Getwitter aus Mumbai

Die Terroranschläge in Mumbai werden in der Blogosphere intensiv diskutiert, weil erste Beschreibungen von Augenzeugen über Twitter verbreitet wurden. Wohl auch aufgrund der Zeitverschiebung zu den USA waren diese Berichte über Twitter schneller und deutlich vor der Berichterstattung im Fernsehen verfügbar.

Einige Exponenten der Web-2.0-Clique geraten darob aus dem Häuschen:

Michael Arrington schreibt: 

You can jump up and down and shout all you want that Twitter isn’t a real news source. But all you are doing is viewing the world through a reality lens that’s way outdated. People want information fast and raw from people who are on the scene. If it gets a little messy along the way, that’s ok. […] What matters isn’t any individual Twitter message and whether it’s right or wrong. It’s the organism as a whole, the aggregate, that lets people stream what they’re witnessing in real time to the world. That aggregate stream gives us more information, faster, than anything before.

Mumbaitweets

Ich störe mich dabei weniger an der Argumentation als an den verwendeten Begriffen. „Source“ geht gerade noch durch, „Journalism“ aber nicht mehr. Was wir auf Twitter sehen, sind Augenzeugen-Berichte. Twitter ist damit ein Quelle für Journalismus, nicht mehr und nicht weniger.

Arrington nimmt an, dass wir selber Quellenarbeit leisten wollen/können. Dass wir die Nachrichten direkt, schnell und roh erhalten wollen und dass wir dann in der Lage sind, uns ein eigenes Bild zu machen. Er geht davon aus, dass die aggregierten Augenzeugenberichte und die Reaktion anderer Twitterer darauf Fehler oder Fehleinschätzungen korrigieren.

Das ist eine sehr eingeschränkte Auffassung davon, was Journalismus leisten soll und was die interessierte Öffentlichkeit von Journalimus erwartet. Es ist eine Reduktion auf reines Reporting. Ein Augenzeuge ist kein Journalist.

Gute Journalisten können eine Geschichte packend erzählen, können Ereignisse einordnen in einen grösseren Kontext, können zwischen dem unbeteiligten Empfänger und dem Ereignis eine Brücke bauen, können eine Auswahl treffen, die mich auch gut informiert, wenn ich nur wenig Zeit habe, mich mit einem Thema auseinander zu setzen.

Journalisten, deren Berichterstattung und Hintergrund ich kenne, kann ich vertrauen. Auch die Institution, der sie angehören – die eine nachvollziehbare Geschichte hat und Regeln einhält – verdient sich dieses Vertrauen.

Ich sage nicht, dass Blogger und Twitterer dies nicht leisten können. Es erfordert aber mehr Können und Vorwissen, als man bei Augenzeugen voraussetzen kann.

Ich glaube nicht, dass die Newskonsumenten in jedem Fall die Arbeit der Quellenkritik und der Einordnung selber erledigen wollen. Es ist zwar gut, dass wir dank neuer Technologie diese Möglichkeiten haben, wenn wir sie nutzen wollen. Daraus aber zu schliessen, dass alte, bewährte Formen der Information nicht mehr benötigt werden, ist schlicht Unsinn.
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