Darwinia+: Retro, meta, quadratvirtuell

Darwinia ist das Beispiel, wie ein Game „Indie“ sein kann, ohne über die eigene prätentiöse „Alternative“-ität zu stolpern. Darwinia ist so meta, das es fast implodiert – aber eben nur fast. Auch wer alle Anspielungen und Zitate ignoriert, kann sich an einem richtig guten Echtzeit-Strategiespiel erfreuen.
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Die Welt von Darwinia ist eine virtuelle Welt, in der eine künstliche intelligente Lebensform zu Hause ist, die Darwinianer. Diese kleinen grünen flachen Strichmännchen werden von Viren bedroht, die Darwinia befallen haben. Darwinia wurde erschaffen vom Programmierer Dr. Sepulveda, der nun jahrelange Forschungsarbeit zerrinnen sieht und mit unserer Hilfe versucht, den Virus-Befall in den Griff zu kriegen. Wir erhalten dazu Einheiten wie Truppen oder Ingenieure und können auch den Darwinianern knappe Anweisungen geben. Eine Art Lemmings, im coolen Retro-Stil à la Tron.
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Eben, meta. Die virtuelle Welt des Spiels ist nicht die Vorspiegelung einer realen Welt, sondern die einer virtuellen, quadratvirtuell sozusagen. Unsere Einheiten sind Programme – was sie sowohl in Wirklichkeit als auch im Spiel sind. Dasselbe gilt für die künstliche Intelligenz der Viren und der Darwinianer. Und die Programmierer des Spiels haben sich mit der Figur des Dr. Sepulveda gleich selber ins Spiel gesetzt. 
Wer mit den Spielen der 80er aufgewachsen ist, entdeckt Zitat um Zitat. Die Viren bewegen sich z.B. wie der Tausendfüssler in Centipede. Luftangriffe werden von Space Invaders ausgeführt. Granatenwerfen erinnert an Worms. Präsentiert wird Darwinia in einer reduzierten Wireframe-Grafik, wunderschön leuchtend, minimalistisch, abstrakt und funktional. Gegner sind immer klar als solche erkennbar, die roten Viren und die grünen Darwinianer zeichnen deutlich den Zustand der Welt – je roter, desto schlechter stellen wir uns an.

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Im Gegensatz zu der üblichen Einheiten-Orgie in Echtzeit-Strategiespielen beschränkt sich Darwinia auf ganz wenig. Es gibt Truppen, mit denen wir Viren bekämpfen können; Ingenieure, mit denen wir Gebäude übernehmen und Ressourcen sammeln können. Und wir können einzelne Darwinianer zu Offizieren befördern, was erlaubt, die sich sonst selbständig bewegenden Darwinianer an bestimmte Orte zu dirigieren. Dementsprechend kurz ist das Tutorial, man ist sehr schnell im Spiel drin. Auf der einfachen Grundlage baut das Spiel dann aber eine Fülle von Aufgaben auf, weil die einzelnen Level und vor allem das Verhalten der Gegner immer wieder neu und überraschend sind. 
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Das Sound Design von Darwinia ist hervorragend, eine Stärke, die Introversion Software immer wieder ausspielt (z.B. auch in Defcon). Wie die Grafik ist auch der Ton minimal, wenn nicht gerade geschossen wird, ist es beinahe still – nur im Hintergrund erklingt digitales Geflüster. Das Stereobild ist dabei so breit, dass man sich am späten Abend zu fragen beginnt, ob die Geräusche wirklich aus dem Fernseher kommen, oder aus einer dunklen Ecke der Wohnung. Die bedrohliche Stimmung sorgt dafür, dass wir uns der Gefahr bewusst sind, in der die Darwinianer schweben. Und wir entwickeln eine enge Bindung zu den grünen Strichmännchen, weil Grün friedliche Ruhe bedeutet.
Die Steuerung der Xbox-Version ist unheimlich elegant, was alles andere als selbstverständlich ist für ein Spiel, das ursprünglich für PC war und mit Maus und Tastatur gesteuert wurde. Man schaltet sehr schnell zwischen den Einheiten hin und her, verliert auch auf grösseren Schlachtfeldern nie den Überblick und ist so schnell mit der Kontrolle vertraut, dass man sich auf die Lösung der Aufgabe konzentrieren kann.
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Wenn es an diesem wunderbaren Spiel etwas zu kritisieren gibt, dann sind es für mich die Lasergewehre der Truppen. Die Truppen können damit direkt auf die Viren schiessen, was wir in der Regel tun müssen, um Darwinia zu säubern. Mir war der zeitliche Anteil dieser Feuergefechte etwas zu hoch. Weil das einzelne Gefecht nicht sehr spannend ist, da wir auch im Falle des Scheiterns einfach eine neue Truppen-Einheit erstellen können. Und weil manche Schüsse treffen und manche nicht, und mir nie ganz klar war, warum. Das Problem fällt allerdings kaum ins Gewicht, vor allem weil es oft gar nicht notwendig ist, alle Viren säuberlich zu beseitigen. Dass es mir manchmal wie Sisyphus-Arbeit vorkam, ist möglicherweise sogar gewollt – um mich darauf hinzuweisen, dass es vielleicht noch elegantere Lösungen gäbe.
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Darwinia ist ein hervorragendes Strategiespiel, weil es sich auf das Wesentliche konzentriert und uns nicht einfach mit einer Riesenauswahl an Einheiten zudeckt. Stattdessen lebt das Spiel vom intelligenten Verhalten der künstlichen Wesen – wir werden Teil eines virtuellen Ökosystems, das umso echter wird, je mehr es uns die eigene Künstlichkeit auf die Nase bindet.
Darwinia+ für die Xbox360 (zum Download über Xbox Live) ist ein Doppelpack aus Darwinia für Einzelspieler und Multiwinia, die Mehrspieler-Varia
nte. Deshalb sind die 1200 Microsoft-Punkte (rund 25.- Franken) ein Spottpreis, obwohl das Spiel auf PC/Mac/Linux schon vor fast fünf Jahren erschienen ist.
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2 Gedanken zu “Darwinia+: Retro, meta, quadratvirtuell

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