Die Blogger aus Tana

Blog1
 
Gestern Abend ging ich in eine kleine Kneipe in der Altstadt von Antananarivo und traf mich mit madagassischen Bloggern. Ich habe mich mit ihnen unterhalten und sie gefragt, worüber sie schreiben, an wen sie sich richten und warum sie bloggen.
 
 
Im Video vertreten sind Stéphane Ramananarivo (Pakysse), Radifera Ranaivoson Maminirina (Gazety Avylavitra), Lalatiana Rahariniaina (Dago Tiako) und Tahina Rakotomanarivo (Madagascar not the Movie). Ebenfalls anwesend waren Tahiry Rakotonirina (Besorongola’s Blog), Miora Randrianaivojaona (Miourandria) und Andry Rakotoniaina Andriatahiana (The Cyber Observer, I.C.E. Club Tana).
 
Die Blogger sind jung, sie sprechen neben Malagasy fliessend Französisch und Englisch, sie haben Hochschul-Abschlüsse und gute Jobs (z.B. Bankangestellte oder Juristen für die Regierung), gehören also zu der gebildeten, gut situierten Mittelschicht. Und sie sind beeindruckend enthusiastisch, sprechen von „journalisme citoyen“ und „education civile„.
 
Einen wesentlichen Anteil an dieser aktiven Blogger-Szene hat das Projekt Foko Madagascar. Foko ist ein lockeres Netzwerk von Bloggern aus Madagaskar, die sich zunächst mit Umweltschutz-Zielen zusammenschlossen, im Zuge der Turbulenzen, die seit 2009 anhalten, zunehmend aber auch einen politischen Blickwinkel einnehmen. Die Foko-Blogger kennen sich teilweise persönlich. Sie organisieren ausserdem Workshops, um neue Blogger zu rekrutieren und ihnen zu zeigen, wie es geht. Foko wird auch von aussen unterstützt, z.B. von Rising Voices, einem Projekt, das versucht, unterrepräsentierten Ländern wie Madagaskar über Blogs eine globale Stimme zu geben. Und sie kooperieren mit internationalen Hilfsorganisationen wie dem WWF.
 
Die meisten bloggen mit eigener Ausrüstung, sie schreiben, fotografieren und filmen seit mehreren Jahren regelmässig. Die meisten nutzen WordPress. Niemand hat sich über technische Schwierigkeiten beklagt, ausser der Internet-Verbindung, die vor allem für Video-Inhalte zu langsam und unstabil ist (das knapp zwei Minuten lange Video da oben in recht mässiger Qualität hat gut 40 Minuten gebraucht, bis es hochgeladen war). Sie nutzen soziale Netzwerke wie Twitter (mit dem Mobiltelefon), alle haben einen Facebook-Account. 
 
Blog2
 
Die traditionellen Medien hier (Zeitungen, Radio, Fernsehen) gehören meistens zu einer politischen Gruppierung (manchmal offen, manchmal verdeckt) und schreiben entsprechend. Es gibt zwar viele verschiedene Zeitungen und damit viele Meinungen zu lesen (in Tana sind die Zeitungen auf dem Trottoir ausgelegt, und viele stellen sich davor und lesen die Titelseiten). Dennoch betonen die Blogger, wie wichtig ihnen Unabhängigkeit ist. Sie wollen auch ihrer Stimme Gehör verschaffen, ihre eigene Sichtweise vertreten.
 
Einige schreiben über die Kultur und Sprache Madagaskars, andere beschreiben gerne den Alltag hier in Tana. Sie berichten über Umweltprobleme und die politische Entwicklung. Sie richten sich sowohl an die eigene Szene als auch ein breiteres Publikum, in Madagaskar und auch im Ausland. Eine besondere Rolle spielt dabei die Diaspora, Madagassen, die z.B. in Frankreich oder den USA leben und den Vorgängen in der Heimat ein besonderes Interesse entgegen bringen.
 
Ich glaube, man kann sagen, dass die stolzen Madagassen ein stark ausgeprägtes Nationalgefühl haben. Das ist bemerkenswert, weil es sehr viele verschiedene Ethnien und Religionen auf der Insel gibt. Wie in anderen Insel-Nationen auch (man denke an Grossbritannien oder Japan) fühlt man sich hier als eine besondere Einheit. Man hört immer wieder, dass Madagassen protestieren, wenn man sie zu Afrika zählt. Man sei weder Afrika noch Asien, man sei Madagaskar.
 
Dieses Bewusstsein ist auch bei den Bloggern spürbar. Tahina z.B. hat sein Blog „Madagascar not the Movie“ genannt, weil es ihn stört, dass Internet-Suchresultate für „Madagascar“ zunächst auf den Film zeigen und erst dann auf die Insel. Er will der Welt zeigen, wie Madagascar wirklich ist. Und als Blogger nimmt man das selber in die Hand und schreibt los.
 
Die Blogger erreichen noch ein eher kleines Publikum (zwischen 100 und 200 Pageviews pro Tag), was ihren Enthusiasmus nicht zu bremsen scheint. Ich kann das gut nachvollziehen: Es muss ein unglaubliches Gefühl sein, so direkt und schnell mit so vielen Menschen im In- und Ausland in Kontakt zu stehen, wenn man in einem Land lebt, in dem die meisten Menschen nie herumreisen und Briefe und Pakete gern ein paar Wochen unterwegs sein können. Auch für mich ist es faszinierend, dass ich mit diesen Bloggern schon vor der Reise direkt Kontakt aufnehmen konnte (z.B. über Facebook) – noch vor wenigen Jahren wäre das undenkbar gewesen.
 
Dieser Wille zur Meinungsäusserung birgt auch Gefahr. Radifera erzählt mir, dass er schon Probleme bekommen habe aufgrund seiner Blog-Posts. Er habe vor einer Wahl über einen Angehörigen des Parlaments geschrieben, ein andermal über Vetternwirtschaft, und beide Male sei er von Politikern gezwungen worden, die Posts zu entfernen. Er habe die beiden Artikel dann auf „Privat“ geschaltet, so dass sie nicht mehr öffentlich gelesen werden können. Radifera konnte mir nicht sagen, was genau passiert wäre, wenn er sich geweigert hätte. Er habe sich um seine Familie Sorgen gemacht und wollte das Risiko nicht eingehen. 
 
Er sagt, dass er auch nach dieser Erfahrung keinen Bogen um bestimmte Themen macht, aber wohl etwas vorsichtiger formuliert. Ich habe auch die anderen Blogger gefragt, ob sie vergleichbare Probleme hatten. Ausser Stéphane, dem von der Polizei bei einer Demonstration verboten worden sei, Fotos zu machen, haben sie alle verneint.
 
Trotzdem zeigt die Anekdote, dass es man hier unter Umständen ein hohes persönliches Risiko eingehen muss,
um seiner Stimme Gehör zu verschaffen. In einem Land mit schwacher Staatsmacht und weitverbreiteter Korruption kann man sich nicht darauf verlassen, dass die Meinungsäusserungsfreiheit geschützt wird. Reporters Sans Frontières hat letztes Jahr darauf hingewiesen, dass es einige Anzeichen gibt, dass die Pressefreiheit gefährdet ist und spricht von Journalisten, die bedroht oder verhaftet worden seien.
 
Diese ergänzenden Posts zur kommenden Reportage „IT in Madagaskar“ sind alle hier gesammelt: Tag Madagascar.
Advertisements

4 Gedanken zu “Die Blogger aus Tana

  1. hi guido nach tana oder wo du gerade bist….es würde mich sehr interessieren, wie du gerade auf madagaskar kommst, um deine tollen recherchen und berichte zu ermitteln??? asien hat doch (aus erfahrung) eine gänzlich andere mentalität und ist für uns europäer oft schwer zu verstehen….anyway…schöne zeit in den tropen!!!

Sag was!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s