MadWorld: Der Grosse Mittelfinger

Der junge Mann wohnt noch in der Wohnung der Eltern, hat eine gute Erziehung und Ausbildung genossen, und wird bald auf den eigenen Beinen stehen – ist also drauf und dran, ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft zu werden. Man diskutiert Probleme im Familienkreis offen aus, man versteht sich, der Umgang ist freundschaftlich. Der Vater hat seit den 80ern ein Herz für Rap und die Mutter fährt den Jungen regelmässig in den Skatepark.

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Vor ein paar Jahrzehnten hätte sich der Junge in sein Zimmer zurückziehen und die Stereoanlage laut aufdrehen können. Heavy Metal, Punk, Hip Hop – das hätten seine Eltern wahnsinnig lärmig gefunden, hätten sich besorgt zu Texten oder Bildwelten geäussert, hätten versucht zu verhindern, dass er sich so anzieht wie die Idole, hätten die eine oder andere Platte konfisziert oder das Taschengeld gestrichen. Das ist vorbei.

Sollte dieser junge Mann am Rande der Pubertät nämlich das Bedürfnis verspüren, etwas zu rebellieren, seine eigenen Grenzen und die seines Umfelds auszutesten, dann kann er die Musik als Medium vergessen. Jede Strömung war schon vor ihm da und hat höchstens seine Grosseltern aufgeregt. Er wird sich im Gegenteil dagegen wehren müssen, dass sich die Eltern seinen iPod ausborgen.

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In dieses Vakuum springt MadWorld. MadWorld ist der grosse Mittelfinger. MadWorld will provozieren. MadWorld spuckt den Pädagogen, den Kulturpessimisten und dem Nanny State Blut ins Gesicht.  Und Madworld gibt den jungen Männern von heute eine letzte Möglichkeit, sich von ihren Eltern abzugrenzen. Etwas für sich zu haben, etwas, das die besorgten Eltern nicht verstehen.

Und so drückt MadWorld alle roten Knöpfe. Sie behaupten seit Jahren ungerechtfertigterweise, in Killerspielen bekomme man Punkte dafür, Menschen zu töten? Bitteschön, in Madworld bekommt man nun tatsächlich Punkte. Je grausamer und spektakulärer der Mord, desto mehr Punkte. Es gibt Kategorien wie „Hardcore Violence“ und „Ultra Violence“. Einen Gegner mit der Motorsäge (schon im Logo!) mittendurch in zwei Teile zu sägen, reicht dazu aber nicht, das ist lediglich „Routine Violence„. Mit Verkehrsschildern durchbohren, vor den Zug werfen, in eine Abfalltone mit der Aufschrift „Human Garbage“ werfen – MadWorld verlangt mörderische Kreativität und vergiesst Blut in Hektolitern. Das Ziel dieses Spiels ist so klar, dass man nicht um den heissen Brei herumreden kann: Du sollst möglichst viele Gegner möglichst brutal umbringen.

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MadWorld ist auch in seinen Anleihen alles andere als subtil. Der Plot aktualisiert The Running Man mit Terroristen, die Hauptfigur („Jack, just Jack“) und der Stil kopieren Sin City. Damit grenzt sich MadWorld elegant vom Realismus-Vorwurf ab. Hier wird nicht möglichst realistisch Grausamkeit dargestellt. Stattdessen wird stilisiert, überdreht und parodiert. Die Gewalt ist ein Spiel im Spiel: Terroristen haben eine Stadt auf einer Insel in ihrer Gewalt und organisieren die brutalste TV-Show aller Zeiten: „Death Watch“. Der Schwarz-Weiss-Stil à la Frank Miller, die Zwischensequenzen mit überdrehten Figuren (z.B. der MC der Bloodbath Challenges, der wie South-Park-Kenny immer wieder von neuem stirbt), die Sprüche der TV-Kommentatoren aus dem Off, das überraschend gute Skript und Voice Acting – wer das ernst nimmt, glaubt auch an den Osterhasen.

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Der Graphic-Novel-Stil von MadWorld ist erfolgreich, führt aber manchmal zu Orientierungsschwierigkeiten, weil es nicht immer einfach ist, bestimmte Objekte vor dem Hintergrund zu erkennen. Ausserdem hatte ich öfters Mühe, die Gegner im Blick zu halten und anzuvisieren – eine Kombination aus manueller Kamerasteuerung, schlechtem Lock-On und unpräzisere Steuerung. Gelungen ist dafür der Einsatz der Wii-Fernbedienung und des Nunchuck. Alle spektakuläreren Angriffe erfordern wildes Fuchteln, was schlicht – man kann es nicht anders sagen – befriedigend ist.

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Mit MadWorld verliert die Nintendo Wii nun also ihre Unschuld. Ein Spiel für (junge) Erwachsene, und überraschenderweise eher NICHT für Gewalt-Junkies. Wer auf Folter-Porno wie z.B die „Saw„-Reihe steht, wird MadWorld lahm finden: Elemente wie Angst, Kontrolle, Schock oder seelische Grausamkeit spielen keine Rolle. Das Ziel ist Mindless Fun, eine Geisterbahn voller grossartiger „Wow, habe ich das jetzt wirklich getan?!“-Momente. MadWorld nutzt sich wahrscheinlich schnell ab – in kurzen Schüben gespielt ist es aber schlicht erfrischend anti-establishment.

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6 Gedanken zu “MadWorld: Der Grosse Mittelfinger

  1. Nette these mit dem letzten möglichen stinkfinger für picklige jungs – doch draussen in der peripherie schockt man auch mit punkfrisur noch genau gleich wie eh und je und stell dir erst mal ein depressives mädchen in gothikkleidchen (ohne süssen emo-touch) und ein bube mit rabenschwarz geschminkten augen und spinnen in glasgefässen vor…nur weil wir so schrecklich tolerant sind und uns nie sorgen machen, glaube ich nicht, dass das der grossteil der eltern auch so sieht…dein madworld kann also EIN mittel sein, sich von doofen erwachsenen abzugrenzen, aber wohl eher nur eines unter vielen….

  2. Also gut, vielleicht nicht das einzige Mittel, aber bestimmt ein sehr effektives. Weil sich erwachsene Ängste so leicht in die Darstellung projizieren lassen. Und weil die elterliche Frage "Warum braucht es das eigentlich? Was gibt dir das?" schon immer mit "Dann erst recht!" beantwortet wurde.

  3. jetzt muss ich mich auch einmal zu wort melden…. die ganzen diskussionen von killerspielen in jüngster zeit erstaunen mich. Ich verstehe die argumente von gewissen sp berner nationalräten, die gleichzeitig schulleiter sind. aber sie sind schlicht falsch. wieso sollten erwachsene, gestandene personen, welche moralisch und ethisch gesetzt sind, bevormundet werden? nur weil gewisse eltern ihre verpflichtungen nicht ernst nehmen. was soll das? man kann uns „gamern der ersten stunde" diese spiele nicht vorenthalten. Es ist ein hobby, das ich bis heute mit meinen freunden teile. und wo ist dann die sogenannte grenze des guten geschmacks?? Sie fängt bei counterstrike oder anscheinend madworld an und wo hört sie auf? Wird am schluss mario verboten, weil es animiert, dass ich meinen freunden auf den kopf springe… entschuldige den sarkasmus, aber ich meine es ernst. wo ist diese grenze? Spritzt nach den wünschen einiger politiker nachher grünes blut oder wird sogar ein probotector aus snes zeiten verboten. Man schiesst dort auch auf leute….politiker wie roland näf haben meiner Ansicht keine ahnung. klar hat er früher Spiele programmiert und eine Stunde bei seinem Sohn Stranglehold gespielt, der hoffentlich das 18. Lebensjahr erreicht hat. Aber so wie ich nie "Hornusse" spielen werde und mich dieses hobby auch gar nicht reizt, wird er nie den Reiz eines Stranglehold, eines CounterStrike oder eines Game of the year GTA 4 begreifen. Das ist kein vorwurf oder eine unterstellung. Es ist leider eine tatsache. hoffnung auf einsicht verliere ich dennoch nicht. Solche killerspiele gehören wie die filme oder auch literatur mit gewaltinhalten nicht in die hände von unter 18-Jährigen. nicht die medien sind das problem, es sind die eltern. ein ebenso jungfräuliches problem ist, dass die jungen immer mehr alkohol trinken…. Sehr geehrter Herr Näf, verbieten sie den Alkohol. Dir, lieber guido, gebührt respekt. Deine situation in der sendung „club“ war nicht einfach. Du hast dich aber gut gehalten und die meinung vieler personen widerspiegelt…. Danke!

  4. Hallo Hr. Bergerich habe mir den trailer angeschaut und kann einfach nicht verstehen, dass man so viel gewalt toll finden kann. ich bin überzeugt, dass diese aggressiven taten in den (jungen) menschen, die ihren weg suchenund vielfach zu wenig liebe bekommen, noch mehr aggressionen auslösen. im unterbewusstsein prägen sich solche gewaltstaten einfach fest und die hemmschwelle wird dadurch immer mehr abgebaut.Ich weiss, sie sagen es sollen nur erwachsene diese spiele spielen, aber viele teenies haben kleine geschwister die mitschauen. viele junge bekommen durch visuelle eindrücke albträume und psychische probleme und deswegen sollte mehr liebe als gewalt vorgelebt werden.ironie der sache am schluss des trailers: schöne glöckchenmusik und freundliche wünsche.ich wünsche mir mehr "vorleben" einer menschheit die sich gerne mag und nicht bekämpft…..

  5. Hallo Herr Kübler,dass eine Hemmschwelle abgebaut wird, glaube ich nicht. Es gibt ganz klar eine Gewöhnung, das lässt sich nachweisen. Diese belegte Gewöhnung ist aber an die Darstellung der Gewalt, nicht das Ausüben von Gewalt. In den allermeisten Fällen (bei gesunden, moralisch gefestigten jungen Menschen) gibt es keine Verstärkung von tatsächlicher Gewalt.Sie beschreiben ausserdem die folgende Situation: ein junges Kind, dass ohne Aufsicht der Eltern Gewaltmedien konsumiert, davon Albträume bekommt und auch sonst eher vernachlässigt wird. Eine solche Situation würde ich auch als problematisch einstufen. Sie verhindern dies aber nicht, wenn es das Spiel nicht gibt. Dieses Kind wird weiterhin vernachlässigt und mit anderen Darstellungen (z.B. TV, Bücher, Beobachtungen im Umfeld) konfrontiert werden, die es nicht einordnen kann. Es ist die Aufgabe der Eltern, diese Situation zu verhindern.Ich bin der Meinung, dass es durchaus möglich ist, im richtigen Leben ein gewaltloses Vorbild zu sein und sich dennoch gleichzeitig mit Fantasie-Gewalt zu beschäftigen. Und ich bin auch sicher, dass jungen Menschen diesen Unterschied begreifen.

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