Der Brokeback-Mountain-Moment für Games – Grand Theft Auto: The Ballad of Gay Tony

„The Ballad of Gay Tony“ ist die letzte Episode von Grand Theft Auto IV. Nach GTA IV und der Geschichte um den serbischen Immigranten Niko Bellic und der ersten Erweiterung „The Lost and Damned“ um das jüdische Motorrad-Gang-Mitglied Johnny Klebitz ist die Hauptfigur in „The Ballad of Gay Tony“ der dominikanische Drogendealer Luis Lopez. Der namengebende Anthony „Gay Tony“ Prince ist Unterwelt-Patron, Luis sein Geschäftspartner und Mann fürs Grobe. Die Geschichte um Gay Tony findet gleichzeitig zu den anderen statt und ist mit ihnen verwoben.

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Gay Tony ist eine Premiere: Die erste schwule Hauptfigur in einem Mainstream-Game, die nicht einfach eine billige Karrikatur ist. Tony entspricht dem Tunten-Klischee nur ein bisschen: Er ist Club-Besitzer und kleidet sich wie George Michael kurz nach seiner Outside-Affaire vor zehn Jahren. Sonst verhält sich Tony so wie all die anderen Gangster in GTA auch: Er hält sein Reich aus Nachtclubs und Drogenhandel mit brutaler Gewalt zusammen.

Das ist bemerkenswert, weil schwule Figuren bis jetzt in Games praktisch nicht vorkommen; wenn überhaupt, dann als totale Tunten, die in Nebenrollen die Witzfigur geben dürfen. Gay Tony ist stattdessen der Brokeback-Mountain-Moment für Games – nicht nur, weil die schwule Hauptfigur in einem Umfeld gezeigt wird, das unseren Erwartungen widerspricht, sondern auch, weil er als Mensch und nicht als Schablone dargestellt wird.

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Wir steuern im Spiel nicht Tony, sondern Luis Lopez, einen Ex-Häftling, der aus dem Strassendealer-Milieu zum Schwerverbrecher aufgestiegen ist. Tony hat ihn zu dem gemacht, was er ist: Seine rechte Hand, jemand, der ganz oben auf der Leiter des organisierten Verbrechens angekommen ist. Das eingespielte Team Luis und Tony bewegt sich in einer Welt der ausgeprägten Homophobie. Für die harten Macho-Strassengangster, die Mafiosi italienischer und russischer Abstammung, die steroid-missbrauchenden israelischen Exmilitärs und die Motorrad-Gangs sind Schwule das Letzte. Deshalb ist Luis nicht nur rassistischen Anfeindungen ausgesetzt („Beaner“, „Spic“ etc.), sondern wird bei jeder Gelegenheit dafür beleidigt, dass er mit „der alten Schwuchtel“ Tony zusammenarbeitet. Sogar seine alten Freunde pflaumen ihn deswegen ständig an, schlagen ihm vor, sich doch ein Kleid anzuziehen oder vermuten, dass die Geschäftspartnerschaft sich auf andere Bereiche ausdehnt.

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Die Geschichte von „The Ballad of Gay Tony“ ist damit zu Recht eine Ballade – eine über Loyalität. Die Spannung der Geschichte entsteht aus der Frage, ob Luis seinem Partner treu bleibt, obwohl er sich damit dem andauernden Spott des Verbrecher-Milieus aussetzt (ob Luis das bis zum Schluss aushält, verrate ich natürlich nicht).

Tony gleitet ausserdem immer mehr in den Wahnsinn ab. Eine üble Mischung aus Drogenkonsum, schlechten Entscheidungen und Selbstüberschätzung bringen sein Unterwelt-Imperium ins Wackeln. Tony verzweifelt zunehmend und versucht sich in immer halsbrecherischeren Aktionen aus dem selbstverschuldeten Schlammassel zu befreien. Luis muss das ausbaden und immer wieder sein Leben für Tony auf das Spiel setzen.

Die Gegenspieler versuchen laufend, einen Keil zwischen die beiden zu treiben, Luis davon zu überzeugen, sich selbst zu retten, in dem er Tony fallen lässt. In diesen Gesprächen sind aber eben nicht nur rationale Argumente, sonder auch die Homosexualität von Tony immer ein Thema. Und deshalb ist der Umstand, dass Tony schwul ist, nicht einfach Dekoration, sondern zentral für die Geschichte.

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GTA lebt von seinen Figuren – niemand gestaltet heute so facettenreiche Charaktere wie die Entwickler von Rockstar. Neben Luis und Tony sei insbesondere auch Yusuf Amir erwähnt, ein unvernünftig reicher Sohn eines strengen arabischen Scheichs, der sich alles, was man kaufen kann, schon geleistet hat, und den es deshalb nun nach allem dürstet, was es für Geld nicht gibt. So organisieren wir in seinem Auftrag einen Kampfhubschrauber, ein gepanzertes Truppentransportfahrzeug und einen echten U-Bahn-Waggon. Die Yusuf dann zwecks Bestätigung seiner ungeheuren Männlichkeit allesamt vergoldet.

Um diese Figuren dreht sich GTA fast ausschliesslich. Der Plot ist eigentlich sekundär, weil die Geschichten lediglich Karikaturen von schlechten Actionfilmen sind (Fahre nach A, haue dort alles zu Klump, fahre/fliege nach B, auch dort braucht es Klump, etc.). Wenn uns diese Figuren nicht ans Herz wachsen würden, wäre GTA nicht so viel besser wie all seine Klone (Saints Row, ich schaue dich an!). Und trotz allen Übertreibungen und den völlig überbordenden Geschichten wirken die Figuren in GTA doch menschlich, dank sehr gutem Voice Acting und einem sehr guten Skript. Stephen Totilo trifft den Nagel auf den Kopf: „Rockstar’s characters […] feel fascinatingly unreal both because they are colorful and because they stand out from most video game characters by exhibiting recognizable human traits.

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Ein letztes Mal in Liberty City zu spielen, erfüllt mich mit etwas Wehmut. Es ist ein wenig, wie nach Hause zu kommen. Oft erinnere ich mich an Missionen, die ich schon in früheren GTA-Episoden an diesem Ort erlebt habe (sogar aus Chinatown Wars auf der Nintendo DS, das aus der Vogelperspektive eigentlich völlig anders aussieht als GTA IV und trotzdem erkennbar bleibt). Liberty City
gibt es in GTA schon lange, die Stadt war aber noch nie so lebendig und so komplett ausgearbeitet wie in der aktuellen Ausgabe. Liberty City ist eine hyperrealistische Version von New York, mit den bekannten Wahrzeichen in ironisierter Form (die Freiheitsstatue heisst Statue of Happiness und hat einen Kaffeebecher statt einer Fackel in der Hand, das MetLife-Building ist mit „GetALife“ angeschrieben). Die Stadt lebt, weil sie voll mit Autos und Passanten ist, weil jede Häuserfront individuell gestaltet ist, weil Tag und Nacht und Wetter die Ansicht dauernd verändern und das Erlebnis so individualisieren – weil das Spiel mir das Gefühl gibt, dass Liberty City auch ohne meine Handlungen existiert.

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Die Grafik von GTA wirkt langsam etwas angestaubt, man sieht dem Spiel an, dass die Technologie nun schon eineinhalb Jahre alt ist. Dennoch ist GTA nach wie vor ein sehr schönes Spiel. Das Licht finde ich hervorragend, es ist sehr weich, nicht so hart wie in anderen Spielen, die ihre Welt in brutale überdynamische Kontraste tauchen. Kaum jemand hat z.B. Herbstlicht so gut im Griff wie GTA. Auch die Texturen sind weich, etwas unscharf, die Ansichten wirken fast gemalt. So erhält GTA einen sofort erkennbaren, eigenen Stil.

Und deshalb hat es mich auch nie gestört, dass in GTA fast jede einzelne Mission damit beginnt, dass man erst mal irgendwo hin fahren muss. Diese Verschnaufpause hat eine wichtige Funktion: Wir hören den Gesprächen der Insassen des Autos zu, die Figuren erhalten damit mehr Gesicht, die Geschichte wird mit Details ausgestaltet. Und wir können Autoradio hören und die Stadt betrachten, oder vielmehr bestaunen. Wir erhalten Gelegenheit, diese wundersame Welt auch tatsächlich wahrzunehmen, statt vom Adrenalin getrieben einfach atemlos durchzuhetzen.

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„The Ballad of Gay Tony“ ist ein fulminanter Schlusspunkt der GTA-IV-Trilogie. Niko Bellic in der ersten Ausgabe musste sich als Neuankömmling in der Welt des Verbrechens von ganz unten hoch kämpfen. Die Folge davon war, dass Niko sehr lange „nur“ mit einer Pistole bewaffnet war und dass die Grundstimmung des Spiels eher düster, ernsthaft und vorsichtig war. Im Gegensatz beginnt Luis Lopez seine Geschichte schon ganz oben. Wir haben gleich von Anfang an Zugang zu „Hardware“, die man sich in früheren Spielen erst hart erarbeiten musste. Entsprechend spektakulärer sind auch die Missionen, das Spiel achtet darauf, das andauernd möglichst viel explodiert. „The Ballad of Gay Tony“ ist in diesem Sinn auch eine Belohnung für die Fans der Serie, die bis jetzt drangeblieben sind. Die Szenerie ist toll, das Tempo des Spiels ist sauber getaktet, eine tolle Mischung aus spektakulärer Action und einigen angespannten Abschnitten. 

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Nach rund 13 Stunden Spielzeit habe ich die Geschichte abgeschlossen, aber erst drei Viertel der Base Jumps absolviert (ja, man kann von einigen Wolkenkratzern springen – was die Stadt nach oben erweitert und einige spektakuläre Ausblicke beschert) und knapp die Hälfte der Drogenkriege geführt. Und weil man neu jede Mission wiederholen kann und dann mit Punkten bewertet wird (Ja klar! Warum nicht schon immer!), werde ich wohl noch mehr Zeit in Liberty City verbringen. So fällt der Abschied nicht ganz so schwer.

„The Ballad of Gay Tony“ erscheint exklusiv für die Xbox360. Man kann es für 1600 Microsoft Punkte über Xbox Live herunterladen, benötigt dann aber eine Version von GTA IV. Als Alternative kann man auch „Grand Theft Auto: Episodes From Liberty City“ auf Disc kaufen, erhält dafür die beiden Erweiterungen „The Lost and Damned“ und „The Ballad of Gay Tony“ und braucht dann keine GTA-IV-Disc.
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3 Gedanken zu “Der Brokeback-Mountain-Moment für Games – Grand Theft Auto: The Ballad of Gay Tony

  1. @Ramon: Oh ja, ich kenne das Problem. Als ich in San Andreas mal beschloss, alle Päckchen zu finden (was ja mit viel Kamerabewegung verbunden ist), wars besonders übel. Und nicht nur aus GTA: an Crackdown erinnere ich ich auch noch leicht säuerlich. Bei Gay Tony jetzt allerdings gings recht gut.Trotzdem habe ich mich schon fast daran gewöhnt, dass ein leicht kötzliges Gefühl nach längerem Gamen wohl einfach dazu gehört. Wir sind nicht nur wegen zu wenig Sonne so bleich…

  2. Oh je 😦 Na früher war aber alles besser, oder? Erstens gabs in 2D noch keine Kameras, und in 3D war die Kamera bei den meisten Games knallhart hinter dem Helden montiert.Andererseits, sogar Lara Croft machte dies in ihrem Debütitel schon anders. Hmm.Ich mag Games wie Runes of Magic, das gute alte EverQuest usw., dort steckt die Cam immer schön an einem völlig rigiden unsichtbaren Stock im Hinterkopf des Akteurs 🙂

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