Die Gretchenfrage: Spielst du Games zu Ende?

Ich spiele Games fast nie zu Ende.

Trotzdem schreibe und rede ich als Kritiker über Spiele. Ich bewerte und beschreibe – zwar immer subjektiv – etwas, das ich nicht vollständig gesehen habe.

Für einen Filmkritiker ist das undenkbar. Wer das Kino nach einer halben Stunde verlässt, braucht sehr spezielle Gründe, um über den Film noch Aussagen machen zu dürfen. Es ist die absolute Ausnahme, nicht die Norm. Und es wird wahrscheinlich zum Hauptthema der Kritik, ist nicht etwas, das man nicht erwähnt.

End

Bei einer Game-Kritik gehen wohl die meisten Leserinnen und Zuhörer vom gleichen Grundprinzip aus. Man erwartet: Wer sich zum Spiel äussert, hat es komplett durchgespielt – die Geschichte alleine bis zum Ende mitverfolgt, die Mehrspieler-Optionen ausprobiert, den Level Editor benutzt und die verschiedenen Klassen oder Schwierigkeiten verglichen haben.

Die Wahrheit ist: Für die meisten von uns Kritikern ist das unmöglich.

Ich bespreche ein Spiel pro Woche. „Besprechen“ heisst: Ein Text hier auf dem Blog, ein bis zwei ca. drei Minuten lange Gespräche je auf DRS 3 und auf Virus. In einem durchschnittlichen Konsolen- oder PC-Spiel dauert die Geschichte zwischen 10 und 20 Stunden. Eine andere Klasse oder einen anderen Schwierigkeitsgrad auszuprobieren sind schnell noch einmal 3 Stunden. In den Multiplayer-Modus reinschauen kann man zwar schnell, wird dann aber kein Gefühl für Balance und Spielrhythmus haben, ohne nicht mindestens einige weitere Abende einzusetzen. Und allenfalls vorhandene Level-Editoren muss man erst mal bedienen lernen. So kommt man auf 30 Stunden, rund 4 Arbeitstage. Und der Beitrag ist noch nicht geschrieben.

Man kann von einem Massenmedium schlicht nicht erwarten, soviel Arbeitszeit für 15 Sendeminuten oder 30 Zeilen zu investieren. Ausserdem beschäftige ich mich in einer Arbeitswoche noch mit diversen anderen IT-Themen, die alle auch sauber recherchiert werden wollen. Die meiste Zeit, die ich in ein Spiel stecke, ist deshalb Freizeit. Anders wären die Game-Tipps schlicht nicht möglich.

Ich weiss, dass ich damit nicht alleine bin. Wenn ich mit Kollegen spreche, die auch für Massenmedien arbeiten, klingt es da genau gleich. Niemand berichtet ausschliesslich über Games, alle spielen vor allem in der Freizeit, und niemand spielt Games zu Ende.

Die Situation in den Fachmedien kenne ich zu wenig, der Anspruch dort ist jedenfalls klar: immer durchspielen. Ob dem immer gerecht wird, wage ich zumindest zu bezweifeln. Viele der Online-Medien arbeiten mit freien Journalisten, die pro Artikel pauschal bezahlt werden. Das rechnet sich in Arbeitsstunden niemals. Dass einige ein Review abliefern, ohne 30 Stunden investiert zu haben, halte ich für plausibel; insbesondere, wenn das Spiel nicht gerade sehnsüchtig erwartet wurde oder man davon ausgehen muss, dass es keine Klicks auf die Website treibt.

Ich kann zu dieser Praxis stehen und mich trotzdem im Spiegel ansehen. Weil ich der Meinung bin, dass ich die Spielmechanik, das Grundgefühl und die Qualität der Figuren oder der Erzählweise auch beurteilen kann, wenn ich nicht bis zum Ende gespielt habe. Wenn ich etwas nicht gesehen habe, rede ich nicht darüber. Ich begründe jede Wertung mit nachvollziehbaren Argumenten und versuche, den persönlichen Eindruck in den Vordergrund zu rücken, das Erlebnis zu beschreiben, dass ich hatte. Ich lese ausserdem, was andere zum Spiel gesagt haben, berücksichtige sozusagen die Sekundärliteratur.

Diese Praxis entspricht der Spielrealität der meisten Gamer: Nur eine Minderheit spielt Games zu Ende, was die Spielhersteller ebenfalls wissen. Und schliesslich unterscheidet sich das Medium Games von dem des Films, indem Spiele entweder gar kein klares Ende haben oder dass die Geschichte im Sinne von Plot nur eine untergeordnete Rolle spielt, dass Figuren, Stimmung und Gameplay viel wichtiger sind.

Ändern kann ich diese Rahmenbedingungen nicht, aber transparent machen. Ich bin überzeugt, dass es viele in der Branche gleich halten wie ich; dass kaum darüber geredet wird, finde ich stossend. Zwar nachvollziehbar, weil es um die Glaubwürdigkeit als Kritiker geht. Wenn wir aber wissen, dass unser Publikum davon ausgeht, dass wir das ganze Spiel gespielt haben, dann verlangt genau diese Glaubwürdigkeit, dass wir sagen, wenn dem nicht so ist.

Damit ist die Diskussion eröffnet: Ist ein Game-Review für euch auch glaubwürdig, wenn die Reviewer das Spiel nicht zu Ende gespielt haben? Wie detailliert wollt ihr wissen, was man gespielt hat? Wann kann man überhaupt davon sprechen, ein Spiel „komplett durchgespielt“ zu haben?
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2 Gedanken zu “Die Gretchenfrage: Spielst du Games zu Ende?

  1. Früher wäre es für mich unverzeihlich gewesen, wenn ein Redakteur ein Game nicht durchgezockt hätte, bevor er seinen Bericht abliefert. Man denke da an PowerPlay und andere Veteranen-Heftli — dort war das sogar eine Redaktionsregel!Heute ist das schon schwieriger. Können wir wirklich erwarten, dass jemand, der auch nur 42 Stunden pro Woche arbeitet, 100 Stunden in Fallout 3 (mit lauter Sidequests) steckt, bevor er urteilt? Das gleiche wohl bei Dragon Age. Und: Wie beurteilt man dann ein MMO, ein total bewegliches Ziel bei dem das erste "Durchspielen" vielleicht erst nach mehreren Hundert Stunden passiert?Muss man heute wohl differenziert sehen. Ich denke, die Qualität eines Game-Redakteurs entscheidet. Ein guter kann sich aus den bereits gesehenen Elementen der Game-Mechanik, Story usw. vielleicht den Rest so gut zusammenreimen, dass es nichts ausmacht, wenn er aufgibt oder aufgeben muss. Ein schlechter zieht halt falsche Schlüsse. Das wird man langfristig in der Qualität seiner Reviews wiedererkennen.Eine Gefahr bleibt aber: Endet das Game mit einem besonders blöden Cliffhanger? Sind die letzten drei Gegenden dröge während die ersten Teile der Oberwelt noch superspannend gestaltet waren? Sowas erkennt man halt nicht, wenn man’s nicht durchzockt 😦

  2. Ein Spiel ganz durch zu spielen und dann noch ein Review dazu schreiben, welches nicht das wiederholt was andere schon vor Tagen selber schon geschrieben haben, das ist heute definitiv vorbei. Aber als Spieler merkt man in den meisten Fällen schon sehr bald, ob ein Review jetzt nur auf der ersten Stunden des Spiels geschrieben wurde oder ob sich der Schreiber mehr Zeit lassen konnte. Ein Review sollte heute aber auch nicht mehr das ganze Spiel beschreiben. Vielmehr interessieren mich in einem Review technische Details. Ist das Spiel spielbar (bug’s) oder wie sind die Hardwareanforderungen. Wie das Spiel startet ist schön zu wissen, gefällt einem die Handlung möchte ich aber schon selber sehen, wie es weiter geht bzw. endet. Daher gehöre ich auch zur wohl kleinen Gemeinde von Spielern die ein Spiel zumindest versuchen, komplett durch zu spielen. Das zeigt sich dann aber auch bei der History beim bevorzugten Onlineshop. Waren es früher mehrere Spiele pro Monat ist bei mir der Einkauf auf 1-2 Spiele pro Quartal zurück gegangen.

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