Top Gear und das Ende: Ein Lehrstück

Wie ihr wisst, bin ich ein Fan der BBC-Sendung Top Gear. Am Wochenende wurde die letzte Sendung der aktuellen Staffel gesendet (S13E07), gestern kam ich dazu, sie mir anzusehen. Und der letzte Beitrag dieser letzten Sendung ist eine journalistische Meisterleistung.

Topgear

Jeremy Clarkson testet einen Aston Martin Vantage V12. Also der kleinste der Aston Martins, aber mit einem grossen Motor. In einem normalen Beitrag hätte man viel über PS und Drehmoment gehört, über die tolle Verarbeitung, das wunderschöne Design innen und aussen, wie er in den Kurven liegt, wie er sich fährt im Vergleich zu den grossen Brüdern usw. usf.

Clarkson wählt einen anderen Weg. Die ersten 40 Sekunden (eine halbe Ewigkeit im TV) sehen wir sehr schöne Landschaften und den Aston darin, dazu nichts ausser sphärischer Musik von Brian Eno und das Röhren des Motors. Dann platziert Clarkson den ersten Satz:

Well, it’s an Aston Martin Vantage with a V12 engine. So what do you think it’s going to be like?

Dann wieder Stille, schöne Landschaften (das meiste davon in Wales, wo Top Gear immer wieder gerne filmt, man sieht, warum), mehr von Eno und ab und zu ein V12-Röhren. Dann, wie der erste Satz auch, Shot mit der Im-Auto-Cam:

It is fantastic. It’s wonderful, wonderful, wonderful.“ 

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Mehr Nordwales, Vogelgezwitscher, V12 im Wald, Rehe springen über die Strasse. Und Clarkson, nun aus dem Off, zündet die erste Rakete:

What it makes me feel, though, is sad.

Denkpause. Dann der Kern des Beitrags, wieder im Aston:

I just can’t help thinking, that thanks to all sorts of things – the environment, the economy, the problems in the Middle East, the relentless war on speed – cars like this will soon be consigned to the history books.

Wieder eine Pause, und Fotos von Rennwagen, die an einem Zaun hängen und im Wind zittern.

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I just have this horrible, dreadful feeling that what I’m driving here is an ending.

Nach dieser Bombshell donnert der Aston durch die Hügel und Wälder, zwischen weiteren Rennauto-Fotos und zu Brian Eno’s „An Ending“ und Vogelgezwitscher. Das lässt Clarkson ganze 80 Sekunden (!) stumm wirken. Dann:

Good night.

Wollblumen. Der Aston beschleunigt an der Kamera vorbei. Credits. Die Staffel ist zu Ende.

Dieser Beitrag krönt eine sonst eher durchzogene Staffel (die Budgetkürzungen waren z.B. in den viel längeren News- und Chat-Teilen sichtbar). Man mag von Clarkson halten was man will, man kann mit ihm einverstanden sein und das mögliche Aussterben der Supercars betrauern oder sich im Gegenteil darüber freuen. Kalt lässt dieser Beitrag aber niemanden, völlig unabhängig davon, ob man sich für Autos interessiert oder nicht. Eine klare Meinung, perfekt auf den Punkt gebracht und maximal emotional umgesetzt.

So emotional, dass sofort Gerüchte die Runde machten, dass sei nicht nur das Ende von V12-Autos und der Season, sonder sogar das Ende der Sendung überhaupt gewesen; was umgehend dementiert wurde.

Die viereinhalb Minuten sind ein Lehrstück. Sich auf eine einzige Geschichte konzentriert und sie mit minimalem Wortaufwand erzählt. Die Stärken des Mediums voll ausgenutzt. Keine Angst vor der klaren Meinung. Und die Konventionen des Genres Autosendung komplett beiseite gewischt. Deshalb ist Top Gear nach wie vor eine Sendung, die man gesehen haben muss. 
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2 Gedanken zu “Top Gear und das Ende: Ein Lehrstück

  1. Das ist doch genau das, wass Top Gear speziell macht: es ist direkt und ehrlich, häufig witzig, unkonventionell und dabei sind die clips immer superschön gefilmt, mit fantastischen farben unsw. Ich schaue schon seit jahren Top Gear. Und nicht weil ich in Autos interessiert bin. 🙂

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