Gbanga: Virtuelle Viecher in der realen Stadt

Ich mache mich zu Fuss auf vom Radiostudio Richtung Bahnhof Oerlikon. Am Bucheggplatz hatte ich schon Glück: Ein Elefant und eine Schildkröte sind mir am Morgens über den Weg gelaufen, ich habe sie gleich in die Tasche gesteckt. Jetzt mache ich mich selber auf die Pirsch. Bei der Badi Allenmoos ist nichts los. Keine Vegetation, keine Tiere. Ich steige zum Gubel-Schulhaus auf und dringe damit in ein Gebiet vor, das vor mir noch niemand betreten hat. Ich benenne die Neuentdeckung und male grade eine Flagge, als es plötzlich knurrt –

ein Tiger!

Auch der wird eingesteckt. Das reicht für den Moment – beim Bahnhof Oerlikon müsste ein Zoowärter stehen, der mich für die eingesammelten Tiere bestimmt reich belohnt.

Zookeepertalking
(Alle Screenshots von gbanga.ch)

Ich spiele das „Mixed Reality„-Game Gbanga. Auf dem Handy habe ich ein Programm installiert, das mir eine Karte eines Gebietes anzeigt. Wenn ich mich in echt bewege, ändert auch das Gebiet. In jedem Gebiet können sich Tiere aufhalten. Aufgabe ist es, möglichst viele Tiere einzusammeln und zu einem Zoowärter zu bringen, für Punkte.

Das kleine Zürcher Startup Gbanga hat ein gutes Timing: Sie lancieren ein Spiel und erhalten nicht nur vom Zoo Zürich inhaltliche Unterstützung, sondern auch von der Plakat-Gesellschaft APG reichlich freie Plakatwände, dank Sommerloch + Wirtschaftskrise. So erhält das Spiel eine Sichtbarkeit, die sich ein Neuling sonst kaum leisten könnte.

Pickupanimal

Die Beteiligung des Zoos zeigt sich im Inhalt mit Umweltbildungsanspruch. Wer die seltenen Tiere zum Zoowärter bringt, erhält nicht nur Punkte dafür, sondern auch Setzlinge. Diese können wiederum in der Stadt gepflanzt werden und schaffen so neuen Lebensraum für bedrohte Tierarten. Also: Wer einen Tiger abgibt, erhält dafür Setzlinge der sibirischen Steppe und kann nun irgendwo in der Stadt etwas Steppe wiederherstellen. Die Tiger fühlen sich davon angezogen und tauchen dort nun vielleicht regelmässiger auf.

Alles in dieser Beschreibung ist virtuell: Tiere, Zoowärter, Setzlinge, Lebensraum. Real ist hingegen die geografische Verteilung der Gebiete. Um von einem Gebiet in ein anderes zu wechseln, kann ich nicht einfach eine Taste drücken, sondern muss mich real einige Meter bewegen. Ein Gebiet entspricht ungefähr einer Handy-Funkzelle. Ich wechsle das Gebiet, indem sich mein Handy mit einer neuen Zelle verbindet. Das geht nur per Bewegung (in der Innenstadt, in der Nähe von Bahnhöfen können einige Meter reichen; in Aussenbezirken braucht es auch mal einige hundert). Und genau diese Bewegung macht das an sich simple Sammelspiel spannend, gibt den Viechern eine Wirkung, die auch noch so fotorealistische Grafik nicht erreichen könnte.

Newcell

Das Spiel lässt sehr unterschiedliche Spielweisen zu. Man könnte sich einen Nachmittag auf die Pirsch machen – gerade so gut kann man aber jeden Tag 10 Minuten auf dem Arbeitsweg im Bus oder im Tram schauen, ob man durch Gebiete fährt, in denen gerade ein Tier herumschleicht.

Neben dem Einsammeln der Tiere und dem Bepflanzen der (im Moment noch recht kahlen) Stadt sind auch andere Spielformen möglich. Ich könnte mich z.B. darauf konzentrieren, möglichst viele neue Zellen zu entdecken und mit meinen Namen und Flagge zu versehen. Das Spiel ist offen gehalten und lässt diese Formen von Emergent Play zu.

Und genau auf dieser Metaebene sieht sich auch Gbanga. Das Spiel mit dem Zoo ist einfach eines der möglichen, die Geschichte, die jetzt gerade erzählt wird, ein erstes Abenteuer. Gbanga ist eine Plattform (es soll auch APIs geben). Mit der Karte, der Lokalisierung, der Möglichkeit, mit Spielern zu kommunizieren und Objekte (NPCs) auf der Karte zu platzieren und mit einem Verhalten auszustatten, einem Inventory und einem Tauschmechanismus lassen sich jede Menge andere Spiele/Spielformen entwickeln. Wer erinnert sich an das Brettspiel „Scotland Yard“ (in der U-Bahn in London den Mister X verfolgen)? Wäre sehr leicht in echt umzusetzen.

Dropseed

Das Spiel ist noch im Beta-Stadium, und das ist recht deutlich spürbar. Obwohl mit Blackberry, Windows Mobile und Java-Handys eigentlich viele Geräte unterstützt sein sollten, gehen doch nicht alle (mein zweijähriges Handy hat Java 7.1, was nicht reicht – mindestens 7.3 muss es sein). Diese Hürde zu überspringen, kann recht anspruchsvoll sein.

Umständlich ist auch die Abgabe der Tiere an den Zoowärter, muss doch jedes einzeln auf den Wärter gesetzt werden. Hier haben mir die Jungs von Gbanga aber versprochen, dass es in einer neuen Version möglich sein soll, mehrere Objekte aufs Mal aus der Tasche abzusetzen, was dieses Problem lösen würde. Sie wollen auch noch ein paar mehr Zoowärter in die Stadt setzen und so das Abgeben vereinfachen.

Gbanga-2

Die Grundfunktionalität von Gbanga ist sehr stark an den Mechanismus geknüpft, wie sich das Handy mit einer Funkzelle verbindet. So wird die Lokalisierung der Spieler vorgenommen. Ich kann diesen Designentscheid nachvollziehen, weil man sich so nicht auf die wenigen Geräte beschränkt, die GPS unterstützen.

Im Spiel ergeben sich daraus aber ungelenke Situationen. Es kann sein, dass das Handy mit einer neuen Zelle verbindet, obwohl man sich nicht bewegt hat. Man wechselt also auch in Gbanga das Gebiet. Beim Suchen von Tieren ist das unproblematisch; wenn man aber gerade einen Zoowärter gefunden hat, und Tiere abgeben will, ist es ärgerlich; auch weil es kaum kontrollierbar ist.

Dieser Effekt liesse sich eindämmen, wenn man die Zeit, die man fix in einer Zelle bleibt, heraufsetzen würde; das ist aber genau das, was man nicht will, wenn man sich bewegt. Hier stecken die Entwickler in einem Dilemma, das für die Spieler in g
ewissen Situationen dazu führt, dass sich die virtuelle Welt sprunghaft von der realen Welt löst, dass die Illusion durchbrochen wird.

Andererseits kommt damit auch ein zufälliges Element ins Spiel, das in einem anderen Kontext auch passen könnte. Vielleicht ist nicht die technische Limite das Problem, sondern die Geschichte, die man erzählt und die Metapher, die nicht aufgeht (in diesem Fall der Zoowärter, der plötzlich verschwindet). Es sind bestimmt andere Geschichten denkbar, die dieser Unschärfe Sinn abgewinnen können.

Gbanga ist nicht das erste Spiel, das mit einem Mix aus Realität und Virtualität experimentiert. Für alle, die diese Spielform noch nie erlebt haben, ist es aber eine tolle Gelegenheit, selber zu erfahren, was es ausmacht, sich real in einer Fantasiewelt zu bewegen.

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4 Gedanken zu “Gbanga: Virtuelle Viecher in der realen Stadt

  1. Hi GuidoStimmt, der Wechsel der Funkzellen kann manchmal zu lustigen Situationen führen, hehe. Leider lässt sich die Hardware (sprich das Handy) da nicht kontrollieren. In Zukunft werden wir sicher auch noch GPS und weitere Lokalisierungstechnologien nutzen. Vorläufig werden aber wie erwähnt mit dem herkömmlichen Mobilfunknetz die meisten Geräte unterstützt. Also sammelt fleissig Tiere und achtet auf den Strassenverkehr!Liebe GrüssePhilipp

  2. Leider hat das Teil auf meinem Handy nicht funktioniert. Wenigstens die Swisscom hat gut lachen: 10 Stutz hat mich dieser Download gekostet!!

  3. Peter, das ist schade. Was genau gefällt Dir nicht?Falls Du Hilfe bei der Installation oder eine Spielanleitung brauchst, helfen wir Dir gerne: support (ät) gbanga.com

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