Game Designer sind die wahren Rockstars

Was macht einen echten Rockstar aus? Wenn es die Bürger mit der Angst zu tun kriegen.

So war das jedenfalls vor mehr als drei Jahrzehnten. Wenn die Rolling Stones kamen, mussten die Töchter zu Hause bleiben und die Polizei war in Alarmbereitschaft. Wenn Ozzy Osbourne Fledermäuse misshandelte, machte man ihn für Selbstmorde verantwortlich. Man musste die Jugend vor diesen Kreaturen aus der Hölle beschützen.

Das ist vorbei. Die Musik- und die Modeindustrie haben mit Talentshows und Accessoires den Rockstar domestiziert und jeder Bedeutung jenseits der Pose beraubt. Über Amy Whinehouse oder Pete Doherty wundert man sich höchstens, verachtet sie vielleicht müde, aber Angst vor denen? Niemals.
 
Was die „Rockstars“ zelebrierten, war immer weniger Provokation – übrig blieb nur der Exzess. Und vom Exzess haben wir genug, dankeschön. Banker und Wirtschaftskapitäne frönen ihm, und die sind ja Stützen der Gesellschaft.

 Wir brauchen deshalb neue Rockstars, und nur ein Medium ist aktuell genug, um sie zu bieten: Games.

Das sind die wahren Rockstars unserer Generation: Game Designer wie der Althippie Jeff Minter von Llamasoft, der mit seinen obskuren, aber genialen Spielen seit den frühen 80ern eine ergebene Fan-Gemeinde pflegt und aktuell mit dem Hypnose-Shooter Gridrunner Revolution Furore macht. Wer einem Gridrunner-Spieler über die Schulter schaut, muss unweigerlich denken: „Das kann nicht gesund sein!“ und kriegt es mit der Angst zu tun.

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Jeff Minter an seinem Arbeitsplatz (Foto: Llamasoft)

Oder der bleiche Freak John Carmack, der für id Software Grafik-Engines programmiert und mit Doom die Ego-Shooter-Revolution der 90er-Jahre eingeläutet hat. Was bei Ozzy die Selbstmord-Musik war, das ist heute der Shooter: Das Medium, das unsere Jugend zur Gewalt verführt. Vor einem wie Carmack haben die Bürger Angst.

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John Carmack von id Software (Foto: Spaceman Spiffy, Wikimedia Commons)

Oder die Brüder Sam und Dan Houser, die mit Grand Theft Auto nicht nur eine der erfolgreichsten Unterhaltungs-Franchisen überhaupt geschaffen haben, sondern es auch perfekt verstehen, auf jeden möglichen roten Knopf zu drücken. Elternorganisationen rund im die Welt und Politiker von links bis rechts verfallen in panisches Protestgeheul.

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Sam und Dan Houser von Rockstar Games (Illustration: Chris Lyons, Time)

Games sind der Hüftschwung von Elvis, die Lippen von Jagger, das Blut in Ozzy’s Mund, die Zunge von Simmons, der Griff in den Schritt von Jackson. Mit Games können Pubertäre ihre Eltern schocken. Games sind der gemeinsame Bezugspunkt unserer Jugend, Games verschlingen gierig Freizeit, Games wecken das Kribbeln der freudigen Erwartung, das Adrenalin pumpt, die Pupillen sind geweitet – Games sind Sex, als gäbe es kein AIDS und keine Schwangerschaft.

Games wecken gefährliche Gefühle. Sie lenken ab von Schule und Karriere, und das macht den Bürgern Angst. Und deshalb sind Game Designer die wahren Rockstars von heute, weil schon lange niemanden mehr provoziert, wer Hoteleinrichtungen demoliert und an der eigenen Kotze erstickt.

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„Never leave puberty behind!“ Penis-Raumschiff aus Gridrunner Revolution

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4 Gedanken zu “Game Designer sind die wahren Rockstars

  1. Ich hatte gerade eine anregende Diskussion zum Thema mit <a href="http://iad.zhdk.ch/personen/angestellte/rene_bauer/">René Bauer</a> von der HDKZ, mit seiner Erlaubnis gebe ich sie hier leicht editiert wieder:<b>René</b>: Hat schon was. Games sind das einzige, worüber sich die Leute noch aufregen; Games stehen natürlich im Kampf mit den anderen Massenmedien und darum müssen die Games auch schlecht machen.Ich habe an einem Vortrag allerdings letzthin das Gegenteil gesagt. Selbst die schlimmsten Ego-Shooter sind dennoch Bestätigungsmaschinen und darum noch bürgerlicher. Alle wollen besser werden, sie spielen das kleinbürgerliche Spiel vom Aufstieg. Lustigerweise sehen das die Leute nicht und finden Games schlimm, dabei sind sie wie die Gesellschaft: Sie fördern all das was unsere Gesellschaft ausmacht. Damit sind sie das Gegenteil der klassischen Drogen aus den 70ern – es wird Leistung verlangt. Die Bürger müssten darum Ego-Shooter eigentlich lieben. Sie zeigen, wie die Welt ist, sind das beste Modell unserer Gesellschaft.Und wenn ich mir die World-of-Warcraftler ansehe, sehe ich da sehr wohl das Bürgerliche in einer anderen Form.<b>Guido</b>: Ich sehe deinen Punkt bei RPGs deutlicher als bei Shootern. Vielleicht ist "besser werden" aber nicht bürgerlich, sondern menschlich. Was es bürgerlich macht, ist der Rahmen, den die Gesellschaft der Tätigkeit steckt, also was man als "sinnvoll" resp. "sinnlos" definiert.Bezgl. Drogen: Denen wird doch auch vorgeworfen, Eskapismus zu sein, die "richtige Welt" damit zu ignorieren. Den gleichen Vorwurf richtet man an Games.<b>René</b>: Ist es denn nicht so, dass Games die Kids leistungsfähiger machen? Konkurrenzfähiger? Sie üben weltweite Konkurrenz, jeden Tag, gegen Chinesen, all das, was sie im Alltag dann auch können müssen. Ich sehe den Eskapismus nur noch im Moment, darin spielen die Leute knallharte Aufstiegsgesellschaft.Shooter sind Ego-Shooter, und wir sind in einer Ego-Welt. Alle wollen gut sein und leisten; die Leute mit LSD damals wollten nichts mehr leisten. Games machen konkurrenzfähiger, wir werden gefordert. Es gibt ja wenige Spiele, wo man zurücklehnt und chillt.<b>Guido</b>: Hat der E-Sportler die gleichen Motive wie die Kids, die am Mittwoch Nachmittag Halo üben, oder einen coolen Abend mit Kiffen und Modern Warfare bei Freunden verbringen? Ich bin nicht so sicher, ob es da um Leistung geht. Der Übergang ist wohl fliessend, ähnlich wie im Sport (FC vs. auf der Bäcki bällelen).<b>René</b>: Das lustige an Games ist ja, dass wir nicht mal merken, was wir leisten, weil wir so involviert sind. Und der fliessende Übergang ist schon im Spiel: Zu Beginn sieht es nicht nach besonders viel Aufwand aus, das steigert sich aber zunehmend.Übrigens: Um 1600 wollte jemand in Zürich alle Spiele verbieten, auch das Puppenspiel. Da galten Spiele auch als gefährlich. Man hatte Angst, dass die Gewalt im Theater auf die Leute überspringt, und dass jemand, der den Teufel spielt, zum Teufel wird.<b>Guido</b>: Klar, dass man "spielen" an sich unnütz und darum gefährlich findet, ist bestimmt nicht neu.

  2. «Man hatte Angst, dass die Gewalt im Theater auf die Leute überspringt, und dass jemand, der den Teufel spielt, zum Teufel wird.»Das ist ja der Hammer! Könnte man das Argument mal droppen, wenn es wieder eine dieser Debatten losgetreten wird?Über die Game-Designer sind Rockstars-These muss ich noch nachdenken. Was ich allerdings ohne eine Sekunde Denkarbeit grossartig finde: «Games sind Sex, als gäbe es kein AIDS und keine Schwangerschaft.» Kaufreflex, ahoi! Ich hol mir so ein Spiel.

  3. michaël……amazed……….games sind sex….wo bitte ist da die realität, wenn es die überhaupt noch gibt? ich weiss, sie wird ja so gerne ignoriert, damit man sich nicht mit ihr befassen muss! aber ist das die erfüllung???

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