Kinder spielen Gewalt

Wer hier regelmässig liest, kennt meine Haltung zu Gewalt in Games. Ich bin der Ansicht, dass die erlebte und selber ausgeübte virtuelle Gewalt in den allermeisten Fällen keine Auswirkungen hat, die über einen momentanen Erregungszustand hinausgehen. Dass die virtuelle Gewalt also in den allermeisten Fällen nicht zu echter Gewalt führt.

Die Forschung kann diese Frage noch nicht abschliessend beantworten; was nicht etwa daran liegt, dass man es nicht versuchte, sondern daran, dass es grundsätzlich schwierig ist, zuverlässig Faktoren zu bestimmen, die bei einem Individuum zu gewalttätigem Verhalten führen (auch Armut, Drogen und selber erlebte Gewalt – alles Faktoren, die statistisch die Gewaltbereitschaft erhöhen – bestimmen das Verhalten Einzelner nicht). Und schlicht zu definieren, was den Gewalt ist (böse Sachen denken? Fluchen? Schlagen?) und wie man Gewaltbereitschaft messen soll.

Gun
Foto: Timothy Allen. Buddhist boy monks playing hand gun in Bhutan 

Deshalb soll es hier nicht um die Frage des Kausalzusammenhanges gehen. Vielmehr möchte ich die Diskussion in einen grösseren Zusammenhang stellen; die Frage, ob der Konsum von Gewaltdarstellungen schädlich ist, beschränkt sich nämlich nicht auf Games allein. Man erinnere sich an die Brutalo-Video-Diskussion oder die Frage, ob Spielzeugpistolen böse sind.

In den reichen Industrienation leben wir in einer Gesellschaft, die so gewaltlos ist wie noch nie zuvor. Wir haben echte Gewalt aus unserem Leben so gut wie verbannt. Wann seid ihr persönlich das letzte Mal mit echter Gewalt konfrontiert gewesen? Gewalt ist sicher nicht ein alltägliches Ereignis für die meisten von uns. Das ist eine zivilisatorische Leistung, die uns überhaupt erst ermöglicht, über die Wirkung von Fantasie-Gewalt nachzudenken.

Wir sind uns nämlich bewusst, dass man sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen kann. Um den gewaltlosen Zustand zu erhalten, ist Wachsamkeit gefordert! Und das ist letztlich die Motivation der Gewalt-Medien-Debatte: die gespielte Gewalt erinnert uns an die echte und daran, wie schwierig es war, diese in den Griff zu bekommen. Und so liegt der Schluss nahe: wenn wir den Gedanken an Gewalt verhindern, beugen wir der Tat vor. Deshalb sind nicht nur Gewalt-Games schlecht, sondern auch Gewalt-Videos, Gewalt-Bücher, Spielzeug-Waffen und generell allzu wildes Getobe auf dem Pausenplatz. Es geht nicht nur darum, die Gewalt aus unserem Alltag zu vertreiben, sondern auch aus der Fantasie.

Gerard Jones hat in „Killing Monsters: Why Children Need Fantasy, Superheroes and Make-Believe Violence“ die These vertreten, dass es im Gegenteil für Kinder sehr gesund sein kann, wenn sie Gewalt spielen dürfen. Er findet z.B. Räuber-und-Poli ein tolles Spiel, weil es auch physisch benachteiligten Kindern erlaubt, ein Gefühl des Triumphs und der Macht zu erleben, wenn sie mit der Hand auf jemanden zeigen und „abdrücken“ – etwas, dass beim Fussballspielen nicht möglich ist. Es sei für Kinder deshalb toll/begehrenswert, einmal Macht zu erleben, weil sie in ihrem Alltag ständig mit Ohnmacht konfrontiert sind (körperliche und reglementarische Grenzen).

Jones ist der Ansicht, dass der oben beschriebene Abwehrimpuls der Erwachsenen nicht hilfreich ist. Gespielte Gewalt könne durchaus eine gesunde Funktion in der Gesellschaft haben. Ein Book Review gibt es z.B. hier.

Jones‘ Thesen werden nun von Peg Tyre in „The Trouble With Boys: A Surprising Report Card on Our Sons, Their Schools and What Parents and Educators Must Do“ gestützt. Ars Technica hat das Buch ausführlich besprochen: Keeping violent media away from boys could be a bad idea

Tyre stellt darin fest, dass Jungs in einer eigentlichen Krise sind:

Boys get expelled from preschool at four times the rates of girls […]. They are prescribed the lion’s share of ADHD medication, they get most of the C’s and D’s in middle school, and they drop out of high school more than girls. Currently, only 43% of undergraduates in the United States are men.

Das führt sie darauf zurück, dass Jungs vermehrt daran gehindert werden, natürliche Gewaltfantasien auszuleben, und dass sie darunter leiden. Sie weist darauf hin, dass Fantasien, die sich um Gewalt drehen, durchaus einen kulturellen Wert haben können:

It doesn’t matter whether Mormons in Utah or lesbians in Cambridge are raising boys. Many of them play and think around violence […].We might see them as doing something potentially dangerous. But actually what they’re doing is playing around with ideas of courage and valor, good versus evil, and teamwork. These are ideas we want to inculcate in our culture.

Natürlich kann Tyre nicht beweisen, dass zwischen den beobachteten Problemen der Jungs und dem Gewalt-Verbot ein kausaler Zusammenhang besteht. Die These ist aber eigentlich nicht soweit hergeholt: Jungs, die von Superhelden und Monstern fasziniert sind, bekommen von ihrem erwachsenen Umfeld signalisiert, dass  das ungesund ist; was zu Sorgen, Unkonzentriertheit und schlechten Noten führt. Die Jungs bezahlen jetzt schon den Preis für die erwachsene Utopie der gewaltfreien Gedanken.

Tyre schlägt vor: „[L]et boys be boys by simply letting them engage in the aggressive fantasies that come to them naturally„. Ich würde anfügen: Wenn ein Mädchen mal ihrem rosa Pony den Kopf abschneiden möchte, soll sie das tun. Das ist nur Plastik.

An die Eltern unter euch: wie hält ihr es mit den Gewalt-Spielen eurer Kurzen? Was ist erlaubt, wo zieht ihr die Grenze?

And on a lighter note: es dreht gerade ein Video einer japanischen TV-Show die Runden (hier bei Garr auf Posterous gefunden), das uns an den Spass erinnert, den gespielte Gewalt machen kann.

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2 Gedanken zu “Kinder spielen Gewalt

  1. Als erstes wäre es noch interessante zu wissen, weshalb die Jungs von den diversen Schulen fliegen. That being said; ich frage mich sehr oft, wie viel und welche Art von gespielter Gewalt ich beim Spiel meiner drei Jungs tolerieren soll.Ich ziehe da klare Grenzen wenn sie sich z.b. gegenseitig das Holzschwert an den Hals setzen und von abtrennen sprechen. Aber wahrscheinlich eher darum, weil ich die Vorstellung meiner auf diese Art versehrter Kinder selber degoutant finde.Auch im Räuber-Poli Spiel auf einander zielen kommentiere ich manchmal damit, dass man dies nicht mache. Im Wissen darum dass sie es natürlich trotzdem tun, wenn ich nicht zuschaue. Damit ist Ihnen dieses Spiel nicht verwehrt und trotzdem kann ich die Message platzieren, dass Gewalt an sich nichts feines ist. Bei dieser Message geht es meiner Meinung nach auch um den Respekt vor anderen Individuen und deren Integrität.Wir könnten in diese Diskussion auch noch die Evolutions-Theorie reinbringen! Dann könnte man auch argumentieren, dass die Kinder, die nicht in der Lage sind ohne gespielte und gelebte Gewalt umzugehen ZU RECHT aus dem System ausscheiden. Die Tatsache aber, dass Gewalt im limbischen System (Sex, Food, Agression) und damit in einem der ältesten Teile unseres Gehirn’s gesteuert wird wirft diese These allerdings rasch über den Haufen.Wahrscheinlich MÜSSEN sich Kinder in Ihrer Entwicklung spielerisch mit der eigenen Gewaltfähigkeit auseinandersetzen. Ich denke, dass wir (als Erzieher) ihnen helfen müssen, die Erfahrungen die sie dabei machen einzuordnen.

  2. Zum Sozialdarwinismus: wer aus der Schule fällt, ist vielleicht vom rechten Pfad abgekommen, aber ja noch immer in der Lage, sein Genmaterial weiterzugeben. So würde Natural Selection nicht funktionieren. Und ein "aktiveres Eingreifen" würde dem Ideal der gewaltfreien Gesellschaft ziemlich direkt widersprechen, wäre aber (und ist wahrscheinlich!) Roman-Stoff.Jones gibt übrigens ziemlich gute Erziehungs-Tipps, in drei Kategorien. Die erste nennt er "Modeling" und schlägt vor: "Be what you want them to be", weil die Familie den viel grösseren Einfluss auf die Entwicklung eines Kindes hat, als die Unterhaltung, die es konsumiert. Unter "Mirroring" fallen z.B. "Pay attention to how they’re using their fantasies" und "Encourage them to tell their stories", also Gewalt-Fantasien nicht einfach ignorieren, sondern sie besprechen, auch, um herauszufinden, ob sie evtl. in einem Zusammenhang stehen. Und schliesslich unter "Mentoring" z.B. "Help them distinguish fantasy from reality", "Give them the tools to take control", "Intervene when necessary – but with care" und "Help them to make it into more"; also auch hier nicht einfach ignorieren oder verbieten, sondern beibringen, wie man damit umgeht.

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