Brütal Legend: You can’t kill The Metal m/

„You can’t kill the Metal!“ sagte mir Tim Schafer in einem Interview an der Gamescom in Köln. Geradezu erleichtert klang das, dem Tim liegt The Metal offensichtlich am Herzen. Und deshalb ist Brütal Legend in erster Linie ein Monument für die Heavy-Metal-Musik, ein Kind der Liebe zwischen Stromgitarre und dem melodischen Schrei.

Die Welt von Brütal Legend sieht aus, als wäre man in ein Heavy-Metal-Plattencover hineingefallen. Ungefähr genau das passiert auch der Hauptfigur Eddie Riggs: Der beste Roadie der Welt opfert sich an einem Konzert einer grausigen Nu-Metal-Boy-Band für einen der Schnudergofen (obwohl die vor seinen Augen den Metal töten), Blut tropft auf seine Gürtelschnalle, was das feuerspuckende Viech Ormagöden erweckt, das Eddie in die Welt des Metal transportiert. Dort kann Eddie seine Roadie-Fähigkeiten anwenden und gegen den Hair-Metal-Poser General Lionwhyte und die Dämonen der Tainted Coil in den Kampf ziehen.   

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Eddie benutzt im Nahkampf eine riesige Axt, den Seperator; aus der Distanz zaubert er Blitze und Feuer aus der Gitarre Clementine. Zum Herum- und Überfahren spring er in einen Hotrod namens The Deuce aka The Druid Plow. Es gibt Kombos aus Nah- und Fernangriffen; Eddie kann ausserdem Spezialattacken wie den Face Melter (Es schmilzt die Gesichter der nahen Gegner!) anwenden, in dem er ein kurzes Solo auf der Gitarre spielt (in einem Guitar-Hero-ähnlichen Minigame). Das Kampfsystem ist recht ausgewogen, die Solos z.B sind sehr mächtig, was ausbalanciert wird, indem sie per Cooldown nicht sofort wieder verwendet werden können und dadurch, dass sie etwas Zeit benötigen und Eddie währenddessen verletzlich ist. Magie kann nicht beliebig oft eingesetzt werden, weil sich die Gitarre aufheizt mit jedem Blitz und dann erst wieder etwas abkühlen muss, bevor sie Eddie wieder in die Finger nehmen kann. Ein sauberes, elegantes System, das ganz ohne Balken-Anzeigen für Magie oder Leben auskommt.

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Die Struktur von Brütal Legend ist eine etwas seltsame Mischung aus einer Welt, in der sich Eddie frei bewegen kann, und Missionen, die er an bestimmten Stellen beginnt und so die Geschichte vorwärts treibt. Die Missionen sind dann sehr linear, in einem unsichtbaren (manchmal auch gut sichtbaren) Korridor (aus Knochen), der Eddie zu einem Endgegner bringt. Es gibt neue Solos zu entdecken (also neue Fähigkeiten) und Nebenmissionen zu erledigen. Sollte Eddie sterben („Brütal Defeat!“), wird er an den letzten Checkpoint zurückgesetzt; diese Checkpoints sind für meinen Geschmack oft zu weit auseinander, ich hatte öfters das Gefühl, unangenehm lange Abschnitte erneut spielen zu müssen.

Die Kämpfe gegen Endgegner ist zwar ein recht altertümliches Spielsystem; ausserdem variiert die Schwierigkeit zum Teil stark. Der allererste Boss, ein Minen-Aufseher, ist z.B. lächerlich einfach; der zweite Boss, eine riesige Spinne aus Chrom, plötzlich recht schwierig. Und auch wenn es ein richtig altes Game-Klischee ist, dass Endgegner ihre Schwächen anzeigen, indem die verletzliche Stelle rot blinkt, sind die Bosskämpfe insofern gut gemacht, dass sie das Erkennen und Lernen einer Strategie erfordern und sich nicht einfach durchwürgen lassen. Man muss das richtige Solo zum richtigen Zeitpunkt einsetzen und die Schwäche des Gegners gezielt ausnutzen, dann gehen Kämpfe plötzlich sehr schnell (manchmal in mehreren Phasen à la World of Warcraft).

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Und dann ist es halt so, dass ein Kampf einfach mehr Spass macht, wenn er von Heavy Metal untermalt wird. Die Songs während der Bosskämpfe sind gut gewählt und inhaltlich abgestimmt. Beim Kampf gegen die Spinne geht es z.B. darum, dass Eddie besonders starke Spinnenseide beschaffen muss, damit der Kill Master (Lemmy Kilmister von Mötorhead spielt sich selbst) die schwer verletzte Ophelia per Basssolo heilen kann. Der Song, der den Spinnenkampf begleitet, ist dann auch sehr bass-lastig, die Choreografie des Kampfes auf den Song abgestimmt (allerdings nur, wenn man die richtige Strategie erkannt hat – wenn man zu lange rumtrödelt, ist der Song lange vor dem Kampf zu Ende).

Abgesehen von den Kämpfen gegen Endgegner ist die Musik allerdings viel zu sparsam eingesetzt. Zwischen Missionen oder vor dem letzten Gegner ist es oft still. Gerade in Zwischensequenzen ist die Musik im Vergleich zu Soundeffekten und Stimmen oft viel zu leise (obwohl ich im Menu die Musik auf die maximale Lautstärke gestellt und alles andere stark zurückgenommen habe). Das finde ich schlicht unverständlich. Metal muss krachen! Wenn es aber deutlich leiser ist als das immer gleiche Geräusch des Hotrod-Auspuffs, dann stimmen die Prioritäten nicht. Besonders peinlich wird das, wenn Zwischensequenzen der Geschichte deswegen an Wirkung verlieren. Nachdem Eddie die Spinnenseide zu Kill Master gebracht hat und dieser eben zu seinem Basssolo ansetzt, das eigentlich so krachen müsste, dass es Tote wiedererwecken kann, dann wimmert es bloss leise. Dieses Bässchen soll Ophelia retten? Das glaube ich nicht.

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Brütal Legend ist ein sehr persönliches Spiel, ein eigentliches Autoren-Game. Nicht nur, weil es meines Wissens das erste Mainstream-Game ist, das den Namen des Designers auf dem Cover trägt („A Tim Schafer Game“). Sondern auch, weil Tim seine eigenen Metal-Vorlieben und Helden ins Spiel bringt. Ozzy Osbourne, Lemmy und Rob Halford von Judas Priest übernehmen Rollen in der Geschichte. Classic Metal wie Black Sabbath oder Judas Priest haben zumindest am Anfang des Spiels ein Übergewicht (was auch damit zu tun hat, dass dieses Metal-Genre den Spielfiguren zugeordnet ist, die wir steuern; später kommen Figuren dazu, die zu den Death-Metal- und Industrial-Fraktionen gehören).

Dieser Geschmack von Tim Schafer deckt sich mit dem seines Hauptdarstellers. Jack Black hat ja mit Tenacious D und School of Rock deutlich gemacht, wo seine musikalischen Vorlieben liegen. Die zwei verstehen sich prächtig, was man dem Spiel anmerkt. Black (der bereits in verschiedenen Animationsfilmen Voice-Acting-Erfahrung gesammelt hat) ist mit Leib und Seele dabei, Tim Schafer hat ihm die Rolle von Eddie auf den Leib geschrieben – Eddie Riggs wird so zu einer richtig tollen Figur, eine echte
Bereicherung des Game-Kanons.

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Wenn Tim Schafer ein Spiel schreibt, dann schreiben wir Journalisten in der Regel über den „typischen Tim-Schafer-Humor“ und erinnern an Monkey Island. Ich muss mir also stattdessen Mühe geben, den Humor in Brütal Legend unvoreingenommen zu beurteilen. 

Brütal Legend ist ein einziger grosser Insiderwitz. Wer Metal liebt (und darum kennt), wird all die kleinen Anspielungen verstehen und deshalb witzig finden. So nennt Eddie seine neue Armee von Headbangern z.B. „Ironheade“, mit einem „e“ am Schluss, „because we’re serious!“. Die Bösen im Spiel frönen dem Hairspray Metal (was einmal mehr die historische Konstante belegt, dass das am gefährlichsten ist, was einem nahe ist, siehe Kommunisten vs. Sozialdemokraten).

Trotzdem muss ich sagen: Brütal Legend ist kein Spinal Tap. Es gibt durchaus Sätze im Spiel, die man als Metal-Fan immer wieder zitieren kann; aber die Verdichtung, die im Film möglich ist, wird im Spiel zu einem unmenschlichen Aufwand. Tim Schafer hat 30’000 Zeilen Dialoge geschrieben. Dass die nicht alle zum Totlachen sind, ist klar. Einige Kommentare aus dem Off ausserhalb der geskripteten Zwischensequenzen sind bestenfalls durchschnittlich und wiederholen sich ausserdem arg oft; generell wird man mehr schmunzeln als lachen.

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Alle die kreativ arbeiten, kennen den Satz „Kill your darlings„. Und wissen, wie schwierig das in der Praxis ist. Aus einer reinen Comedy-Sicht hätte es Brütal Legend wohl gut getan, einige dieser Lieblinge zu töten und die verbleibenden Witze damit zwingender zu machen.

Andererseits hat diese umfangreiche Sammlung von Anspielungen und Hommagen etwas Herzerwärmendes. Präzise Beobachtungen stehen neben allgemeineren Metal-Klischees, sanft knabbernde Satire neben liebevoller Heldenverehrung. Und das führt zum Eindruck eines schmunzelnden Metal-Denkmals – für Metalheads, die sich selber nicht allzu ernst nehmen, und die über einige Gameplay-Schwächen grosszügig hinweg schauen können.

Am besten hört man beim Lesen dieses Reviews (wie ich beim Schreiben) etwas Black Sabbath oder Dio oder auch Dimmu Borgir und vielleicht noch etwas Mastodon an. Hier ist eine Liste der Songs im Spiel. Und wer mag, hört sich noch mein Interview mit Tim Schafer an.
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