Battlefield: Bad Company 2 – Online-Shooter für Erwachsene

Ich sitze im Estrich eines Bauernhauses, am Weissen Pass, irgendwo in Alaska. Ich habe mich hier versteckt, um aus der Distanz eine Strassenkreuzung zu verteidigen, als Heckenschütze. Im Dach klafft ein Loch von einen Granateneinschlag. Ein paar Strassen weiter tobt der Häuserkampf, ich höre die Schüsse in der Ferne. Es pfeift mir ein eisiger Wind um die Ohren, der Schnee aufwirbelt und mir die Sicht verdeckt.

In einem Fenster im zweiten Stock in einem Haus auf der gegenüberliegenden Strassenseite taucht ein Kopf auf – ein gegnerischer Scharfschütze. Ich habe ihn gesehen, das bedeutet, er hat mich gesehen. Mein Herz macht einen Sprung. Wir zielen beide. Er ist etwas schneller, sein Schuss löst sich zuerst. Doch er trifft nur meine linke Schulter. Kurz bevor ich getroffen werde, habe auch ich abgedrückt. Und mein Schuss sitzt. Headshot.

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Das war mein erstes Erfolgserlebnis im Multiplayer-Modus von „Battlefield: Bad Company 2“. Dass ich überhaupt eines hatte, hat mich überrascht. Denn ich bin kein Fan von Online-Shootern. Seit Halo meide ich die, so gut es geht. In Modern Warfare 2 habe ich mich auf die Geschichte konzentriert und den Multiplayer links liegen gelassen.

Warum? Weil Online-Shooter für mich in der Regel eine Schiffsladung Frustration bedeuten. Ich werde in das Getümmel geworfen, renne zehn Sekunden irgendwo hin und werde erschossen. Oft weiss ich nicht einmal, von wem oder wo. Respawn, repeat. Sogar wenn mir mal einer direkt vor die Mündung springt: Von meinen fünf Schüssen gehen vier daneben, er trifft mich direkt.

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Das tut sich niemand freiwillig an. Kanonenfutter ist keine schöne Rolle. Die Spiele können natürlich nichts dafür; ich bin einfach nicht schnell genug, vielleicht schon zu alt, vielleicht zu wenig Zeit zum Üben, nicht mit Online-Shootern aufgewachsen, keinen Spass am harten Wettbewerb.

Aus diesem Grund hat es mir vor „Battlefield: Bad Company 2“ gegraust. BFBC2 ist ein Spiel, das den Mehrspieler-Modus in den Mittelpunkt stellt. Man kann BFBC2 nicht ignorieren, weil es die grosse Konkurrenz von Modern Warfare 2 ist. Es ist die Antwort von Electronic Arts auf den Kassenschlager von Activision – die zwei Blockbuster der beiden Publisher-Giganten. Und wenn man BFBC2 bespricht, muss man den Multiplayer-Modus spielen, alles andere wäre unfair.

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Ich befürchtete also, unzählige Stunden der Demütigung über mich ergehen lassen zu müssen. Und dann trat das genaue Gegenteil ein: Ich habe nicht nur überlebt, ich hatte richtig Spass. BFBC2 ist genau der Online-Shooter, der meinem Spieltyp entspricht. Natürlich war ich nicht plötzlich ein guter Schütze. Aber ich hatte meine Erfolgserlebnisse und war in der Schlussabrechnung nach einer Schlacht nie mit null Punkten auf dem letzten Platz. Für mich eine neue Erfahrung.

Battlefield ist ein taktischer Shooter. Man kann verschiedene Rollen einnehmen, ich habe mich für den „Aufklärer„, also den Scharfschützen entschieden. Das allein bedeutet schon, dass man sich weniger in das Getümmel stürzen muss, wo ich ohnehin keine Chance hätte. Stattdessen konnte ich mir strategisch Positionen suchen und aus der Distanz eingreifen. Das verändert das Spielgefühl komplett: Statt Hektik und Nahkampf tritt Taktik und Verstecken in den Vordergrund.

Nun ist BFBC2 natürlich nicht das einzige Spiel, das die Scharfschützen-Rolle kennt. Was Battlefield aber besser als alle anderen hinkriegt: Die „Maps“, die Schlachtfelder sind schlicht perfekt. Es ist immer klar, welche Positionen wichtig sind, Ziele werden klar kommuniziert. Es gibt keine „hohlen Gassen“ – Stellen auf einer Map, durch die alle durchmüssen (was in der Regel zu einem wilden Gemetzel an diesem Punkt führt, das gar nichts bringt). Stattdessen führen unzählige Wege zum Ziel, die Karten bieten grosszügig Platz, sind aber trotzdem eng genug, dass man nicht abseits vom Spektakel vereinsamt.

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Und dann hat Battlefield natürlich noch einen ganz entscheidenden Trumpf im Ärmel: Das meiste der Szenerie – Gebäude, Bäume – kann man zerstören. Kein Haus ist sicher: Was im einen Moment noch nach einer sicheren Stellung mit viel Deckung aussah, ist nach einem gezielten Panzer-Beschuss nur noch ein Haufen Schutt – und zwar wirklich Schutt, Häuser können komplett zerstört werden, nicht nur die Wände weggeschossen wie im Vorgänger „Bad Company 1“. Das bedeutet, dass sich die strategische Balance auf einem Schlachtfeld laufend verändert. Und es erweitert das Repertoire: Auf einen Scharfschützen kann man z.B. einen anderen Scharfschützen ansetzen, oder einen Nahkämpfer, der sich anschleicht, oder gleich das schwere Geschütz eines Kampfhelikopters auspacken.

Das schwedische Studio DICE hat mit einem vergleichsweise kleinen Team (rund 70 Personen) deshalb etwas geschafft, das uns schon seit Jahren immer wieder versprochen, dann aber doch nie geliefert wird. Zerstörbare Umgebungen sind zwar nichts als logisch – dass ein Raketenwerfer zwar einen Panzer zerstört, aber nicht eine Hauswand, ist ein Witz. Doch lässt man sich einmal darauf ein, dass nichts Bestand hat, macht man sich als Designer das Leben unheimlich schwer. Die Karte eines Schlachtfeldes muss so gestaltet sein, dass niemand benachteiligt wird. Das ist schon schwierig genug, auch wenn sich die strategischen Positionen nicht dauernd ändern können. Mit BFBC2 hat DICE nicht nur bewiesen, dass es möglich ist, sondern auch, dass es die Spielmechanik um entscheidende taktische Mittel erweitert, die eine Bedeutung jenseits der Lust am Zerstören haben.

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Auch im Einzelspieler-Modus wirkt sich die zerstörbare Umgebung aus, dort allerdings weniger dramatisch – vor allem, weil wir uns wie gewohnt in einem unsichtbaren Korridor vorwärts bewegen. Durch den Umstand, dass wir Wände mit einer Granate sprengen können, bewegen wir uns etwas freier – stossen aber trotzdem auf Grenzen, die nicht zu überwinden sind, was manchmal etwas seltsam anmutet.

Überhaupt ist der Einzelspieler-Modus von Battlefield enttäuschend. Mechanisch ist das ein toller Shooter, und einige Momente hinterlassen einen bleibenden Eindruck, z.B. ein Spielabschnitt, in dem wir uns alleine durch einen Schneesturm kämpfen und immer wieder Unterschlupf und wärmende Feuer suchen müssen, um nicht zu erfrieren. Wenn ich die Geschichte aber mit Modern Warfare 2 vergleiche, fällt BFBC2 stark ab. Auch Modern Warfare hatte Schwächen, aber das Grundthema der Kriegsmaschinerie, die zum Selbstzweck wird, ist spannend und wurde von MW2 auch stringenter erzählt als z.B. von Metal Gear Solid, das schon lange versucht, sich diesem Thema anzunähern und regelmässig über die eigene geschwätzige Schwurmelei stolpert. BFBC2 wagt nichts dergleichen. Hier erleben wir eine Geschichte, die sich um einen fiesen Russen mit einer schlimmen Massenvernichtungswaffe dreht und bekommen Dialoge zu hören, die einem üblen 80er-Jahre-Actionfilm entstammen könnten. Coole Macho-Sprüche sollen lockere Stimmung verbreiten; das hat man schon tausendmal gesehen und gehört, und es ist – besonders in der deutschen Synchronfassung – einfach nur peinlich. Das soll aber nicht heissen, dass man als Einzelspieler nicht ein paar unterhaltsame Stunden verbringen kann – die Geschichte ist auch schnell vorbei. Und dass sie so kurz gehalten ist, war genau die richtige Entscheidung, denn für mehr hat sie nicht genug Fleisch am Knochen. Das ist stattdessen im Mehrspieler-Modus zu finden.

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Wer also Shooter unbedingt alleine spielen will, kann Battlefield: Bad Company 2 getrost ignorieren – da ist man mit Modern Warfare 2 besser bedient. Ich empfehle aber gerade den chronischen Einzelspielern, dem Spiel eine Chance zu geben. Am Multiplayer von BFBC2 kommt man einfach nicht vorbei. Natürlich nicht, weil ich ausnahmsweise Spass daran hatte, sondern weil die Balance zwischen den Klassen stimmt, weil die Fahrzeuge viel Abwechslung bringen, weil die zerstörbaren Umgebungen die taktischen Dispositionen laufen verändern und weil das Erfahrungs- und Upgrade-System die richtige Langzeit-Motivation und Bindung zur eigenen Rolle bringen.

Battlefield: Bad Company 2 ist deshalb die exakte Ergänzung zu Modern Warfare 2. Im Einzelspielermodus erzählt MW2 eine Geschichte, die vielschichtiger ist als in jedem Shooter zuvor, BFBC2 hingegen verharrt auf einem pubertären „Fuck, yeah!“-Niveau. Genau umgekehrt ist es im Mehrspieler online. In MW2 sind die Kids dank schneller Reflexe im Vorteil. BFBC2 kann auch Erwachsenen Spass machen, die nicht den ganzen Tag Zeit zum Trainieren haben und deren Adrenalin nicht nur bei atemberaubender Action, sondern auch bei wohl überlegter Taktik fliesst. Der „Thinking Man“ spielt alleine die Geschichte von Modern Warfare 2 und online mit anderen Battlefield: Bad Company 2.

Battlefield: Bad Company 2 gibt es für PC, Xbox360 und Playstation 3. Es ist nach PEGI ab 16. Das Haikiew ist hier.
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10 Gedanken zu “Battlefield: Bad Company 2 – Online-Shooter für Erwachsene

  1. Ausgezeichnete Review! Ich habe die gleiche Erfahrung gemacht, mit der Frustration des virtuellen Todes im 10 Sekunden Takt. Aber ich denke nicht, dass es die Reflexe von mir als 43 jährigem arg langsamer sind als bei einem 18 jährigen. Die haben einfach mehr Zeit zum Ueben. Denn mit etwas Uebung schaffe ich es jetzt auch bei Modern Warfare 2 ab und zu mal an die Spitze der Liste. Mann muss einfach die Maps gut kennen und nicht kopflos rumrennen. Ich versuche jeweils via die Foren Mitspieler zu finden, die an Teamwork und dem Gebrauch des Mikrophone’s interessiert sind, denn so macht es definitive mehr Spass. Die Kritik am Einzelspieler ist sicher angebracht, obwohl ich es trotzdem genossen habe. In der Englischen Fassung fand ich die "Redneck" Kommentare von Sweetwater noch recht amusant, aber ich kann mir vorstellen, dass dies in der deutschen Uebersetzung etwas flach rüberkommt. Würde mich noch interessieren auf welcher Platform du spielst…

  2. @John: Klar, mit Üben wird man besser. Toll in BFBC2 ist aber, dass auch Anfänger ihren Spass haben können, und nicht erst diese riesige Schwelle überwinden müssen.

  3. Super Bericht, gefällt mir sehr gut. Der Vergleich zwischen CoDMW2 und BFBC2 im Multi- bzw. Singleplayer Modus empfinde ich genau so. Was mich am Anfang von BC2 etwas gestört hat, war die Tatsache, dass ich mit Rang 0 teilweise bereits gegen Rang 10 Personen kämpfen "musste". Es gibt zeitweise einen kleinen Nachteil in Bezug auf die bereits freigeschalteten Gadgets/Waffen von Gegnern mit höheren Rängen, aber das ist ja in praktisch jedem Online-Kriegsspiel so. Somit kein Kritikpunkt, ist ja auch nichts als fair wenn Spieler mehr Zeit investiert haben als ich, dass diese dafür auch mit zusätzlichem Material ausgerüstet werden. Was ich noch üben muss ist das Fliegen… ich stürze ständig mit den Helikoptern ab…. was meine Suadmember nerven dürfte! 😉

  4. @Chris: Das mit den höheren Rängen hat mich gar nicht gestört, weil das mir im eigenen Team ja zugute kam; wenn wir mal eine Map gewonnen haben, dann sicher nicht wegen mir ;)Oh ja, Helikopter könnten ruhig etwas einfacher zu fliegen sein. Und wenn mal einer damit losfliegt, könnte er ruhig darauf warten, dass noch ein paar einsteigen. Auf einer Map hatte ich mal ein Squad im Heli als Gegner, die hatten noch einen Sniper an Bord und haben uns richtig fertig gemacht.

  5. Hey dein Bericht find ich super sachlich. Stimmt dir in allen Punkten zu. Singleplayer ist Modern Warfare besser. Dafür ist Multiplayer in BBC viel interessanter da es Flug- und Fahrzeuge gibt und alles super umgesetzt wurde. 😉 Battlefield BC 2 ist momentan das beste Action Online Spiel auf Ps3. Macht richtig Süchtig! 😉 und im vergleich zu den älteren Battlefield spielen ist BBC2 ein reisen Quantensprung! Greets TT

  6. @John Bell, Atlanta, USA said… naja reflexe? doch! wenn du zb die führende e-soprts nation – s.korea- anschaust: mit 16 fängst du an bei profiligen zu zocken, mit 18 bist auf höhepunkt, mit 24 bist du "rentner" pensionär… ich stelle dies bereits bei mir (26j) fest selbst in einem game wie "orld of Warcraft -wo man meinen könnte das alter sei nicht so wichtig- das man eben doch langsam "alt" wird,,, also die reaktion usw nachlässt… es ist schon ein immenser unterschied von 26 zu 16…. und das, obwohl ich selbst seit 16 (ab 10j) permanent zocke (nicht jeden tag 6h +)….zu CoD6: MW 2 …. anfangs mühe, nach ca 6h multiplayer immer besser, und als ich dann die akimbo uzî bekam, gings richtig ab! da hab ich im FFA modus als ich die doppel uzis bekommen hab alles gerokt und war "fast immer" – und zum ersten mal- 1er im FFA…. es gibt hald hier waffen, die dir liegen und andere dies weniger tun… krass finde ich nur, das man in bfbc2, zb nicht mal mit einem medikit startet, wenn man die klasse medi auswählt, dies hatt mich sehr irritiert, als ich die erste multiplayer runde zockte… und auch die trefferqoutoe auf distanzen von über "40m" finde ich irgendwie irritierend, vorallem mit MGs…ich bin mir hier nicht sicher ob das in bf2 auch so extrem war…

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