Sturm im Wasserglas: Facebook, die Medien und die Demokratie

Facebook hat vor einigen Wochen ihre Terms of Service (TOS) geändert. Laut Facebook wollte man vor allem die TOS verständlicher formulieren, und nicht etwa die TOS faktisch verändern. Kommuniziert hat man diese Änderung nicht.

Das stellte sich als Fehler heraus: irgendwann realisierte jemand, dass sich die TOS geändert haben und machte das publik. Plötzlich begannen sehr viele Leute, die TOS zu lesen und in alle beliebigen Richtungen zu interpretieren. Im wesentlichen geht es darum, dass Facebook das Recht hat, Daten der Nutzer weiterzugeben. Das war vorher schon so. Trotzdem begannen einige, Panik zu schieben.

Fb

Diese Panik wurde gestern von den Massenmedien und den Datenschutzbeauftragten aufgenommen und verstärkt. Weil es im Moment opportun ist, Facebook in einer Schlagzeile zu haben und sich lauthals für den Datenschutz einzusetzen. Die Kommentare sind geprägt von Überreaktion und Unwissen.

Zuckerberg hat das Problem gestern so erklärt:

Our philosophy is that people own their information and control who they share it with. When a person shares information on Facebook, they first need to grant Facebook a license to use that information so that we can show it to the other people they’ve asked us to share it with. Without this license, we couldn’t help people share that information. […] People want full ownership and control of their information so they can turn off access to it at any time. At the same time, people also want to be able to bring the information others have shared with them […] to other services and grant those services access to those people’s information. These two positions are at odds with each other.“ Facebook Blog, On Facebook, People Own and Control Their Information

Damit Facebook den Dienst überhaupt möglich machen kann, müssen sie das Recht haben, Daten vom Nutzer weiterzugeben (z.B. an andere Nutzer). Die Frage ist nicht, ob sie dieses Recht haben sollen – wenn sie es nicht kriegen, funktioniert der Dienst gar nicht. Sondern wie sie das erhaltene Recht nutzen, also wem sie unter welchen Bedingungen welche Daten weitergeben.

Diese differenzierte Sichtweise habe ich nirgends gelesen, die Problematik ist offenbar vielen zu komplex. Das ist enttäuschend. Mein Kommentar zu Google Latitude lässt sich copypasten: 

Datenschutz ist ein Deal. Ich gebe gewisse Daten von mir preis und erhalte dafür etwas (andere Daten, Funktionalität). Um auf einen solchen Deal eingehen zu können, muss ich über das System Bescheid wissen, und für mich persönlich entscheiden, ob der Deal aufgeht. Unbestritten ist bei einem solchen Handel immer Vertrauen im Spiel. […] Es ist deshalb legitim, mit Nachdruck präzise und ausführliche Information und Transparenz zu fordern. Diffuse Angst ist aber nie ein guter Ratgeber.

Heute hat Zuckerberg nun angekündigt, dass die geänderten TOS rückgängig gemacht und die alten wiederhergestellt werden. Er schreibt:

Based on this feedback, we have decided to return to our previous terms of use while we resolve the issues that people have raised. […] Our next version will be a substantial revision from where we are now. It will reflect the principles I described yesterday around how people share and control their information, and it will be written clearly in language everyone can understand. Since this will be the governing document that we’ll all live by, Facebook users will have a lot of input in crafting these terms. You have my commitment that we’ll do all of these things, but in order to do them right it will take a little bit of time.“ Facebook Blog, Update on Terms

Zucki

Dieses Zurückrudern wird von den Panikmachern ohne Zweifel als Erfolg gewertet werden – was ihre Ahnungslosigkeit erneut beweist: Sind doch nun wieder die gleichen TOS aktiv wie früher, mit den gleichen weitreichenden Rechten von Facebook und noch dazu in unverständlicher Sprache.

Natürlich ist der Post von Zuckerberg in Watte gepackte Corporate-Speak eines Unternehmers, der auf das Vertrauen seiner Nutzer angewiesen ist. Es bestätigt aber auch eine Prognose, die ich an anderer Stelle schon gemacht habe: Nutzer erwarten, dass sie gewohnte politische/rechtliche Strukturen auch in der virtuellen Welt wiederfinden. Wie Zuckerberg schreibt: Facebook hat mit über 175 Millionen die Einwohnerzahl eines grossen Landes, und damit eine grosse Verantwortung. Ich habe den Eindruck, dass er sich dieser Verantwortung bewusst ist und sie wahrnehmen will.

Facebook hat mit ihren TOS eigentlich lediglich das getan, was ohne Ausnahme alle Betreiber eines Social Network oder einer virtuellen Welt tun. Sie bestimmen die Bedingungen selber, und sie ändern sie unilateral. Und sie formulieren sie zu Beginn immer so, dass vor allem ihre eigenen Interessen und Angriffsflächen abgesichert sind.
Wenn die Nutzer sich dann auf diesen Dienst einlassen und in ihrem Alltag einbauen, erwarten sie irgendwann Mitspracherecht; unilaterales und defensives Vorgehen wird nicht mehr akzeptiert. Das zeigt die aktuelle Diskussion, und das hat man bei Facebook sehr wohl begriffen.

In diesem Licht muss man Facebook als fortgeschritten bezeichnen. Im Gegensatz zu vielen anderen Betreibern (die aber nicht im Fokus der Medien stehen) haben die Facebook-Leute diese Problemfelder erkannt und bemühen sich, Lösungen für ein sehr komplexes Problem zu finden. Jetzt Facebook als böse und gefährlich hinzustellen, zeigt nur, wie wenig man diese Fragen wirklich verstanden hat.

Wir erhalten hier die Gelegenheit, die Datenschutz-Problematik in aller Komplexität zu diskutieren und sogar aktiv an einer Lösung mitzuarbeiten. Und zugegeben: diese Möglichkeit ist dank dem jetzt aufgebauten Druck entstanden. Trotzdem: Wer einfach auf Panik macht und die Leute mit Alarm-Schlagzeilen veräppelt, führt sie mehr hinters Licht als das Facebook jemals getan hat.

Hilfreich wäre es stattdessen, sich mal hinzusetzen, nachzudenken und die vielen Einstellungen anzuschauen, die Facebook heute schon bietet, um Datenschutz-Fragen Rechnung zu tragen.
Eine tolle Zusammenstellung mit Tipps ist hier: 10 Privacy Settings Every Facebook User Sho
uld Know
Wenn man diese Tipps befolgt, hat man sich so ziemlich gegen jede unangenehme Situation abgesichert und kann den Dienst trotzdem nutzen.
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6 Gedanken zu “Sturm im Wasserglas: Facebook, die Medien und die Demokratie

  1. Schöner Post, speziell nach unzähligen Beispielen von Schundjournalismus über Google und Facebook in den letzten paar Tagen.Was Du aber nicht ganz richtig beschreibst, ist der Vorwand, unter welchem der Sturm losging. Eine der Aenderungen an der TOS betraf die Weiterverwendung der Daten, nachdem sie ein User wieder aus seinem Profil gelöscht hat (z.B. weil es ihm/ihr peinlich wurde), nicht einfach die Weitergaben, welche natürlich immer schon Inhalt sein musste. So wie ich es verstanden habe, räumte sich Facebook neu das Recht ein, diese auch nach Entfernung noch weiter verwenden zu dürfen. Aber es ist eh egal was geändert wird, solange die Newsnetz Digital"redaktion" auf Boulevard machen kann. Die Woche gabs schon nen Metaartikel, der die "Meinung der Leser" wiedergab. O-Töne kamen allesamt aus den lächerlichen 18 Kommentaren des Artikels vom Vortag… Meiner kam nicht vor, wurde der Kommentar doch um den kritischen Teil zensiert 🙂

  2. Du hast Recht, den Teil mit den Kopien habe ich weggelassen. Zucki (ich sag ihm jetzt so) macht das Beispiel mit einer Nachricht, die man über Facebook verschickt: wenn du die von mir erhältst, wird eine Kopie davon erstellt, die nicht verschwindet, wenn ich die Nachricht bei mir lösche. Das ist konsistent: normale E-Mails verhalten sich genau so. Diese Kopie-Regel bezieht sich ausserdem nach meinem Verständnis z.B. nicht auch auf Fotos, oder?

  3. In die jetzt wieder alte TOS wurde z.B. dies eingefügt: "The following sections will survive any termination of your use of the Facebook Service: Prohibited Conduct, User Content, Your Privacy Practices, Gift Credits, Ownership; Proprietary Rights, Licenses, Submissions, User Disputes; Complaints, Indemnity, General Disclaimers, Limitation on Liability, Termination and Changes to the Facebook Service, Arbitration, Governing Law; Venue and Jurisdiction and Other." Folgender Satz wurde gestrichen: "You may remove your User Content from the Site at any time. If you choose to remove your User Content, the license granted above will automatically expire, however you acknowledge that the Company may retain archived copies of your User Content."So wie ich das lese bezieht sich das auf jedweden User Content, also auch Bilder. In der umstrittenen TOS würde also durch löschen von Content oder schliessen des Accounts die an Facebook gegebene Lizenz nicht mehr auslaufen. Finde dies zwar nicht per se bedenklich und auch die Schlagzeilen könnten differenzierter sein, aber verstehe zumindest den Unmut der User, dass eine solche ziemlich weitreichende Aenderung nicht offener kommuniziert wurde.Wird auf jeden Fall ein spannendes Experiment, wie in Zukunft die Interessen der Firma Facebook und die der User sich entwickeln und welche Kompromisse wie erzielt werden können, damit die Plattform für beide weiterhin Sinn macht.

  4. Ok, ja. Allerdings würde ich auch hier sagen, dass der alte Satz ("however you acknowledge that the Company may retain archived copies of your User Content") genau das gleiche bedeutet wie der neue, ausführliche; dass letzterer aber klarer und somit transparenter ist.Sie nehmen sich also das Recht, Kopien zu behalten. Entscheidend ist aber, was sie damit anstellen. In der aktuellen Diskussion haben Zuckerberg und andere FB-Exponenten immer betont, dass sie die Daten der Nutzer nicht verwerten wollen; dass sie aber eine solche Lizenz brauchen, um mir zu ermöglichen, meine Daten mit dir zu teilen; und dass diese geteilten Daten bei dir bleiben, auch wenn ich sie lösche. Das ist alles schriftlich und somit etwas, worauf man sich in späteren Diskussionen berufen kann – ein Wort, dass sie unmöglich brechen können.In der jetzt gegründeten Gruppe "Facebook Bill of Rights and Responsibilities" wird Zucki so deutlich, wie man sein kann:"1. You own your information. Facebook does not. This includes your photos and all other content. 2. Facebook doesn’t claim rights to any of your photos or other content. We need a license in order to help you share information with your friends, but we don’t claim to own your information."http://www.facebook.com/group.php?gid=69048030774Deshalb finde ich es eben auch wichtig, dass man selber Verantwortung dafür übernimmt, welche Daten man mit wem teilt – wenn sie mal geteilt sind, wird es schwierig, die wieder einzufangen. Ich befürchte, dass viele Benutzer ihre Daten unabsichtlich mit dem ganzen Netzwerk teilen. Wenn man sich aber darüber beschwert, hat man seine Hausaufgaben nicht gemacht. Und die wären: die 10 Tipps da oben durchlesen.

  5. Grundsätzlich bin ich mit dir einig, dass Selbstverantwortung nötig ist. Wenn ich ein Foto poste, ist wohl nicht in erster Linie die FB-TOS ein Grund für mögliche Probleme, sondern eher aktive User (je nach Einstellung Friends oder alle FB User), die es donwloaden und z.B. an meinen Chef schicken.Da AGBs sowieso ein kompliziertes Gebiet sind, diese aus einem anderen Rechtsraum stammen und in Englisch sind, ist es schwierig, über Nuancen zu diskutieren. Bin aber nicht einig, das letztere einfach klarer und transparenter ist. Der gestrichene Satz sagte IMHO aus, dass für gelöschten Content die Lizenz an FB nicht mehr gilt und der Teil mit "retain archived copies" nur zur rechtlichen Absicherung dient, weil auch nach der Löschung der Content z.B. auf einem Backuptape noch vorhanden sein kann. Durch streichen dieses Satzes und der Ergänzungen verfiel die Lizenz an FB nicht mehr.FB erhielt dadurch zwar nicht mehr Rechte am Content, die bereits definierten aber neu auf praktisch unbestimmte Zeit. Inwiefern das jetzt dieses Echo rechtfertigt (gestern sogar in den ARD 20:00 Uhr Nachrichten), erschliesst sich mir aber nicht ganz. Wenn ich meine peinlichen Kotzbilder lösche und FB mir auch danach weiterhin Werbung der Anonymen Alkoholiker einblendet, ist dies doch zu begrüssen…

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