The Beatles Rockband: Fab for Fans, and End of Era

Guitar Hero ist gerade in der fünften Ausgabe erschienen, Rockband gibt es schon zweimal, bei Singstar und Lips habe ich aufgehört, mitzuzählen. Das Konzept dieser Musikspiele ist einfach und erfolgreich: Wir erleben, wie es wäre, wenn wir tatsächlich musizieren könnten, wie es sich anfühlte auf einer Bühne, mitten in der Musik. Sie machen Musik erfahrbar für Nichtmusiker.

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Während Singstar sich schon immer mit Pop beschäftigt hat, stand in Rockband bis jetzt – tja – der Rock im Zentrum; der Ahne Guitar Hero ist weiter präsent, und Gitarrenhelden gibt es halt im Pop weniger.

Nun wagt Rockband einen grossen Sprung und wird zu Popband, mit der Band, die den Pop sozusagen erfunden hat: den Beatles. Dass es überhaupt soweit kam, ist eine kleine Sensation. Man kann nur ahnen, welche Mordsarbeit es gewesen sein muss, die 45 Songs der Beatles zu lizensieren (von einer Band, die nach wie vor auf iTunes nicht erhältlich ist).

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Diese Mordsarbeit der Lizenzanwälte wird nicht verschwendet. The Beatles Rockband ist ein detailverliebtes Gesamtkunstwerk: Von den animierten Fab Four über die freischaltbaren Fotos und Aufnahmen und die Visualisierungen bis hin zur Songauswahl lässt sich kaum etwas kritisieren. Wir erleben eine interaktive Kurzdokumentation der Karriere der Beatles, und eben eine, der wir nicht einfach passiv zusehen, sondern eine, die wir selber spielen.

An The Beatles Rockband kann man zwei Ansprüche haben: Es könnte erstens die schon etwas in die Jahre gekommenen Beatles-Fans dazu animieren, sich erstmals mit diesem neuen Medium Game auseinanderzusetzen. Und es könnte umgekehrt die jungen Gamer mit der ersten Popband in Berührung bringen.

The Beatles Rockband kann nur einem dieser Ansprüche genügen. Wir werden gleich sehen, welchem.

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Zunächst gibt es noch einige Details zu klären. Wie wir es von Rockband her kennen, spielen wir die Songs auf Plastikinstrumenten nach. Diese Instrumente wurden natürlich thematisch an die Beatles angepasst. In der „Limited Edition“ für 300.- ist ein Schlagzeug enthalten, das wie das Ludwig von Ringo aussehen soll (den Faux-Marmor-Effekt finde ich nicht gelungen) und natürlich der typische Höfner-Bass von Paul McCartney. Ausserdem ein Mikrofon mit Ständer (damit die besonders begabten ein Instrument spielen und gleichzeitig singen können).

Dazu können die vergifteten Fans noch eine Gretsch- (Harrison) oder eine Rickenbacker-Gitarre (Lennon) kaufen, für je 150.-. Das sind recht stolze Preise, die sich zwar noch knapp rechtfertigen lassen, weil alle Instrumente kabellos sind; wer aber eine optisch möglichst echte Beatles-Kombo nachstellen will, legt 600 Franken hin. Das wirdfür die meisten über der Schmerzgrenze liegen.

Billiger weg kommt man mit dem „Value Pack„, das für 200.- zu haben ist und „normale“ Rockband-Instrumente enthält (Schlagzeug, Gitarre, Mik, mit Kabel). Das Spiel allein kostet ca. 100.-. Das lohnt sich dann, wenn man schon Rockband-Instrumente besitzt, die sind nämlich kompatibel. Auch die Instrumente der Guitar Hero-Serie funktionieren, und die Mikrofone von Singstar oder Lips. Wer also auf den Beatles-Look keinen Wert legt und schon ähnliche Spiele besitzt, kommt etwas günstiger weg.

Dass bis zu drei Personen gleichzeitig singen können, ist übrigens neu und toll umgesetzt (auch wenn ich bezweifle, dass Nicht-Musiker mit den komplexen, dreistimmigen Harmonien der Beatles fertig werden). Wie man aber an die zusätzlichen zwei Mikrofone kommen soll, wenn man noch keine hat, ist nicht klar und evtl. teuer (weil man noch ein Lips/Singstar oder das Spiel zweimal kaufen muss).
Ebenso schade (wenn auch verständlich): Transponieren der Songs ist nicht möglich. Für mich als Tieftöner bleiben also nur die Alternativen Brummeln wie unterm Weihnachtsbaum oder Quietschen wie nach Eiertreffer.

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Auffällig ist, das The Beatles Rockband deutlich einfacher ist als andere Rockband-Versionen. Ich habe den Story-Modus (45 Songs, vom Cavern Club bis hin zum Auftritt auf dem Dach des Apple-Hauptquartiers, 1963-69) in ca. 3 Stunden durchgespielt, die allermeisten Bass- oder Gitarrenparts auf der Schwierigkeitsstufe „Hard“ (nur noch „Expert“ wäre schwieriger), und musste kaum einen Song zweimal versuchen. In Rockband z.B. kam ich oft schon bei „Medium“ ins Rudern.

Das macht aber Sinn. Einerseits, weil man den Beatles-Fan, der keine Gameerfahrung hat, nicht unnötig abschrecken will. Und andererseits, weil die Beatles nun wirklich nicht die absoluten Virtuosen auf ihren Instrumenten sind – man hat hier nicht die Schwierigkeit künstlich erhöht. Dadurch wird das Spielerlebnis für geübte Musik-Spieler recht entspannt, was den Vorteil hat, dass man die wirklich tollen Visualisierungen anschauen kann, und sich nicht komplett nur auf die farbigen Balken konzentrieren muss (Anfänger werden allerdings dennoch lange nicht viel davon mitkriegen).

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Die Song-Auswahl ist stark eingeschränkt und kann nur als Ausschnitt der Karriere gelten. Die 45 Songs kann man später ergänzen, in dem man weitere Songs im Download-Store dazu kauft. Das ist zwar etwas wenig. Ergänzt werden die Songs aber mit viel Archiv-Material, Fotos oder Spezial-Ausgaben wie ein aufgenommener Weihnachtsgruss an die Fans. Vor den meisten Songs hört man die Beatles auf ihren Instrumenten rumfiedeln oder plaudern, Ausschnitte der echten Studiobändern. Diese Details machen für die Fans di
e limitierte Songauswahl wett. Ausserdem geht es hier ja nicht darum, ein komplettes Werk abzubilden (dafür kaufen die Fans ohnehin die Remasters), sondern diejenigen Songs anzubieten, die toll zu spielen sind. Und da zeigt sich die grosse Erfahrung von Harmonix: Jeder Song fühlt sich anders an, enthält besondere Momente und Passagen, die ihn von anderen abheben.

Versprochen hat man uns ein komplett neues Rockband, die totale „Beatles Experience„. Dieser Ansage kommt man recht nahe, die starre Struktur von Rockband bleibt aber doch sehr sichtbar. Weil Rockband ein tolles Spiel ist, darf man das nicht als Kritik auffassen. Erfahrene Musik-Spieler können aber nicht auf ein völlig anderes Spielerlebnis hoffen.

Also, kann nun The Beatles Rockband die Nicht-Gamer-Fans und die Nicht-Fan-Gamer zusammenführen? Kaum. Auch wenn The Beatles Rockband bei den Kritikern sehr gut ankommt und viele das Spiel als den Höhepunkt des Musikspiel-Genres ansehen: Die Limiten dieses Genres werden ebenso deutlich.

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Wollen wir eigentlich immer mehr Plastik in unsere Wohnzimmer stellen? Nein. Und die Ausdehnung von Rock auf Pop führt zu seltsamen Kompromissen, wenn etwa Orgelparts von einer Gitarre gespielt werden. Dann fällt die sonst so perfekte Illusion in sich zusammen. Fans werden ausserdem Ungereimtheiten entdecken, wenn z.B. Ringo am Schlagzeug sitzt, obwohl er bei diesem Song schmollenderweise gar nicht im Studio war; oder wenn die Gitarrenparts von George und John beliebig vermischt werden. Wenn man das ursprünglich sehr fokussierte Konzept (Guitar Hero) immer weiter ausdehnt, bricht es irgendwann auseinander.

Und: Das Game allein trägt nicht. Wer die Beatles nicht mag, mag auch The Beatles Rockband nicht. Das Spiel unterstützt die Musik, kann sie aber nicht überwinden. Das ist richtig so, weil es die Musik ins Zentrum stellt. Wer aber den harten Rock und die naturgemäss damit verbundene Aufregung in Rockband mochte, wird den seichten Schlagerpop der frühen 60er recht langweilig finden. Trotzdem: Für Beatles-Fans (auch Nicht-Gamer) bietet sich hier ein ganz neues Erlebnis, eines, das CD-Hören ergänzt und bereichert.

P.S.
Als Bassist hat mich besonders gefreut, dass die Beatles-Version von Rockband endlich auch gute Bassparts bietet. Nicht nur das, die Basslinien sind oft spannender zu spielen als die Gitarre, abwechslungsreicher als das Geschrumme. Die Gitarren sind, abgesehen von erkennbaren Licks zwischen den Gesangsabschnitten, oft auch sehr weit in den Hintergrund gemischt, was dazu führt, dass man manchmal nicht mehr sicher ist, was man eigentlich genau spielt. Für Solo-Spieler empfehle ich deshalb die Limited Edition mit Bass und Mikro – da kann man schön Bass spielen und singen gleichzeitig, wie Macca.

P.P.S.
Weil ich das Game auf DRS3 besprochen habe, musste die Deutschschweiz noch etwas unter meinem Gesang leiden. Abgehärtete Ohren können sich dieses Video ansehen. Sagt nachher nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

(Und um fiesen Kommentaren vorzubeugen: Die Strophen verziehen wir nicht, weil wir rhythmisch total behindert sind, sondern weil TV auf Pult auf Kopfhörer live ein viel längeres Delay hatte als im Test. Tja, so ist Liveradio.)
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