Der Tages-Anzeiger drückt den grossen roten Panikknopf

Ich erinnere mich noch gut an die Zeiten, als die alten Medien bei jeder Gelegenheit ihre Vorherrschaft reklamiert und abschätzig über Blogs oder Social Media wie Digg berichtet haben. Klar, das sei alles wahnsinnig interessant, aber das seien halt keine richtigen Journalisten und auch keine richtigen Medien.

Nun scheint es, dass immer mehr alte Medien die Methoden der neuen Medien übernehmen, in einem verzweifelten Versuch, ihren Leserzahlen-Erdrutsch zu stoppen.

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Persoenlich.com berichtet heute über die neue Ausrichtung des Tages-Anzeigers. Man redet laut persoenlich.com von einem Paradigmenwechsel:

Die Zeitung soll vom Belehrenden weg und mehr entsprechend dem Leserinteresse entwickelt werden. Dabei will man sich am Newsnetz orientieren. Beim Online-Verbund werden die Leserzahlen für jeden Artikel peinlich genau und in Echtzeit gemessen. Was den Leser nicht mehr interessiert, verschwindet von den prominenten Positionen. Bei der Print-Ausgabe des „Tagi“ kann man zwar das Interesse am einzelnen Artikel nicht messen wie beim Newsnetz, trotzdem soll der Wunsch des Lesers noch mehr Befehl sein. Wie interne Quellen erzählen, werde man künftig aufgrund der Klickzahlen entscheiden, welche Themen und Geschichten im „Tagi“ aufgemacht werden. […] Tamedia Verwaltungsratspräsident Pietro Supino soll vom Newsnetz so begeistert sein, dass er sogar einen Web-Seismographen im Büro hängen hat. Auf dem einen Flachbildschirm kann er jederzeit die vom Publikum am meist gelesenen Artikel überblicken, die vom Newsnetz produziert werden.

Also genau das, was Digg schon lange macht – und genau das, worüber bis jetzt die richtigen Journalisten ihre Nasen so stark gerümpft haben, dass das Blut kam.

Mal davon abgesehen, dass es mich milde amüsiert, dass sich der Tagi offenbar als „belehrend“ einschätzt: was ist an belehrend denn so schlimm? Ich halte das eigentlich für eine Kernaufgabe einer guten Zeitung. Wozu soll ich die sonst lesen wollen? Damit sie mir sagt, was ich schon weiss?

Ausserdem: Gegen die Gratiszeitungen anzutreten, indem man sich ihnen annähert, ist keine gute Idee. Wenn sich der Tagi am Schluss gleich liest wie das 20min, dann ist letzteres immer noch gratis. Für welches Blatt entscheiden sich die Pendler dann wohl?

Aus diesen Gründen zweifle ich auch etwas daran, dass die internen Informationen, die persoenlich.com da erhalten haben will, wirklich ein vollständiges Bild der Tagi-Strategie zeichnen. Ich gehe davon aus, dass man – wenn das erste „Wow!-Zahlen!“-Flash mal verraucht ist – mit diesen Statistiken macht, was man mit jeder Statistik machen sollte: zur Kenntnis nehmen, nicht mehr und nicht weniger.

Was meint ihr? Geht der Tagi zu weit? Oder bin ich auf dem falschen Dampfer und stehe der Demokratisierung der Schlagzeile im Weg?

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8 Gedanken zu “Der Tages-Anzeiger drückt den grossen roten Panikknopf

  1. Find ich super! Jopi auf die Front! Clickt alle hier: http://www.tagesanzeiger.ch/panorama/vermischtes/Jopie-Heesters-hat-seinen-Bambi-wieder/story/10309948Spass beiseite! Damit schafft sich der Tagi selber ab. Die 20minuten-isierung ist sein Tod. Was ist eigentlich das Ziel? Eine gutbetuchte Chefetage, die 10 Praktikantinnen beaufsichtigt, wie sie Agenturmaterial in der Reihenfolge der Anzahl Clicks, Stichzeit 23 Uhr, im Akkord ins Layoutsystem stopfen? Noch das lässt sich automatisieren. Am Ende macht Pietro Supinos Sekretärin alles alleine, ganz ohne Martin Kall, Res Strehle, Hartmeier & Co.

  2. denke nicht, dass sich der tagi zu arg dem zwanzig minuten annähert, nur weil er die meistgeklickten artikel abdruckt. tagi online und 20min.ch unterscheiden sich ja schon.bin gespannt, wie die umsetzung konkret aussieht. aber ich erwarte zwar von einer zeitung nicht, dass sie mich belehrt. aber ich will auch nicht das lesen, was ich am letzten tag schon auf dem bildschirm hatte.

  3. Was erwartest du denn von einer Zeitung, Herr Jarjour?Mir geht es ja nicht um den Ton, oberlehrerhaft mag niemand. Aber etwas beigebracht bekommen will ich schon. Mich erinnert das an ein Experiment meines Deutschlehrers: weil die Klasse etwas bockig war, durften wir mal zwei (?) Semester lang selber die Bücher zum Lesen auswählen. Mit der Folge, dass wir Thriller auf Kioskniveau gelesen haben und uns nun ein Jahr klassische Bildung fehlt. Naja, selber schuld!

  4. was, bitte schön, ist am Tagi noch belehrend?!? Voller Köpfler rein in den Boulevard und dann aufschreien, wenn man sich den Kopf am Bürgersteig aufschlägt… Ich sage: Doppelabo WOZ und NZZ!

  5. habs schon getippt, guido. und dann wieder gelöscht, wollt ja nicht den klugscheisser machen. wär ich eine zeitung hätt ich nämlich au es bitzli panik… erwarten tu ich von einer zeitung nichts. lesen tu ich eine, wenn sie mir in die finger kommt. ich hab nämlich kein abo. krieg ja aber hier auf der redaktion und in den kafis recht oft eine in die finger. dann gern hintergründe, meinungen, kolumnen und einzigartiges. dazu service (party-tipps, kultur-tipps, event-tipps, tipps halt). alles, was über news-news hinausgeht. aber! das kann ja s’internet alles auch – und zum teil besser.was halt das schöne ist an einer zeitung: sie macht mich zum teil auf sachen aufmerksam, für die ich nicht wusste, dass ich mich dafür interessiere. aber! das machen gute internetzeitungen ja auch.mmh. mir fällt grad kein schlagendes argument ein für eine papier-zeitung. das ding mit «ich will das halt in meinen händen halten» kann ich nicht so gut nachvollziehen.und jetzt hab ich ein wenig angst in die dunkle nacht zu gehen und vor allem davor, dass mir ein zeitungs-journi übern weg läuft. angst hab ich.ein argument fällt mir ein. nein doch nicht. s’hätte sich wieder auf sonntagszeitungen bezogen. die les ich nämlich gern. und wochenzeitungen sowieso. und magazine auch. tammi, aber doch nicht jeden tag.

  6. @NON-JARJOUR: Genau, es gibt keinen Unterschied zwischen einem Artikel auf dem Netz und auf Papier.Jedenfalls ist der Unterschied nicht die Form, sondern die Autoren dahinter. Die Ausbildung, die sie erhalten. Die Zeit, die sie haben, um sich mit einem Thema zu beschäftigen. Das Budget, das ihnen vielleicht eine Reise erlaubt. Die journalistischen Regeln, auf die sich die Dach-Institution einigt. Zugang zu Fachleuten, eigenes Fachwissen. Interne Kritik-Kultur. Etc.Gerade das Internet sollte es ja wissen: Garbage In, Garbage Out. Das gilt für Blogs genauso wie für Zeitungen.Darum: wenn ich eine Zeitung wäre, die mit weniger Leuten mehr produzieren muss und deshalb all die obigen Punkte zu vernachlässigen beginnt – dann hätte ich Panik. Wenn ich aber gute Leute hätte, die guten Inhalt produzieren, dann würde ich darauf vertrauen, dass Menschen auch in Zukunft deren Texte lesen wollen.@Dom: machen wir jetzt hier Abo-Outing? Also gut: NZZ, EDGE, National Geographic.

  7. dann sind wir uns recht einig, guido. die frage ist nur, wie lange erscheinen diese texte noch täglich auf papier?möglicherweise wird der tagi bald nur noch drei mal die woche in der papier-fassung rausgegeben. oder einmal die woche. und dann irgendwann gar nicht mehr. und dann gibts hoffentlich bald gscheite reader dafür – auf denen man sich die zeitung abonnieren kann, wie heute einen radio- oder tv-podcast.

  8. Wenn die Verleger dann noch merken das andere Medien auch noch Leute abzügeln, wirds bei den Elektromedien auch heisser… Hab nur den Tagi und zufrieden (basler ohne baz)

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