Uuuse the Fooorce, Luuuke! Emotiv Headset im Test

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Am diesjährigen Tweakfest hatten Kollega Müller und ich die Gelegenheit, das Headset von Emotiv Systems zu testen. CEO und Cofounder Nam Do zeigte uns, wie das Teil funktioniert. Nam hatte einen Prototypen dabei; das Produkt soll noch dieses Jahr in den Verkauf kommen, für lediglich 300 Dollar.

Das Emotiv EPOC ist eine helmartiges Gebilde mit einer Reihe von Sensoren, die Hirnströme messen und drahtlos an eine Software übermitteln. Die Software interpretiert diese Hirnströme und ordnet die Muster bestimmten Gedanken zu. Man trainiert das System, indem man sich auf eine bestimmte Aktion konzentriert und das dabei erzeugte Hirnstrom-Muster misst. Später kann dann dieses Muster erkannt und erneut der Aktion zugeordnet werden. So wird es möglich, per Gedanken eine Aktion auszulösen.

Wenn man das Headset aufsetzt, wird es zuerst kalibriert, indem man einfache Gesichtsausdrücke macht und überprüft, ob ein Gesicht in der Software die Bewegungen richtig nachmacht. Mit den Augen blinzeln, lächeln, auf die Stockzähne beissen – und bei Bedarf entsprechende Empfindlichkeitsregler verstellen. Währenddessen misst die Software ständig einige Grundwerte wie Aufmerksamkeit, Aufgeregtheit, Ärger. Die Aufmerksamkeitskurve ist z.B. besonders spannend zu beobachten, wenn man seinem Gesprächspartner zuhört und peinlich berührt bemerkt, wie die Aufmerksamkeit sinkt…

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Nun beginnt das eigentliche Training. Es geht darum, einen orangenen Würfel zu manipulieren, in dem man sich auf eine bestimmte Aktion konzentriert. Dazu wählt man sich zunächst eine einzige aus, ich wählte „Im Uhrzeigersinn drehen“. Nam Do forderte mich auf, an gar nichts zu denken und mich zu entspannen. Dann misst die Software den Grundaktivität des Gehirns, sozusagen das Grundrauschen. Dann erhielt ich die Anweisung, mich auf Kommando ganz stark darauf zu konzentrieren, den Würfel zu drehen (was ich ausserdem mit einer entsprechenden Handbewegung in der Luft unterstützen konnte). Die dabei entstehenden Hirnströme wurden während 8 Sekunden von der Software aufgezeichnet. Und schon liess sich das Drehen des Würfels reproduzieren: wenn ich mich darauf konzentrierte, drehte sich der Würfel. Daran zu denken, einen Würfel zu drehen, und den dann tatsächlich drehen zu sehen: aufregend!

Ich habe versucht, mir sowohl einen sich drehenden Würfel vorzustellen, als auch den Satz „Dreh dich nach rechts“ zu denken. Nam Do sagt aber, dass die Methode des Einzelnen keine Rolle spielt, weil die aufgezeichneten Muster ohnehin individuell sind. Und wie üblich gilt: je mehr man die Software trainiert, desto besser wird sie.

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Den Würfel anzuhalten, fand ich schwieriger, als ihn in Bewegung zu versetzen. Ein eigenartiger Feedback-Loop: weil ich den Würfel drehen sah, dachte ich an einen drehenden Würfel, was ihn in der Drehung hielt. Gezielt an nichts oder etwas anderes zu denken, erfordert einiges an Gedankenkontrolle. Das Erlebnis hatte deshalb etwas Zen-Artiges, Meditatives: der Wechsel zwischen Konzentration und Entspannung, der Versuch, nur einen möglichst klaren Gedanken zu fassen.

Nach den Dreh-Übungen ergänzten wir mein Training um eine zweite Aktion: den Würfel verschwinden zu lassen. Wieder das gleiche Prozedere: 8 Sekunden langt konzentriert aufzeichnen, danach versuchen, zu reproduzieren. Die aufgezeichneten Muster können ausserdem mit weiteren Aufzeichnungen verbessert werden.

Also eine weitere Schwierigkeit: zwei verschiedene Aktionen ausführen. Es fiel mir nicht leicht, diese auseinander zu halten. Ich würde aber sagen, dass ich mindestens einmal das Gefühl hatte, wirklich kontrolliert den Würfel verblassen und dann drehen zu lassen. Diesen Grad von Kontrolle mit nur einer halben Stunde Training zu erreichen, ist eine beachtliche technologische Leistung der Emotiv-Software. Nam Do sagt, dass seine Entwickler bis zu acht Aktionen gleichzeitig ausführen können – an acht Dinge gleichzeitig denken und die auch ausführen. Also den Würfel nach hinten schieben, gleichzeitig verblassen, drehen etc.

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Das Emotiv Headset soll eine traditionelle Eingabemethode nicht ganz ersetzen – eine Ergänzung ist sinnvoller, realistischer und auch praktischer. Ein Email nur zu denken, und schon steht es geschrieben auf dem Bildschirm – dazu ist die Technologie definitiv nicht fähig. Aber z.B. einen Text zu markieren (mit der Maus), zu kopieren (mit der Tastaturkombination) und dann die Applikation zu wechseln (per Gedanken) scheint mir eine gelungene Kombination.

Besonders aufregend finde ich den Einsatz in Games (Nam Do sagt, dass sie mit vielen grossen und kleinen Entwicklern in Kontakt stehen, es gibt SDKs). Auch hier geht Nam Do nicht davon aus, dass ein Kontroller vollständig ersetzt wird. Stattdessen werden bestimmte Aktionen vom Emotiv übernommen. Als Beispiele denke man sich ein Abenteuer-Spiel, im Martial-Arts-Umfeld. Man steuert die Spielfigur wie gewohnt über die Tasten und Sticks des Kontrollers. An einem bestimmten Punkt in der Geschichte lernt man aber eine neue Fähigkeit, z.B. zu schweben. Und diese Fähigkeit wird nun per Gedanken und Emotiv gesteuert. Man würde also z.B. über Abgründe schweben können, nicht, indem man eine bestimmte Tastenkombination drückt, sondern indem man sich darauf konzentriert!

Damit würde das System auch inhaltlich sinnvoll in ein Spiel eingebunden. Man kann sich ausmalen, welchen Einfluss das auf die Immersion in der Spielwelt hätte! Rennen weiterhin mit dem Stick, Schlagen mit einem Knopf, aber Schweben oder Arkanblitze schleudern mit den Gedanken. Bei $300 muss ich da nicht lange überlegen, ob ich das will.

Weil die Software ausserdem laufend Aufregung oder Frustration misst, wäre es ausserdem denkbar, z.B. den Schwierigkeitsgrad des Spiels in Echtzeit anzupassen oder einen allzu entspannten Gamer etwas zu überraschenFlower könnte ich mir jedenfalls sofort als Emotiv-Spiel vorstellen.

Wir haben auf DRS 3 über den Emotiv-Test berichtet, nachhören
kann man hier: Die Sendung mit der ferngesteuerten Maus. Und ein Video gibt es auch, bitteschön:

P.S.
Nach der Emotiv-Demo sahen wir uns noch den Reactable an:

Das Instrument lässt sich sehr direkt und intuitiv bedienen. Man hört nicht nur, was man tut, man sieht es auch, exakt da, wo man manipuliert hat. Komplexe musikalische Zusammenhänge werden sichtbar. Und: Kollaboration ist unheimlich einfach: es stellt sich einfach eine zweite oder dritte Person an den Tisch.

Reactable

Dieses Musikinstrument passt wunderbar an das diesjährige Tweakfest, das unter dem Oberthema „InterFaces“ steht. Die digitale Musikproduktion erfolgt ja weitgehend über Maus, Tastatur und Bildschirm. Kein Wunder, dass man von „produzieren“ spricht – körperlich gesehen unterscheidet sich dieser Vorgang nicht von arbeiten. Der Reactable erinnert uns daran, dass Musik machen auch etwas Körperliches sein soll – ein Instrument beherrschen und etwas im Moment erschaffen, es spielen.

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2 Gedanken zu “Uuuse the Fooorce, Luuuke! Emotiv Headset im Test

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