Bayonetta: Fetischistischer Feminismus

Bayonetta ist eine Hexe mit Sekretärinnen-Brille und trägt einen engen schwarzen Overall, aus ihren Haaren gehext. Mit ihren Haaren kann Bayonetta auch andere Dinge formen als knackige Kleidung, z.B. einen grob geschätzt hundert Meter grossen Stöckelschuh, der ihre Gegner zerstampft. Weil ihre meisten Haare in diesem Stöckelschuh sind, ist Bayonetta dann recht nackig.

Ein schönes Spiel!

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Bayonetta ist bewaffnet, mit vier ornamentalen Pistolen, in Gold, mit Juwelen verziert, mit dem Namen „Scarborough Fair„. Die einzelnen Pistolen heissen dann textgetreu Petersilie, Salbei, Rosmarin und Thymian. Zwei hält Bayonetta in ihren Händen, zwei sind an ihren High Heels befestigt – so kann sie ihre unendlich langen Beine nicht nur zum Treten, sondern auch zum Schiessen wirbeln lassen.

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Bayonetta kann dazu auch Folterangriffe einsetzen. Dann tritt sie ihre Gegner in eine eiserne Jungfrau oder eine Guillotine, spannt sie in so etwas wie eine grosse Saftpresse, hängt sie an Ketten auf oder lässt sie unter ein goldenes Rad mit Stacheln kommen.

Bayonetta ist lang und dünn und wackelt mit ihrem Hintern, als wäre ihr Becken anders an der Wirbelsäule befestigt als bei uns. Wird was mit Hexerei zu tun haben. Ist auf jeden Fall sehr schön anzusehen – und die Vervollkommnung einer alten Game-Tradition: Die weibliche Heldin, die wir steuern, geht vor uns her – ihr wogendes Hinterteil ist also das, was wir am längsten betrachten.

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Hideki Kamiya hat mit Bayonetta eine Figur geschaffen, die in die Game-Geschichte eingehen wird. Der Mann von Platinum Games war bereits verantwortlich für Titel wie Devil May Cry, Okami oder Resident Evil. Bezüglich Character Design ist ihm hier aber sein grösster Wurf gelungen. Neben Bayonetta wirkt Lara Croft wie lauwarmer Kamillentee.

Bayonetta ist ein Action-Spiel in der Tradition von Devil May Cry oder God of War. Wir haben zwei Tasten für Angriffe per Bein oder Arm zur Verfügung, und es geht darum, mit immer wilderen Combos möglichst viele Gegner möglichst spektakulär in ihre Einzelteile zu zerlegen. Die Inszenierung dieser Action ist absolut spektakulär. Die Kontrolle über Bayonetta ist zudem etwas vom Besten, was ich in diesem Genre je gespielt habe. Gute Angriffs-Kombinationen sind vor allem eine Frage des Timings und der Fähigkeit, auf Gegner zu reagieren, und dieses Timing bekommt das Spiel perfekt hin. Eine geniale Idee ist die der „Hexenzeit“ („Witch Time“). Wenn Bayonetta angegriffen wird und im allerletzten Moment ausweicht, wird die Zeit für die Gegner kurz verlangsamt, was Bayonetta mächtigere Angriffe ermöglicht. Auch einige Rätsel im Spiel basieren darauf, im richtigen Moment in die Hexenzeit zu wechseln. Wir werden also sozusagen dazu erzogen, erst im letzten Moment auszuweichen, statt auf sichere Distanz zu gehen. Diese Spielmechanik zwingt auch Angsthasen, in den Nahkampf zu gehen, was das Spektakel beflügelt.

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Auf der Schwierigkeitsstufe „Normal“ ist das Spiel fordernd, für gemütliche Gamer wohl schon recht schwierig; „Hard“ ist dann wirklich genau das: Schwierig. Wildes Knöpfe drücken ohne Plan ist der sichere Tod. Man muss (und kann, mit viel Training) die Spielmechanik beherrschen lernen. Wer nun aber nicht bereit ist, soviel Zeit zu investieren, erhält „Leicht“ und „Anfänger“ geschenkt. Auf diesen Schwierigkeitsstufen geschehen die Angriffe fast von selbst (das Zeitfenster für Combos ist deutlich grösser), man kann zurücklehnen und den Kontroller mit einer Hand bedienen.

Durch diesen Kniff entstehen zwei völlig verschiedene Spiele. Eines ist richtig schwierig, will gelernt sein und belohnt mit Adrenalin. Das andere lässt entspannt das gebotene Spektakel geniessen.

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Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die automatische Kamera manchmal etwas zickt (und standardmässig viel zu langsam eingestellt ist, was man aber glücklicherweise verändern kann und sollte). Und laut Internet sei die PS3-Version deutlich schlechter als die Xbox360-Version (ich habe letztere gespielt): Ausgewaschene Farben, Ruckeln und langsameres Laden – wer die Wahl hat, hat es gut.

Die Gegner im Spiel sind Engel, mit so wunderbaren Namen wie Fortitudo, Affinity, Beloved und anderen Kardinalstugenden. Kunsthistoriker mit Flair für religiöse und insbesondere christliche Symbolik hätten ihre wahre Freude am Design des Spiels. Die simple Umkehrung (Dämonen sing gut, Engel sind böse) öffnet eine faszinierende Bildwelt, die noch niemand ausgelotet hat. Die Welt von Vigrid, Paradiso und Purgatorio birst vor Ideen, in einer Virtuosität und Dichte, die mich im Spiel immer wieder zu Ausrufen der hellen Begeisterung verleitet haben.

Das Spiel badet in Gewalt, die Engel zerplatzen im Akkord – Platinum Games zeigt nach MadWorld erneut, dass sie es verstehen, wie man extreme Gewaltdarstellungen so lange überdrehen und karikieren muss, bis sie komisch und unheimlich unterhaltend werden. Dieser krude Humor zieht sich auch durch die Geschichte des Spiels, die mich tatsächlich zu interessieren vermochte – auch wenn vieles in japanischer Tradition unheimlich verworren erzählt wird und mancher Zwischenszene etwas weniger Selbstverliebtheit und ein strengerer Cutter gut getan hätte.

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Und dazu kommt noch die Sexualisierung der Hauptfigur. Bayonetta ist aber mehr als Fetischismus in komprimierter Form. Sie ist schlicht die coolste weibliche Hauptfigur überhaupt. Klar, auf den ersten Blick entspricht Bayonetta genau dem Klischee weiblicher Spielheldinnen. Wenn sie sich heilt, schleckt sie an einem Schleckstengel. Als sie sich einmal eines Kostüms entledigt, geschieht das, indem es ihr an den entscheidenden Stellen aufgeschlitzt wird, wozu sie stöhnt. Ihre Beine sind zwei Meter lang. Das Wackelfudi habe ich schon erwähnt. Und ihre entspannte Grundhaltung ist die eines Models am Ende des Laufstegs: Ein Bein hinters andere gesetzt, Po und Busen rausgedrückt, Arme elegant drapiert.

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Doch hinter dieser Fassade steckt mehr. Bayonetta ist die letzte Vertreterin der Umbra-Hexen, die vor fünfhundert Jahren im Kampf gegen die Lumen Sages ausgerottet wurden. Von Männern also, die Engel und das „Gute“ auf ihrer Seite wussten und in dessen Namen Hexen verfolgten, folterten und ermordeten. Den Kampf gegen Männer und selbsternannte Vertreter des Lichts ist sie also gewohnt. Sie trägt ihre Brille stolz, vor dem Kampf rückt sie sie mit dem Lauf ihrer Pistole zurecht. Sie verliert nie die Fassung, sondern verspottet ihre Gegner mit der Stimme eines älteren britischen Kindermädchens. Sie nimmt ein kleines Mädchen mit Brille unter ihre Fittiche, das sie „Mami“ nennt. Sie ist elegant, selbstbewusst, unabhängig und lässt sich von keinem etwas sagen. Sie ist kein Objekt, sie schüchtert ein. Natürlich ist sie ein feuchter Männertraum; der Traum würde aber keinen Moment zögern, dem Träumer in die Eier zu treten, sollte er sich ungebührlich benehmen. Und deshalb repräsentiert Bayonetta die moderne Feministin und den alten Vamp in Personalunion. Sie kann unverschämt gut aussehen und dennoch dem absoluten Machtanspruch der Männer trotzen – Männer, deren grösste Waffe seit je die Moral ist, worauf sie pfeift.

Und wenn es Bayonetta langweilig wird, verwandelt sie heimlich ihr Schamhaar in eine kleine Lara Croft.

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3 Gedanken zu “Bayonetta: Fetischistischer Feminismus

  1. Von mir auch völlig verhexte 11/10 Punkten. Der Extrapunkt gibts wegen der Hintergrundmusik. Endlich mal keine Orchesterschinken sondern anregendes Japanogedudel.

  2. @Harry: Ou ja, ganz vergessen zu erwähnen! Du hast völlig recht, die Musik ist grossartig. Die Titelmelodie "Fly Me To The Moon" ist ein passender Klassiker und das locker-luftige Kaufhausgedudel bildet einen tollen Kontrast zum Kampfgetöse.

  3. Ich bin auch begeistert von Bayonetta. Hab es auf der PS3, die im Internet viel diskutierten Slow-Downs kann ich nicht bestätigen, jedoch die ein bisschen längeren Ladezeiten schon, obwohl es nicht schlimm ist, da man ja Combos üben kann in der zwischenzeit. Was hingegen mühsam ist, ist die Tatsache das Bayonetta das einzige Spiel ist (wo ich kenne) das Ladezeiten für ins Pausenmenü hat! Nur ein paar Sekunden, trotzdem irgendwie mühsam. Oder ist das nur auf der PS3?Ansonsten Top Spiel, von mir 94/100!

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