zu schaden. Ach, wie friedlich die Welt doch sein koennte, wenn alle ‚Guten & Boesen‘ den ganzen Tag vor der Konsole hoecken wuerden.

  2. Lernen findet immer in einem Kontext statt.Wenn Rennfahrer, CIA-Agenten oder Grenadiere virtuell trainieren, dann machen sie das mit dem Ziel, sich gewisse Fähigkeiten für die Realität anzueignen; sie sind sich bewusst, dass sie für das richtige Leben trainieren, und dass es nicht im Fantasie geht. Sie trainieren zusätzlich real, und vergleichen den Lerneffekt der realen und virtuellen Trainings laufend. Sie oder zumindest ihre Ausbilder wissen genau, welche Fähigkeiten man sich virtuell aneignen kann und welche nicht. Die Trainings finden in einem institutionalisierten, kontrollierten Rahmen statt, mit einer klaren Zielsetzung.All das trifft für ein Kriegsspiel nicht zu. Gamer wissen, dass sie niemals auf echte Menschen schiessen müssen, und dass sie sich im Spiel in einer Fantasiewelt befinden (auch wenn diese ziemlich echt aussieht). Sie haben kein Lernziel, sondern nur das der Unterhaltung. Sie trainieren nicht und sind nicht in eine Institution eingebettet. Deshalb zweifle ich sehr stark, dass es in diesem Rahmen einen 1:1-Transfer der virtuell erlernten Fähigkeiten gibt. So etwas komplexes wie eine "Kultur der Rechtlosigkeit" zu erlernen, kann man wohl mit gutem Gewissen ausschliessen.

  3. Ich gebe dir ja recht!!Tut mir leid, aber ich kann solche Vorstoesse wie von ProJuventute nicht wirklich ernst nehmen. Denn die Argumente sind leider nicht zu Ende gedacht. Konsequenterweise muessten bei GTA und Super Mario Kart Verkehrsregeln und Speedlimits eingefuehrt werden! Spore muesste den Gesetzen der Evolution folgen! Moorhuhn gehoert verboten! Sogar die Bauernopfer beim Schach werden nicht mehr zugelassen!Wo soll sowas hinfuehren?Wenn du mich fragst, werden heutzutage viel zu viele Dinge nur angedacht. Insbesonders Politiker, Organisation und viele Medienlaeute (ich zaehle dich mal nicht dazu!!) machen kaum noch Ursachenforschung und wenn sie ihre Ideen spinnen, dann werden sie selten konsequent logisch verfolgt.In diesem Zusammenhang musst du meinen vorhergehenden Kommentar auf ironische Art und Weise verstehen. Klar, Kriegsverbrechen sind einen ernstzunehmende Sache. Gerade desshalb sollten sie nicht fuer einen Vorstoss gegen die Spieleindustrie herangezogen werden. Das waere vergleichbar, wie wenn Vergewaltigung zum Verbot von Sado-Maso-Studios herhalten muesste.

  4. Oops, äxgüsi, bin in die Ironiefalle getappt ;)Warum? Weil dein ironisches Argument genau so eben auch ganz unironisch verwendet wird. Ein berühmtes Beispiel dafür ist das Buch "Stop Teaching Our Kids to Kill" von Lt Col <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Dave_Grossman_(author)">Dave Grossman</a>. Der US-Oberst beschreibt darin die Methoden, die während des Vietnamkriegs angewandt wurden, um den Soldaten die Tötungshemmung zu nehmen. Und Games seien eben genau dasselbe (Abstumpfung, Disassoziation). Grossman war einer der ersten, der Gewaltspiele als "murder simulators" bezeichnet hat.

  5. Sorry, ich wollte dich nicht aufs Glatteis fuehren.Mhmm… du scheinst dich mit dieser Materie wirklich auszukennen. Mal schauen, ob ich einen Blick in dieses Buch werfen kann.Wenn ich jedoch richtig verstanden habe, behauptet Dave Grossman ungefaehr, dass durch staendiges Moorhuhn spielen meine Hemmschwelle zum toeten von Huehnern tiefer liegt. Kuerzlich war ich in Indonesien und ich musste feststellen, dass mir beim durchtrennen des Halses von Huehnern immer noch gleich mulmig zu Mute ist, wie vor Jahren. Interessanterweise hat mir das als Kind auf dem Bauernhof meiner Grosseltern nichts ausgemacht. Kurz, die Hemmschwelle ist trotz Moorhuhn gewachsen.Ok, mein Beispiel ist etwas fadenscheinig. Es zeigt jedoch, dass das Umfeld in dem wir leben einen groesseren Einfluss auf unsere Psyche hat, als die Spiele die wir spielen. Folglich wird ein Soldat nur ‚einfach‘ toeten koennen, wenn das Umfeld ihm dies erlaubt oder ihn sogar dafuer belohnt. Das Computergame ist nur ein kleiner Puzzlestein auf dem Weg dahin.Wie hast du eben gesagt: Lernen findet immer im Kontext statt.

  6. Nun ich persönlich finde spiele ja nicht so schlimm, die Gewaltdarstellung ist miest mist, das blut spritzt (in der englischen version) meist unrealistisch viel oder garnicht.Wen man jetzt Filme wie Saw nimmt -ich habe hinter den grausammen morden und verstümmlungen keinen sinn gesehen- dan wird einen ja regelrecht schlecht wen man sich die ansieht.Und natürlich üben Soldaten das Verhalten am pc , weil sie dort am besten und vor allem völlig risikofrei die taktik und die vorgehensweise üben können. Wie man am besten beschuss vermeidet, wo man sich am besten verstecken kann , wie man die umgebung sich zu nutzte macht . ps: Weer rechtschreib feehler fintet darff sie behalden / / / / / /

  7. Ich finde die Idee witzig, sie führt vielleicht zu realistischeren Spielen, andererseits kann zu viel Realismus dem Spielspass auch wieder abträglich sein (siehe z.B. SimCity-Reihe).Was es aber genau bringen soll weiss ich nicht. Einige begründete Zweifel an der Sinnhaftigkeit wurden ja schon genannt. Vielleicht gerade der wichtigste wurde vergessen: Die bisher schlimmsten Menschen- und Völkerrechtsverletzungen wurden von einer Generation getätigt, die noch gar keine Computerspiele kannte. Dass Computerspiele im regulären westlichen Kinderzummer einen Einfluss auf die Kriegsführung haben sollen, ist empirischn derzeit noch nicht gestützt…

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