Games-Journalismus am Stammtisch: Hilary Goldstein über Grand Theft Auto

Ich beobachte Hilary Goldstein von IGN, immerhin Scheff der Xbox-Abteilung, schon länger; zur neuen Grand Theft Auto IV Erweiterung, The Ballad of Gay Tony, hat er nun ein dermassen bescheuertes Video Review abgeliefert, dass ich nicht länger nobel schweigen kann.

Goldstein schafft es, in einem einzigen Screenshot aus dem Video alles zu verdichten, was im Games-Journalismus falsch ist. Siehe:

Ign_video_grand_theft_auto_iv_

More outlandish„: Das ist Kanon und die Standard-Aussage aller Kritiker zu The Ballad of Gay Tony. Es sei wieder mehr wie GTA: San Andreas, Action-orientiert, übertrieben, im Gegensatz zur etwas ernsthafteren Grundstimmung von GTA IV. Nicht sehr originell, aber wahr und damit noch kein Grund zur Aufregung.

Fun characters„: Gibt es in jedem GTA. Aber natürlich immer noch wahr und ein Grund, warum GTA-Spiele so gut sind. Trotzdem beginnt die völlige Absenz origineller Gedanken langsam zu schmerzen. 

More to do„: Wow. So tief hat wohl noch nie jemand eine Schwelle angesetzt für ein Videospiel.

Tank is lame„: Ein Hauptkritikpunkt für Goldstein. Weil man im Spiel keinen „richtigen“ Panzer fahren kann, sondern „nur“ einen NOOSE, ein gepanzertes Polizei-Truppentransport-Fahrzeug. Dessen Geschütz könne zwar Autos beschädigen, aber nicht gleich zur Explosion bringen. Diese Kritik ist atemberaubend pubertär, und zwar nicht die gute Art pubertär (die ich eigentlich schätze an der Games-Industrie und z.B. anlässlich von MadWorld gelobt habe), sondern die böse.

Im geschriebenen Review ist Goldstein etwas ausführlicher und bezüglich Geschichte und Gameplay auch differenzierter. Er kann aber trotzdem nicht widerstehen, Sätze wie diesen zu schreiben: „[I]t’s not the kind of slick tank that’s going to help you pick up chicks.

Ich glaube nicht, dass Goldstein (der übrigens 34 ist) tatsächlich glaubt, dass ein Panzer bei der Anmache hilft. Aber er glaubt offenbar, dass dieser üble Mouthbreather-Spruch („Chicks!“ – „Yeah, Bro!!“ – „Chestbump!“) bei seinem Publikum ankommt. Sogar wenn er damit ein bisschen Recht haben sollte (wir wissen alle, dass es die homophoben, rassistischen, frauenfeindlichen Gamer gibt), ist es trotzdem widerlich, auf den Geschmack solcher Leser abzuzielen. 

Nicht viel besser war übrigens auch Goldsteins Review der letzten GTA-Erweiterung, The Lost and Damned, das er mit dem Lead „Less Niko, more dong. ‚Nuff said.“ überschreiben musste. Enough said, indeed.

Und zum Schluss halte ich von einer Bewertung in Prozent ohnehin nichts. Weil es schlicht absurd ist, sich Gedanken darüber zu machen, ob The Ballad of Gay Tony tatsächlich 0.2 Punkte besser ist als The Lost and Damned.

So ist also Goldsteins Games-Journalismus: Unoriginell, frauenfeindlich, auf unsinnige Zahlen fixiert, ein verschwitztes High Five in der Macho-Garderobe bei jeder Explosion und Stammtisch-Sprüche aus der untersten Schublade. So kommen wir nie aus der Schmuddelkultur-Ecke raus.
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3 Gedanken zu “Games-Journalismus am Stammtisch: Hilary Goldstein über Grand Theft Auto

  1. Nachspiel (NZZ-Kolumne, 21. August 2007)99,9 ProzentWürden Opern-Kritiken im Stile der meisten Game-Tests, wie sie in Fachzeitschriften und Internetportalen stehen, geschrieben werden, läse sich das etwa wie folgt: «Tosca» von Puccini an den Bregenzer Festspielen. Bewertung: Bühne 9/10; Dirigent 8/10; Inszenierung 10/10; Orchester 8/10; Kostüme 8/10; Hauptdarsteller 9/10; Nebendarsteller 7/10; Licht 8/10: Inhalt 9/10; Atmosphäre 10/10. Total: 86 Prozent und ein Gold-Award plus ein Spezial-Award «für besondere Atmosphäre».Kein Opernkenner könnte eine solche Bewertung auf den Prozentpunkt genau ernst nehmen. Opern wollen im Sinne Wagners als ein «Gesamtkunstwerk» verstanden werden, wofür immer auch eine subjektive Kontemplation nötig ist. Computerspiele hingegen werden auf ihre technische Machart hin wie Autos getestet – und dies auf den Hundertstel genau! Der belgische Comicsautor und Spieledesigner Benoît Sokal meinte einmal, auf diese Problematik angesprochen: «Seit sich in der Filmbranche die Technik auf hohem Niveau stabilisiert hat, beurteilen die Kritiker stärker die Handlung des Films. Auch Spiele werden irgendwann einmal mehr von diesem Gesichtspunkt her bewertet werden.»Eine diskrete Antwort für einen Designer, der das Computerspiel «als künstlerisches Ausdrucksmittel» versteht, dessen Spiele von der Fachpresse aber wegen technischer Mängel immer wieder verrissen wurden. So auch das vor einem Jahr erschienene «Paradise», obwohl es punkto Atmosphäre eines der stärksten Spiele überhaupt ist. Sokal hat Recht: Auch Spiele sollten nicht nur auf ihre technische Machart, sondern – zumindest bei narrativem Gehalt – vor allem dahin gehend bewertet werden, wie sie uns zu berühren vermögen. Solange die Spieler aber nichts anderes fordern, und die Industrie permanent wächst, werden Entwickler weiterhin nach möglichst hohen Prozentwertungen lechzen und versuchen, Publikum und Kritiker mit viel Effekthascherei zu vereinnahmen.Raffael Schuppisser

  2. Raffael, dass wir uns da einig sind, überrascht mich nicht.Allerdings könnte man sich schon fragen, ob man sich eine Scheibe bei der Film-Kritik abschneiden könnte; dort ist es schliesslich auch verbreitet, Filme mit Sternen (4 aus 5) oder Daumen (nach oben/unten) zu bewerten, auf einer viel schmaleren Skala (und damit weniger lächerlich), aber doch numerisch.Auf den ersten Blick hat ein solches Fazit am Schluss eines Reviews einen klaren Nutzwert für Konsumenten: "Guido sagt: Kaufen." Es ist damit klar subjektiv, aber auch schnell und handlich.Am Sender ziehe ich meistens ein Fazit – weil das von der Redaktion gefordert wird, weil die Rubrik "Game-Tipp" heisst und damit ein Fazit strukturell vorgesehen ist.In einem längeren Text auf einem Blog (das schon viel eher für eine Spezialisten-Leserschaft ist) sollte man sich aber von der Textsorte "Kaufberatung" lösen können. Und z.B. auch einfach über einen spannenden Aspekt eines Spiels schreiben. Und den mündigen Lesern überlassen, ob sie das Spiel nun anspricht oder nicht.Und schliesslich ist die Wirkung einer solchen Kaufberatung äusserst fraglich. Zwischen dem Kaufverhalten der Konsumenten und der Bewertung der Kritiker gibt es recht wenig Zusammenhang (wie übrigens bei Kinofilmen auch).

  3. Prozentwertungen sind schlicht und einfach Mainstream, wer Sie nicht hat ist im internationalen Wettstreit einfach nicht mithalten können, dass ist nunmal der Lauf der Dinge.Fast alle Konsumenten sind sich zum einen an konkrete %-Wertungen gewohnt und benötigen auch nur diese Information zum Kaufentscheid. Zeilenlange Berichterstattungen sind zwar schön und gut, sind im Endeffekt aber einfach nur Beiwerk für die wenigen wirklich interessierten Leser, welche sich einfach etwas mehr mit der Materie auseinandersetzten und auch etwas Zeit investieren möchten. Eigentlich unnötig zu erwähnen, dass diese eine starke Minderheit der Leser von an erster Stelle Online-Magazinen darstellen.Ich persönlich finde es sehr schade, dass der Videospieljournalismus diesen Weg schon seit Anbeginn begeht und diesen auch heute noch nicht geändert hat, zumal sich Videospiele ja ungemein entwickelt und etabliert haben. Es existieren ja auch keine Filmkritiken, welche z.B. The Godfather mit 95% und Citizen Cane mit 98% bewerten, denn dies wäre ganz einfach lächerlich und zudem extremst ungenau und sagt zudem kaum etwas aus (Warum zur Hölle denn 3% mehr bzw. weniger?). Ich denke auch das dies eventuell ein Grund sein könnte das Filme meist mit 5-Sternensysteme bewertet werden, es wird einfach, wohl auch aus alter Gewohnheit, mehr Wert auf das Review an sich und nicht auf die Wertung geachtet.Certainly nuff said…

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