Chris Dahlen: Games sind nicht wie Filme, sondern wie Musik

Chris Dahlen ist ein Popkultur-Journalist und hatte einen Einfall, den ich so noch nicht gelesen habe, und der verändert, wie über Games gedacht und geschrieben wird.

Dahlen schreibt in seiner Kolumne für EDGE: „Every time we compare games to movies, the fit is awkward. [… L]et’s try something else for a while. Instead of movies, let’s study music.

Dieser Gedanke ist ebenso einfach und elegant wie einleuchtend: Wir sollten aufhören, das Medium Games mit Filmen zu vergleichen und an Filmen zu messen, und stattdessen die Inspiration in der Musik suchen. Weil es die viel passendere Metapher ist.

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Foto: Nine Inch Nails, Flickr

Dahlen kritisiert die allgemein akzeptierte und unendlich oft wiederholte Ansicht, dass Games von Filmen lernen könnten, weil Filme eine lange Tradition des visuellen Erzählens haben. Und zwar nicht nur, weil Games interaktiv sind und Filme nicht. Sondern auch, weil Games Strukturen aufweisen, die mit Filmen wenig, mit Musik aber viel zu tun haben.

Da wäre zunächst Rhythmus. Dahlen: „You orient yourself in the game through action […]. You fall into its tempo.“ So wie wir im Takt mit dem Kopf nicken, so finden wir uns in einem Spiel zurecht. Zunächst ohne die Regeln oder die Ziele im Detail zu kennen, passen wir uns dem Rhythmus des Spieles an.

Dann die Performance. Dahlen: „We don’t experience music unless someone’s playing it.“ Und auch ein Spiel erwacht erst zum Leben, wenn es jemand spielt.

Das sind Analogien, die gleichwohl für Filme gelten: Auch ein Film hat Tempo und Rhythmus, auch ein Film erwacht erst durch die Leistung der Schauspieler (oder, um die digitale Produktion nicht auszuschliessen, die der Sound Designer oder Animateure) zum Leben. Spezifisch zu Musik passen jedoch die nächsten beiden Vergleiche.

Musik und insbesondere Pop-Musik hat immer wieder die gleichen Themen, die gleichen Phrasen; beschränkt sich auf Andeutungen, ist unklar und verworren – ohne dass jemand auf die Idee kommen würde, der Kunstform deshalb Inhaltsleere oder mangelnde Reife vorzuwerfen, im Gegenteil. Dahlen: „Love songs and sing-alongs never get old, in the same way that […] shooters never get tired: they’re a vessel for emotions we want to experience – in the case of a pop song, heartbreak or first love; in the case of a game, fear, surprise, and triumph.“ Wie in der Musik ist auch in einem Game der Plot oft weder entscheidend noch zentral. Auch die Figuren sind oft viel mehr Platzhalter als ausgestaltete, glaubwürdige Menschen. Die emotionale Wirkung erzielt ein Spiel im Moment, so wie uns eine einzelne Zeile eines Songs berühren kann.

Und schliesslich Repetition: Was in einem Film verboten ist, kann in einem Spiel gerade eine Stärke sein. Dahlen: „You don’t pester Bootsy Collins for sticking to the bass line, or get ansy when the chorus comes around again.“ Wenn sich ein Abschnitt oder die Mechanik eines Spiels wirklich gut anfühlt, macht es uns nichts aus, die gleichen Dinge immer wieder zu tun.

Film war die dominante Kulturform des 20. Jahrhunderts. Es ist deshalb naheliegend, dass sich ein neues Medium, das zumindest den Anspruch hat, im aktuellen Jahrhundert ebenso dominant zu werden, am Vorläufer orientiert. Doch Games unterscheiden sich von Filmen zu stark, dass dieser Vergleich immer hilfreich sein kann. Dahlen: „Film is the great medium of the 20th century, but it has nothing to do with play. And maybe, for now, it’s taught us what it can.

Und das geht nicht nur die Game Designer an, die sich vom grossen Bruder lösen und aufhören müssen, ihm blind nachzueifern. Sondern auch uns Kritiker. Denn auch wir benutzen oft die Sprache und das gedankliche Instrumentarium der Filmkritik. Wir reden über Spiele, als wären sie Filme. Auch für uns könnte der Blick auf die Musik und deren Kritik inspirierend sein.

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3 Gedanken zu “Chris Dahlen: Games sind nicht wie Filme, sondern wie Musik

  1. Hi Guido, ich hab Deine Website als feed in die GameCulture Gruppe auf Linkedin genommen. THNXSylvain

  2. Der viel verhasste Schiller hat in seinem Text, aus dem das Zitat stammt: "Der Mensch ist erst dort Mensch, wo er spielt", genau die Musik angeführt als den Ort wo, der Mensch eben spielt. Er spielt – so Schiller – indem er sich in den Rythmus fügt. Und Schiller hat das Ganze vermutlich auch nicht aus dem Hut gezaubert. Am Ende müssen wir bei God of War schauen, in der Weimarer Version.

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