Yakuza 3: Japanisches Melodrama mit Prügeln

Unser Held Kazuma Kiryu muss wieder einmal den Feuerwehrmann spielen: Der Tojo Clan, eine Unterabteilung der Yukaza (der japanischen Mafia), muss um die Erhaltung der Macht zittern und Kiryu will helfen. Er bittet deshalb den Scheff einer mächtigen Familie, den Tojo Clan zu unterstützen, in der Hoffnung, dass dann die anderen Familien nachziehen. Dieser Majima ist ein schmieriger, drahtiger Typ, mit Schlangenlederjacket und Augenklappe. Es gelingt Kiryu im Gespräch, ihn zu überzeugen.

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Eigentlich wäre der Deal damit beschlossene Sache, doch plötzlich meint Majima, er respektiere nur Kraft und will kämpfen. Die Geschichte wird auf ein Duell reduziert. Die beiden reissen sich mit theatralischen Gesten ihre Oberbekleidung vom Leib und präsentieren ihre beeindruckenden Rückentätowierungen, welche die Seele eines Yakuza spiegeln. Den folgenden Faustkampf entscheidet Kiryu für sich, und Majima willigt ein, dem Tojo Clan zu helfen.

Diese frühe Szene in „Yakuza 3“ zeigt recht deutlich die Gewichtung des Spiels. Wer wilde Non-Stop-Action erwartet, kennt wohl die Tradition der Spiele von Sega nicht. Im Zentrum von „Yakuza 3“ steht die Geschichte, eine komplexe, melodramatische Seifenoper. Die Prügeleien gehören zwar dazu, schliesslich verleiht ein Yakuza seinem Wort mit seiner Faust Nachdruck. Besonders zu Beginn des Spiels schauen wir aber meistens und schlagen nur selten zu.

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Wie schon im legendären „Shenmue“ hat auch „Yakuza 3“ keine Angst vor Alltäglichem. Kiryu ist zwar ein respektierter und gefürchteter Yakuza, er ist sich aber nicht zu schade, jemandem dabei zu helfen, die Einkaufstüten nach Hause zu tragen, oder einen Blog zu schreiben (!!). Er führt ein Waisenhaus (weil er selber ohne Eltern aufgewachsen ist) auf der Tropeninsel Okinawa, was bedeutet, dass wir zu Beginn des Spiels für die Kleinen Zmittag kochen und traurige Mädchen trösten, statt böse Kerle zu verhauen.

Genau dieses Waisenhaus wird dann aber zum Mittelpunkt der Geschichte von Yakuza 3. Es steht an einem Ort, wo ein Ferien-Resort und ein amerikanischer Militärstützpunkt gebaut werden soll, und weil sich Kiryu weigert, wegzuziehen, gerät er in Machtkämpfe zwischen Politik, der Polizei und verschiedenen Yakuza-Gruppierungen.

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„Yakuza 3“ ist ein Amalgam aus Rollen- und Prügelspiel. In den Kämpfen haben wir Lebensanzeigen wie in Street Fighter oder Tekken. Die simple Schlagen/Treten/Greifen/Blocken-Mechanik wird erweitert, in dem wir Gegenstände wie Stühle, Flaschen oder Abfalltonnen als Waffe verwenden können. Für Kämpfe erhalten wir Erfahrungspunkte und können damit Fähigkeiten freischalten und verbessern. Die Kämpfe sind etwas repetitiv, aber solid.

Das Spiel lässt sich viel Zeit, die komplexe Geschichte zu erzählen, erst nach rund zehn Stunden geht es so richtig los. Wenn man zu Beginn die Zusammenfassungen der Geschichten des ersten und zweiten Teils anschaut (übrigens eine ganze hervorragende Idee!), dauert es ausserdem über eine Stunde, bis man überhaupt das erste Mal selber handeln kann und nicht einfach ab und zu auf „Weiter“ drückt. Die wie Filmszenen inszenierten Zwischensequenzen sind meist spannend; was für die zusätzlichen Dialoge, die als Texte angezeigt werden, meist nicht gilt. Wie schon bei anderen japanischen Spielen wie Metal Gear Solid oder Final Fantasy wünscht man sich auch hier oft eine harte Hand mit mehr Mut zum Schnitt.

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Trotzdem: Die erzählte Geschichte ist facettenreich, die Figuren sind zwar überzeichnet, aber nie flach. Getragen werden die Szenen ausserdem von ganz hervorragenden Stimmen. Wenn ich gross bin, will ich auch Yakuza-Stimmen sprechen können! Es ist eine wahre Freude, diesen Schauspielern zuzuhören. Sie pressen ihre knappen Anweisungen heraus, sie brüllen, dass man Venen platzen hört – und unterstreichen so die Hyper-Männlichkeit der Yakuza. Es wird einmal mehr deutlich, wie gross der Vorsprung des japanischen Voice Actings noch ist, dank der langen Tradition des Animationsfilms.

Das Spiel ist keine grosse technische Leistung. Die ersten beiden Teile fanden noch auf der Playstation 2 statt, und man wird hier den Eindruck nicht los, dass sich das Technikteam mit der Playstation 3 noch nicht richtig angefreundet hat. Das Menu wirkt grafisch veraltet, der Ton, der Text-Dialoge begleitet, ist grauenhaft, die Bewegungen von Nebenfiguren sind sehr hölzern, wir stossen überall auf unsichtbare Wände.

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Doch diese Schwächen werden mehr als wettgemacht mit der unglaublich detaillierten Darstellung japanischer Stadtviertel. Kamurocho, das Stamm-Viertel des Tojo Clans, ist dem echten Rotlichtviertel Kabukicho im Stadtteil Shinjuku in Tokyo nachempfunden: Die Farbenpracht der Reklame-Tafeln, die Auslagen in den Schaufenstern der Geschäfte, die Boss-Coffee-Automaten, die Fahrräder mit Körbchen am Lenker. In diesen wunderbaren Kulissen bleibt man oft stehen und vergisst das Drama für einen kurzen Moment, um wie ein Tourist die Exotik einzusaugen.

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„Ya-ku-za“ ist Dialekt für die Zahlenkombination 8-9-3, die in einem Black Jack ähnelnden Kartenspiel als die schlechteste Hand gilt und nur mit List, Glück und Mut in einen Erfolg gedreht werden kann. Diese Geschichte vom Aufstieg eines Underdogs, die Tätowierungen, die komplexe, streng hierarchische Organisation, die Loyalität, die Kodizes und Rituale, der Hintergrund der Hauptfigur (ein Waise, der von einem Ziehvater in die Yakuza eingeführt wird, ein klassischer Beitritts-Myhtos der Yakuza) – das alles hat wohl mehr mit dem überhöhten Selbstverständnis der Yakuza und der darum herum entstandenen Popkultur zu tun, als mit der Realität des organisierten Verbrechens.

„Yakuza 3“ erlaubt uns einen tiefen Blick in diese Welt, überhöht gezeichnet, aber dennoch in der Realität verwurzelt. Wer sich auf das Spiel einlässt, erlebt eine Reise durch Japan, verfolgt eine grandiose Seifenoper und ab und zu wird noch schön geprügelt.

„Yakuza 3“ ist für die Playstation 3, nach PEGI ab 18. Das Haikiew ist hier.
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3 Gedanken zu “Yakuza 3: Japanisches Melodrama mit Prügeln

  1. «In den Kämpfen haben wir Lebensanzeigen wie in Street Fighter oder Tekken.»Es ist mir auch gerade als erstes Aufgefallen, dass Kazuma fast gleich heisst, wie Jin Kazama aus Tekken. Natürlich nicht mit den selben Kanji geschrieben, aber Kazama wird recht häufig versehentlich Kazuma genannt ^^Kazuma erinnert mich übrigens auch an Seiji Ino aus «Die seltsamen Methoden des Dr. Irabu», ein Yakuza der Angst vor spitzen Gegenständen hat (was als Yakuza eher ungünstig ist). Offenbar werden die Yakuza gerne als harte Typen mit unglaublich weichem, schon fast tollpatschigem Kern dargestellt, ist sogar wohl ein Stereotyp in Animes und Mangas.Man könnte meinen, dass Takaya Kuroda als Seiyuu nicht so ganz passend für diese Art Kontroverse ist, wegen seiner Stimme und seiner Rollen in «grossen» Animes. Er hatte allerdings auch recht schräge Rollen wie in Bobobo-bo Bo-bobo oder Cromartie High School. Sehr bekannter Seiyuu, gute Besetzung meiner Meinung nach.

  2. Tollpatschig ist Kazuma definitiv nicht, aber einen weicheren Kern kann man fast nicht haben (Waisenhaus!!). So gesehen also streng nach Yakuza-Kanon.Du denkst bestimmt an Takeshi Kitano in "Sonatine", oder? Ich jedenfalls habe gerade bei den Szenen auf Okinawa oft an diesen grandiosen Film gedacht.

  3. Nein, ich habe Sonatine nicht gesehen. Aber danke für den Tipp. Film ohne Drehbuch mit Musik von Joe Hisaishi – das tönt nach etwas, dass man einfach gesehen haben muss.Nein, ich habe einfach in letzter Zeit festgestellt, dass Yakuza in sehr vielen Comedy-Animes oder -Mangas eine solche Stereotypenrolle einnehmen. Vielleicht auch nur eine Modeerscheinung ^^

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