Die Angst des Feuilletonisten vor dem Gezwitscher

Ich frage mich, warum die Feuilletonisten eigentlich solche Angst vor Twitter haben.

Twitter boomt gerade gewaltig – je nach Schätzung zwischen 6 und 8 Millionen Benutzer, eine Zahl, die sich in den letzten zwei Monaten verdoppelt hat. Während die Blogosphere einen weiteren Erfolg eines Web-2.0-Projektes feiert, die Einfachheit der Anwendung lobt oder von den Möglichkeiten schwärmt, zeigen sich die alten Medien einmal mehr verwirrt, verständnislos und teilweise offen feindselig.

Gezwitscher

Ein Beispiel dieser Ablehnung: die Fragen, die Spiegel Online dem Gründer von Twitter, Evan Williams, stellt:

Befeuert Twitter Narzissmus und Dummheit?
Das meiste, was auf Twitter kursiert, ist belangloses Geschnatter von zweifelhaftem Erkenntniswert.
Sie […] haben bislang überhaupt kein funktionierendes Geschäftsmodell […]. Das kommt vor dem Hintergrund einer kollabierenden Weltwirtschaft schon etwas dekadent daher.
Usw.usf., mehr davon hier: Macht twittern dumm, Herr Williams? (Spiegel Online)

Da gefällt sich jemand aber sehr in der Hard-Hitting-Investigating-Journalist-Pose. Immerhin hat Williams die Gelegenheit zu kontern:

Es ist mir ein Rätsel, warum von jedem neuen Medium verlangt wird, dass es uns plötzlich in Wesen verwandelt, die nur noch Weisheiten absondern. […] Außerdem: Wer sagt denn, dass belangloses Geschnatter wertlos ist? Es ist immerhin ein menschliches Grundbedürfnis, die eigenen Gedanken mit anderen zu teilen – und für die sind meine Gedanken gar nicht belanglos, weil ein persönliches Interesse besteht.

Das entlarvt den Feuilletonisten. Er hat den Anspruch, ein grosses Publikum zu erreichen, und rechtfertig das, indem er glaubt, dass jeder von ihm abgesonderte Satz vor Relevanz nur so strotzt. Auf Twitter erreichen einzelne ein vergleichbar grosses Publikum – da muss der Futterneid durchbrechen.

Hach, welche Ironie! Die echten Journalisten halten sich offenbar für etwas besseres – verfehlen es aber gerade in ihren Twitter-Bashings, diesem Anspruch gerecht zu werden. Warum anständig recherchieren, wenn man stattdessen ein, zwei Stunden auf search.twitter.com rumhängen kann und sich die blödesten Meldungen in seinen Moleskine notieren kann? Wenn sich die Eigenheiten und Subtilitäten bis dann noch nicht eröffnet haben, ist natürlich das Medium schuld! 

Klar, sich über ungelenke Posts von Politikern lustig zu machen, das schreibt sich locker-luftig. Über ein neues Medium nachzudenken, fällt offenbar schwer:

Wenn ich wollte, könnte ich ununterbrochen […] Menschen, die ich kaum kenne, inhaltsarme Minitexte senden. Ich brauche aber hin und wieder Zeit zum Nachdenken, ich lese auch ganz gerne mal einen längeren Text. Dazu muss ich mich konzentrieren, ich kann nicht gleichzeitig simsen.“ 

Das ist richtig, Herr Martenstein, das könnten Sie. Wenn Sie denn wollten, könnten Sie aber durchaus auch nachdenken und gehaltvolle Diskussionen führen auf Twitter, mit Menschen die Sie kennen oder noch kennenlernen. Leider haben Sie sich dafür entschieden, nicht nachzudenken, und das statt an Twitter an Die Zeit zu senden. Dort wird es veröffentlich, weil es so cool ist, wenn sich ein Journalist „gegen den Mainstream stemmt“ und über etwas schreibt, worüber alle schreiben und es irgendwie doof findet, weil es alle Kollegen irgendwie doof finden.

Diesen reflexartigen Zuckungen dürfen wir nun offenbar jedes Mal zusehen, wenn sich diese Interwebs wieder etwas neues ausdenken. Blogs, Second Life, Facebook  waren schon dran, jetzt darf Twitter den Kulturpessimismus befeuern.

P.S.
Ich erinnere gerne an die Titanic, die den Second-Life-Medien-Hype vor zwei Jahren so kommentiert hat:
Die zur Recherche verknurrten Journalisten stehen sich gegenseitig auf die Füsse und wundern sich, dass sie nicht verstehen, was da abgeht.
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