Mirror’s Edge: Parkour für starke Mägen

Faith ist ein Runner. In einer komplett überwachten Stadt transportiert sie sensible Information. Sie kann nur eins: rennen. Runner fängt man nicht. Runner bewegen sich neben dem Gesetz, obwohl das Gesetz überall ist.

Me1

Über Mirror’s Edge habe ich an dieser Stelle bereits mehrfach geschwärmt. Am Freitag erscheint es nun, und meine Begeisterung ist nicht mehr vorbehaltlos. Mein Hauptproblem: mir wird schlecht dabei. Es wird besser mit der Zeit – meine erste Session musste ich nach zwei Stunden abbrechen und an die frische Luft, so übel war mir. Mittlerweile schaffe ich 4 Stunden am Stück, aber schwummrig ist mir danach immer noch.

Me2

Trotz Magenproblemen gibt es an Mirror’s Edge viel zu bewundern:

  • Die Stadt ist wunderschön gestaltet. Die knalligen Primärfarben sind im Spiel noch besser als auf den Screenshots, sie setzen nämlich Level-Abschnitte von einander ab; ein erstes Haus ist eher in Gelb gehalten, das zweite dann in Grün. Sehr zurückhalten, aber effektiv. Auch zu hören gibt es angenehmes: sparsame eingesetzte, sphärisch moderne Hintergrundmusik und sehr knackige Samples von Faith’s Schritten, Atem und z.B. dem kräftigen Zupacken an einem Eisenrohr.

  • Absolut reduzierte Anzeige: kein Lebensbalken (wenn Faith getroffen wird, graut das Bild ein, wenn sie sich wieder erholt, kommen die Farben zurück), keine Karte, nichts – nur ein kleiner Punkt in der Mitte des Bildschirms. Ab und zu kommen Hände oder Füsse von Faith ins Bild, sonst stört nichts die Immersion. (Dadurch bewegt sich aber immer der ganze Bildschirm, und das fördert die Übelkeit – tja, das ist es wert.)

  • Das Leveldesign ist abwechslungsreich, auch die Mischung von Aussen- und Innen-Levels geht in Ordnung (auch wenn ich nach wie vor die Aussenlevels gelungener finde und etwas weniger Innenlevels besser gewesen wären – ich hab das schon an der Games Convention befürchtet). Wenn Faith draussen herumrennt, ist das Spiel schneller, die Sprünge grösser, die Aussicht schöner. In Räumen ist das Spiel zwangsläufig langsamer, eingeengt. Und das schlichte Design wird schneller langweilig.

  • Das Tempo ist ebenfalls gut gestaltet: Druckphasen mit unzähligen schiesswütigen Verfolgern und ruhigere Abschnitte zum Durchatmen wechseln sich gut ab. Insgesamt ist das Spiel gehetzter geworden, als ich erwartet habe (der sphärische Soundtrack ist hier irreführend).

  • Mirror’s Edge ist ein „Flow„-Spiel. Es ist aber nicht einfach, diesen hinzukriegen. Im Gegenteil, Mirror’s Edge ist erbarmungslos. Wenn der Sprung über die Strassenschlucht einen Zentimeter zu kurz ist, dann ist er zu kurz und Faith stirbt. Die Checkpoints sind allerdings sehr gut gesetzt – ich musste nie eine lange einfache Strecke noch einmal bewältigen, nur um die schwierige Stelle wieder zu erreichen. Trotzdem: man wird immer wieder mal länger an einer Stelle im Spiel hängen bleiben. Dann ist Geduld, Präzision und harte Arbeit gefordert. Die Befriedigung ist dafür um so grösser, und unfair behandelt habe ich mich nie gefühlt. Das klassische Game-Design-Mantra ist damit gut umgesetzt: Easy to learn, hard to master.

  • Built-in Speedruns! Jeden Level, den man geschafft hat, kann man später auf Zeit noch einmal spielen. In einem Interview sagt der Produzent, dass seine Tester Levels in 7 Minuten durchsprinten, für die ein Anfänger 40 braucht. Das ist eine enorme Verbesserungsspanne (in einem Rennspiel wirst du eine 3-Minuten-Runde niemals in 40 Sekunden fahren). Diese riesigen Zeitsprünge werden durch geschickte Routenwahl, perfektes Timing und absolute Präzision möglich – wer also gerne an Streckenzeiten feilt, kann sich hier austoben. 

Me3

Einige Aspekte von Mirror’s Edge sind allerdings etwas enttäuschend:

  • Kämpfe mit Gegnern versucht man in der Regel zu vermeiden, weil man selten eine Chance hat. Es gibt allerdings ein paar wenige Stellen im Spiel, wo die kampflose Variante unendlich viel schwieriger ist – vier mit Schrotflinten und Riot Gear ausgerüstete Polizisten zu entwaffnen habe ich nie geschafft. Man nimmt also dem ersten die Waffe ab und schiesst auf die verbleibenden drei. Dann zeigt sich aber sehr deutlich, dass Mirror’s Edge kein Shooter ist – die Steuerung im Kampf ist schlicht schrecklich. Die schwedischen Entwickler DICE waren bisher für Battlefield bekannt – all dieses Shooter-Know-How hat sich wohl vor Mirror’s Edge auf dem Klo versteckt.

  • Einige haben wohl eine offenere Welt erhofft (wie z.B. in Crackdown). Das ist kein Erkundungsspiel, sonder eigentlich ein ganz klassischer Plattformer mit einzelnen Levels, die nur lose zusammenhängen. Für mich kein Problem, aber wer erwartet, sich frei in der Stadt umsehen zu können, wird enttäuscht.

  • Völlig unverständlich finde ich dafür das: keine Replay-Funktion! Wenn man einen spektakulären Sprung beim zehnten Versuch endlich geschafft hat, will man sich das noch einmal in Ruhe ansehen und geniessen, in Slow Motion und aus verschiedenen Kamera-Perspektiven. Aber nein, die Kamera bleibt im Kopf von Faith und man muss sich selber vorstellen, wie cool das wohl gerade ausgesehen hat. Hier hätte man bei der Burnout-Serie abkupfern sollen oder den Superstunts in GTA: wenn Winkel, Geschwindigkeit und Absprung stimmen, verlässt die Kamera die First-Person-Perspektive, das Spiel übernimmt die Kontrolle und zeigt den Sprung in Slow Motion. Oder eine freie Rewind-Funktion wie in FIFA. Gibt es alles nicht, und das ist sehr, sehr schade.

Faith

Wenn Mirror’s Edge an der Kasse erfolgreich ist, bekommen wir vielleicht eine Fortsetzung zu sehen. Das Spiel hat das Zeug zu einer Franchise, wenn man noch etwas mehr Wert auf den Flow legt (weniger Kämpfe, weniger Levels in engen Räumen, mehr Freiheiten) und uns unbedingt ein Replay spendiert. Faith hat es verdient, dass wir ihre Sprünge auch mal von aussen sehen dürfen.

Apropos Faith: nach Samus Aran in Metroid endlich wieder eine weibliche Hauptfigur, die nicht vollkommen übersexualisiert ist. Klar, in einem Parkour-Game wäre eine ausladende Anatomie nicht gerade glaubwürdig gewesen. Dass man aber widerstehen konnte, die Kamera hinter Faith zu setzen und ihren Hintern wackeln zu lassen, ist nicht selbstverständlich (dafür ist Faith’s Kollegin Celeste im Tutorial zuständig, tja, ganz ohne ging es dann doch nicht). Die Story von Mirror’s Edge ist zwar holzschnittartig, Faith als Figur aber glaubwürdig. Bravo!
Advertisements

2 Gedanken zu “Mirror’s Edge: Parkour für starke Mägen

  1. Ich werde mir das Game sicher noch reinziehen, hat mich seit den ersten Sceenshots fasziniert. Bei der Demo wurde mir nie schlecht, mal sehen wie das dann bei richtigen Game Sessions wird…

  2. habe mir die demo reingezogen, ist nicht gerade leicht das spiel, aber hammer grafik… und wenn man vom hochhaus runter fliegt, dann wird doch ziehmlich derb…

Sag was!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s