Grand Theft Auto Chinatown Wars: Huang auf Drogen

Huang Lee ist der Sohn eines Triaden-Scheffs und in Hongkong mit dem Goldlöffel im Mund aufgewachsen. Jetzt kommt er nach Liberty City, um die Mörder seines Vaters zu finden. Huang gefällt mir. Der junge Mann ist direkt und lässt sich von niemandem beeindrucken. Wenn ein schleimiger Mafioso ihn als Nudeljunge beschimpft, durchschaut Huang den Bluff sofort und entblösst den schäbigen Godfather-Abklatsch schonungslos. Und wenn sein Onkel von Ehre und Pflicht labert, nickt Huang nicht ab, sondern weisst den Onkel keck auf dessen perverse Pornosammlung hin. Furchtlos, schlagfertig – und eine echte Identifikationsfigur, gar nicht das verbreitete Asien-Nerd-Klischee, das man überall ausserhalb von Hongkong-Filmen antrifft.

Huang

Die Hauptfigur von Grand Theft Auto Chinatown Wars ist also gelungen. Die Grundstimmung unterscheidet sich allerdings deutlich von GTA IV. Nicht schwermütig, komplex und lang, sondern leichtfüssig, ironisch, kurz und überdreht – erinnert mich eher an San Andreas als an Niko Bellic. Das ist richtig entschieden. Chinatown Wars ist für die Nintendo DS. Zu Hause auf dem Sofa hätte ich Zeit und Musse, um im Auto Radio zu hören und den Dialogen zwischen Niko und Kollegen zu lauschen. Nicht so unterwegs, da will ich schnell zur Sache kommen.

Wie wir es uns von Rockstar gewohnt sind, provoziert auch Chinatown Wars: diesmal mit einem Drogenhandel-Minigame. Ja, Huang singt nicht im Kirchenchor – und die klassischen Geldverdien-Methoden von GTA (Taxi fahren, Ambulanz, Autos klauen etc.) sind dem Triaden-Sprössling zu Weichei. Deshalb baut er sich ein Kontaktnetz zu Dealern auf, alle sauber im PDA gespeichert. Zum Dealer hinfahren, billig kaufen, auf eine Gelegenheit warten (die per Email angekündigt wird) und dann teuer verkaufen – eine einfache Handelssimulation.

Deal

Unterhaltsam – mein erster grosser Heroin-Deal war richtig aufregend – aber für meinen Geschmack etwas zu simpel. Angebot und Nachfrage beeinflussen sich nicht, ob ich kleine oder grosse Mengen verkaufe, beeinflusst den Preis nicht, die günstigen Angebote per Email sind zufällig – da hätte es noch Raum für etwas mehr Komplexität gehabt.

Sei’s drum – die Deals finden in einer grafisch hervorragenden Umgebung statt. Chinatown Wars spielt im gleichen Liberty City wie GTA IV – ausser dem Stadtteil im Westen Alderney (die Entsprechung von New Jersey) wurde die Stadt komplett abgebildet. Die Perspektive erinnert an die Ur-GTAs, ist aber nicht etwa flaches 2D, sondern eine echte 3D-Engine mit nettem Cellshading. Das sieht hervorragend aus und ist eine beachtliche technische Leistung.

AngriffDriveby-chaosFahrt_im_bulldozerHubschrauberkampf_ueber_statueIm_fadenkreuzNeue_rekrutenPolizeiverfolgungStunt-jump_im_comet

Einige Ecken und Kanten bleiben unabgeschliffen:

Die Polizei von Liberty City hat für die Chinatown Wars offenbar Personal aufgestockt und den Polizisten ausserdem alle Anger-Management-Kurse gestrichen. Deshalb gehen sie nun deutlich aggressiver vor als in GTA IV. Ich musste mich viel häufiger mit wilden Polizisten herumschlagen und wurde auch deutlich öfter verhaftet. Das ist übertrieben. Zwar sind die Verfolgungsjagden spannend, weil man neu Fahndungssterne nicht nur per Pay’n’Spray loswerden kann, sondern auch, wenn man Polizei-Autos durch Rammen oder Abdrängen verschrottet. Wer verhaftet wird, verliert aber wie üblich alle Waffen. Das bedeutet in der Regel, dass man neue kaufen muss – und dass die meisten stattdessen lieber einen alten Spielstand laden. Dieser Reflex sollte gerade auf einer mobilen Plattform vermieden werden.

Die Steuerung der Autos ist schlicht genial: die Wagen richten sich automatisch sanft an der Strasse aus (ein Konzept, das oft kopiert werden wird!). Sich zu Fuss fortzubewegen, ist dagegen mühsam. Einerseits, weil die Steuerung mit dem Steuerkreuz der DS halt sehr old school digital und im Gegensatz zu einem Analogstick unpräzise ist. Andererseits, weil sich die Kamera anders verhält als im Auto, sich viel weniger schnell hinter dem Spieler positioniert. Man bleibt also des öfteren an Ecken hängen oder
trifft einen Hauseingang nicht. Schade.

Und dann hat man versucht, den Touchscreen der Nintendo DS gut zu nutzen und viele Minigames für den Stylus eingebaut. Z.B. beim Klau eines Autos, wenn man per Touchscreen Abdeckungen abschrauben, Kabel kurzschliessen oder einen Zahlencode knacken muss. Eigentlich abwechslungsreich, aber für meinen Geschmack etwas zu oft – manchmal halt nervig, weil man bloss mit einem Auto irgendwo hinfahren wollte, und das Minigame zum Starten den Fluss unterbricht.

Auto_kurzschliessen

Doch das ist nur Mäkelei im Kleinen. Chinatown Wars übersetzt die GTA-Formel virtuos auf die tragbare Plattform. Liberty City lebt, auch innerhalb der engen technischen Grenzen der Nintendo DS. Die Vielschichtigkeit von GTA IV fehlt zwar, stattdessen erhalten wir schnellen Spass. Rockstar Leeds (auch schon verantwortlich für die PSP-Versionen von GTA) beweist, dass sie genau wissen, wie Spielen unterwegs geht.
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