Helene, das Plagiat und die Generation Internet

In der NZZ schreibt Joachim Güntner über ein Skandälchen in der deutschen Literatur: Die eben noch gefeierte Jung-Autorin Helene Hegemann soll sich ausgiebig bei anderen bedient haben.

Güntner vergleicht dann Hegemanns Reaktion auf diese Vorwürfe mit älteren Schriftstellern (die in der Regel alles abstreiten) und stellt erstaunt fest, dass „die unfromme Helene […] sich schuldig bekennt und zugleich auf Freispruch plädiert.“ Ja, sie klaue alles und überall und das sei „total legitim„. Güntner hört darin die „Stimme der jungen Generation Internet, die in Fragen geistigen Eigentums nichts von bürgerlichen Rechtsbegriffen hält„.

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Als Angehöriger ebendieser Generation sage ich: Fuck you both. Die eine ist nichts anderes als faul (und halt sehr jung und vielleicht doch kein Wunderkind). Und der andere ist einer, der immer noch nicht den Unterschied zwischen Urheber- und Verwertungsrechten begriffen hat, und dass „Remixen“ gegen letzteres, aber nicht ersteres verstösst.

Es ist in der „Generation Internet“ durchaus üblich, Urheber zu nennen: z.B. in der Open-Source-Software-Lizenz GPL oder der Kunst-Lizenz Creative Commons, die das in einer häufig genutzten Ausprägung sogar explizit formuliert (Attribution). Die Meinung ist genau nicht, dass sich alle überall bedienen und so tun können, als wären sie selber draufgekommen. Sondern dass man teilt: Wenn man etwas übernimmt, sagt man von wem. Die „Generation Internet“ ist nicht gegen die Urheber, sondern gegen die absolute Kontrolle der Verwertung.

Die alte Leier vom rechtsfreien Anything-goes-Internet kann ich jedenfalls nicht mehr hören. Aufgedeckt hat den Skandal schliesslich ein Blog, was zumindest darauf hinweisen müsste, dass auch in der „Generation Internet“ einige Klauen doof finden. Hinter dem Buch (und dem Hype) steht ausserdem mit Ullstein ein Verlag, von dem man erwarten könnte, Quellen selber zu prüfen und nicht einfach die Schuld auf eine damals 16-Jährige abzuschieben.
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3 Gedanken zu “Helene, das Plagiat und die Generation Internet

  1. vielleicht meint Güntner mit ‚Generation Internet‘ weniger die edlen Ritter der Open Source Szene als Kids, die Semesterarbeiten einfach aus Google Suchresultaten zusammenkopieren? Über die darf man sich ja als Bildungsbürger mit gutem Recht fürchterlich aufregen!

  2. Abschreiben und bescheissen ist ja nicht etwas, was diese Generation Kids erfunden hat. Nein, Güntner verwendet Ausdrücke wie "mentalitätsgeschichtlich", "Remixen" oder "die ganze postmoderne Intertextualitäts-Theorie" und zitiert Hegemann, die meint: "Originalität gibt’s sowieso nicht, nur Echtheit." Ihm geht es definitiv um die Grundsatzfrage und die edlen Ritter.

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