Gamescom 2009: Es ist vorbei

Die Gamescom 2009 in Köln geht zwar erst am Sonntag zu Ende, ich bin aber schon heute abgereist. Wer die Interviews mit Tim Schafer (Brütal Legend), Peter Molyneux (Fable III), Ray Muzyka (Mass Effect 2, Star Wars: The Old Republic), Guillaume de Fondaumière (Heavy Rain) und EJ Moreland (APB) nachhören will, kann das auch bequem im Podcast Digital Plus offline an einem Stück tun.

Scribblenauts

Der Umzug von Leipzig nach Köln war richtig. Das ist zwar hart für Leipzig, wo man die Messe aufgebaut und ihr den Status verliehen hat, den sie heute geniesst (siehe unten) – zu einer Zeit, als eine Computerspiel-Messe noch nicht das Naheliegendste der Welt war und deshalb mit einigem Risiko verbunden. Aber in Köln war einfach alles viel bequemer. Mehr Hotels, eine kürzere Anreise, kürzere Wege von den Hotels zum Messegelände. Mehr Kneipen in der Stadt in der Nähe der Hotels. Und das Messegelände ist zwar grösser als Leipzig, aber viel logischer organisiert. Business Center (wo die meisten Closed-Door-Demo-Sessions und Interviews stattfinden) und Pressecenter liegen näher zusammen als in Leipzig, die Hallen sind besser und logischer verbunden, die Hauptströme fliessen viel besser. Und das Beste: Internet im Pressecenter funktioniert stabil und schnell, über WLAN und LAN, und sogar, wenn die Onliner am Mittag beginnen, tonnenweise Videos und Screenshots hochzuladen. Man könnte meinen, das sei an einer Games-Messe selbstverständlich – in Leipzig hat man es in den drei Jahren, die ich da war, nie hingekriegt. Der Effekt all dieser Verbesserungen: Ich habe mehr gesehen und mehr berichtet als in den Jahren zuvor, und bin trotzdem entspannter.

International ist der Stellenwert der Gamescom eindeutig gewachsen. Während im letzten Jahr vor allem die Inhalte der E3 (im Juni in Los Angeles) recycled wurden oder man auf die Tokyo Games Show (im September) vertröstet wurde, hat die Industrie nun den Zeitpunkt der Gamescom (August) als günstig erkannt und Europa mit exklusiven News aufgewertet (z.B. Fable III, die schlankere und billigere PS3, aber auch neue Gameplay-Demos wie Brütal Legend Multiplayer). Überhaupt scheint es zu dämmern, dass man nicht unbedingt alles auf den fucking Oktober ausrichten muss und es durchaus Sinn macht, wenn nicht zweiundfünzig grosse Titel am gleichen Freitag erscheinen.

Das Pressecenter hat sich verändert. Zwar sind die meisten immer noch für Online-Medien tätig, jung und männlich. Trotzdem habe ich in den Presseräumen deutlich mehr ältere Journalisten gesehen, mehr Print- und Massenmedien. Noch nie waren so viele Fernseh-Teams vor Ort, was bestimmt auch damit zu tun hat, dass wir in der deutschen Medienhauptstadt waren. Insgesamt hat wohl eine Professionalisierung der Berichterstattung stattgefunden. Es berichten nun auch erfahrenere Leute für grosses Publikum, nicht nur der Nachwuchs und die Enthusiasten. Man kann das Freakige der früheren Jahren vermissen (an meiner ersten Games Convention sah man im Pressecenter noch Link- und Zelda-Kostüme); wie wir alle wird aber auch die Games-Branche irgendwann erwachsen.

Das hinterlässt mich seltsam wehmütig. Die Zeiten, in denen die Games Convention ein sicherer Hafen für Nerds war, sind vorbei. Big Business war präsenter als je zuvor, und die ganzen Fitness-, Trivia- und Sing-Spiele zeigen ihre Wirkung im Publikum. Die Geister, die ich rief – indem Games zum Massenmedium werden, verlieren sie auch ihre nerdige Unschuld. Und wie im 80er-Jahre-High-School-Film wird der Nerd von den Jocks nie wirklich akzeptiert werden. Er sehnt sich zwar danach und fühlt sich geschmeichelt, wenn sie ihm Beachtung schenken; nur um später zu merken, dass sie sich hinter seinem Rücken immer noch über ihn lustig machen und alle seine ehemaligen Freunde gegen ihn gedreht haben. Und die Nerds, das sind meine Leute. Und wir wissen, das wir immer in der Minderheit sind. Zwar ist es schön, dass unser Hobby mehr Beachtung findet als früher. Doch diese Beachtung verändert das Hobby. Wer Wii Fit „spielt“, wird niemals Respekt für Guild Wars aufbringen.

Etwas rebellisch ist die Gamescom aber trotzdem geblieben: Ich sah Dutzende Jungs und Mädchen mit Piraten-Partei– oder „Ich wähle keine Spielekiller„-T-Shirts (da könnten sich unsere schweizer Game- und Piratenpolitiker noch ein, zwei Scheiben abschneiden). Die bleichen Jungs, die schüchtern hinter ihrem aufblasbaren Age-of-Conan-Schwert die PC-Casemod-Booth-Babes beäugen, sind natürlich nicht verschwunden. Und Brütal-Legend-Macher Tim Schafer macht es vor: Wenn man will, kann man sich auch als Erwachsene etwas Pubertäres bewahren – und das rockt.
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Ein Gedanke zu “Gamescom 2009: Es ist vorbei

  1. Es gab tolle Dinge bei der Gamescom, wie Du geschreiben hast. Was ich einfach ein wenig schlecht von der kolnmesse / gamescom fand, ist, das Fachbesucher nicht "kontrolliert" wurden. Es gab extrem viele Leute die überhaupt nichts mit "Fachbesucher" zun tun hatten diese aber trotzdem einen Pass kaufen konten. Köln finde ich einfach zu teuer (Hotel die zu beginn bereits über dem Preis von Leipzig liegen). Auch wenn in Köln einiges besser ist (u.a Hotel näher) finde ich (wie es ein Besucher in einem Forum geschrieben hat) "Die Messe zeigt es nach Köln, die Herzen aber bleiben in Leipzig" 🙂

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