Wii Sports Resort mit MotionPlus: Das trojanische Pferd

Als die Wii von Nintendo vor drei Jahren erstmals vorgestellt, haben wir wohl alle synchron dasselbe gedacht: Lightsaber! Wenn wir schon ein weisses Kästchen in die Hand bekommen um damit rumzufuchteln, dann wollen wir endlich unseren kollektiven Star-Wars-Jedi-Knight-Traum ausleben!

Der Wii-Launch-Titel Red Steel von Ubisoft köderte uns genau damit. Zwar nicht Jedi, sondern Samurai. Auch gut! Aber die Enttäuschung war gross: Das Schwert im Spiel verhielt sich komplett anders als alles, was wir mit der Wii-Fernbedienung anstellten.

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Bei Nintendo selber hielt man sich bedeckt bezüglich Schwertern. Jetzt, drei Jahre später, ist es aber endlich soweit. In Wii Sports Resort dürfen wir mit Licht/Plastik-Schwertern hantieren. Allerdings nicht ohne Haken. Damit das Plastikschwert auf dem Bildschirm wirklich eins mit der Plastikfernbedienung in der Hand wird, ist ein neues Stück Hardware nötig: Wii MotionPlus, ein kleiner Würfel, den man hinten an die Fernbedienung ansteckt.

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Wenn man streng mit Nintendo ist, könnte man sagen, dass sie nun erst die Versprechen einlösen, was die Wii schon immer hätte können sollen – und dafür noch extra Geld kassieren (MotionPlus alleine kostet 40.-, zusammen mit Wii Sports Resort 90.-; wer also zu zwei fechten will und schon zwei Wii-Fernbedienungen hat, muss 130.- hinlegen). Wii Sports Resort als trojanisches Pferd, um die neue Hardware unter die Leute zu bringen.

Wii Sports Resort ist aber nicht nur in dieser Hinsicht ein trojanisches Pferd. Mehr dazu gleich.

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Wii Sports Resort ist der Nachfolger des enorm erfolgreichen Wii Sports. Wieder dabei in Sports Resort ist Bowling und Golf, Tennis wurde ersetzt mit Tischtennis. Neu und toll sind Fechten, Bogenschiessen und Basketball; ganz ok sind Frisbee, Jetboot und Luftsport. Nicht gefallen haben mir Wakeboard, Kanufahren und das wirklich grottenschlechte Radfahren.

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Das ganze findet nicht mehr in den aseptischen Platzhalter-Dekors von Wii Sports statt, sondern, wie es der Name sagt, in einem Resort, auf einer Insel. Alle Disziplinen sind geografisch platziert auf dieser Insel, die Grafik ist auf den ersten Blick sehr ähnlich wie in Wii Sports (die Miis stehen im Zentrum), wenn man aber direkt vergleicht, wirkt das alte Wii Sports gleich sehr blass und grau.

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Wie schon zusammengefasst sind nicht alle neuen Disziplinen gelungen. Radfahren z.B. ist wirr, ungenau und macht sowenig Spass, dass ich es nie mehr auch nur ausprobieren werde. Die insgesamt 12 Disziplinen bieten viel Abwechslung und Auswahl, ich wäre aber mit acht richtig guten Spielen auch zufrieden gewesen. Einige fühlen sich wie Füller an.

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Bogenschiessen ist ein Beispiel für die Kategorie der gelungenen Disziplinen. Die Fernbedienung ist der Schaft des Bogens, der Nunchuck die Sehne. Man drückt auf einen Knopf am Nunchuck, zieht nach hinten, zielt mit feinen Bewegungen der Fernbedienung und lässt zum Schuss den Knopf am Nunchuck los (siehe die charmante junge Dame unten zum besseren Verständnis). Wenn man länger Geduld hat und die Fernbedienung ruhig hält, wird der Zielkreis enger, das Zielen damit genauer. Wind und Distanz wollen ebenfalls berücksichtigt werden.
Die Metapher stimmt einfach sehr genau; der Bewegungsablauf ist ähnlich genug, und was einem echten Bogenschützen hilft (z.B. ruhig atmen), hilft auch im Spiel.

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Tischtennis und Bowling sind die Disziplinen, die sich noch gleich spielen wie die Vorgänger in Wii Sports und die damit einen echten Vergleich zulassen, was denn die neue MotionPlus-Hardware bringt. Vor allem eines: eine deutlich präzisere Abbildung der Position der Fernbedienung im Raum – nicht nur die Richtung, auch die Drehung. Das äussert sich vor allem darin, dass Anschneiden (im Tischtennis) oder Drall geben im Bowling besser geht. „Besser“ heisst präziser, in feineren Abstufungen; und kontrollierter, dann wann ich will.

Das Spiel fordert immer wieder dazu auf, MotionPlus zu kalibrieren, indem man die Fernbedienung auf einen Tisch legt und kurz ruhig liegen lässt. Für meinen Geschmack etwas zu oft. Auch dass man bei vielen Spielen zu Beginn auf einen Punkt auf dem Bildschirm zeigen muss, unterbricht den Spielfluss zu sehr. Bei einer Revanche z.B. (gleiche Spieler, gleiche Disziplin) wäre bestimmt nicht jedesmal eine Kalibrierung nötig gewesen.

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Ich würde behaupten, dass viele der neuen Kunden, die Nintendo mit der Wii gewonnen hat (Frauen, Senioren, Nicht-Gamer), ausschliesslich Wii Sports spielen; weil das Spiel bei der Wii gleich dabei war. „Ich habe gestern Wii gespielt!“ ist Nicht-Gamer-Sprache für „Ich habe mit Freunden Wii Sports gespielt“. Diese Kunden sol
len nun erstmals in den Laden gehen und sich etwas zu der Wii dazu kaufen.

Das trojanische Pferd ist dabei nicht nur die Hardware, die Nintendo verbreiten möchte (auch andere Spiele sind mit MotionPlus gebundelt, z.B. Tiger Woods PGA Tour oder Grand Slam Tennis). Das viel wichtigere Ziel von Wii Sports Resort ist, die neuen Nicht-Gamer langsam an echte Game-Mechanismen zu gewöhnen. Also die neue Kundschaft sachte in ihrem Game-Alphabetismus weiterzubilden.

So können nun neue Golfkurse freigeschaltet werden, oder neue Schwertkampflevels. Oder beim Fechten zu zweit ist eine gewisse Strategie gefordert. Wenn man nämlich in einen Block des Gegners schlägt, ist man für kurze Zeit bewegungsunfähig. Man muss also abwägen, wann man zuschlägt, auf den richtigen Moment warten. Einfach nur wild herumfuchteln wird bestraft (auch wenn ich in meinen Testspielen den alten Tekken-Effekt wiederfand: Wer mit Strategie kämpft, aber die Technik noch nicht wirklich gut drauf hat, wird von einem wild fuchtelnden Gegner in der Regel besiegt).

Damit werden in Wii Sports Resort im Gegensatz zum Vorgänger Konzepte wie Freischalten als Belohnung, schwieriger werdende Levels und Strategie eingeführt. Für Gamer ist das eine Selbstverständlichkeit – für Nicht-Gamer aber etwas Neues.

Nintendo versucht also ganz behutsam, die Neulinge an bewährte Game-Konzepte heranzuführen. Nintendo könnte der lieb gewonnene Kumpel sein, der nach vielen gemeinsamen Stunden im Blockbuster-Kino vorschlägt, doch auch mal einem Studiofilm eine Chance zu geben. Ich bin nicht sicher, ob das in jedem Fall gelingt. Als erster Schritt ist es aber zu begrüssen – weil es die neuen Gamern darauf hinweist, dass das Medium Game noch mehr zu bieten hat als mit Verwandten vor dem Fernseher herumzuhampeln.
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