Wo das Internet aus dem Meer kommt: Das Unterseekabel in Toliara

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Fotos: Martina Lippuner, Guido Berger

Seit dem Beginn der bemannten Raumfahrt in den 60ern und der neuerlichen Space-Begeisterung in den 80ern mit Star Wars auf der Leinwand und in echt gehen wir davon aus, dass High Tech etwas mit Weltall zu tun hat. Wenn ich Bekannte frage, wie wohl das Internet von einem Kontinent auf den anderen kommt, antworten die meisten: „Wohl per Satellit.“ Auch wenn Satelliten durchaus dafür benutzt werden können, ist die Kapazität stark beschränkt und darum sehr teuer. Nein, nicht per Satellit aus dem Weltall kommt das Internet, sondern per Kabel aus dem Meer.

Diese Kabel übertragen jegliche Art von Kommunikation, also nicht nur Internet, auch Telefon. Wenn der Banker am Paradeplatz mit seinen Kollegen an der Wall Street telefoniert, wenn ein Unternehmen aus Deutschland sofort weiss, wie viel Stück die Fabrik in China heute produziert hat, wenn wir bei Google nach etwas suchen, auf Youtube ein Video einer Katze schauen, Fotos auf Facebook durchstöbern oder den Flug in die Ferien buchen: Immer ist ein Unterseekabel daran beteiligt. Die Kabel sind die Adern der Globalisierung. Ohne sie könnte das Blut des globalen Informationsaustausches nicht zirkulieren.

Mich fasziniert die Fragilität dieser kritischen Infrastruktur schon lange. Deshalb bin ich nun hier in Madagaskar und besichtige ein solches Kabel – um einmal an dem Ort zu stehen, wo das Internet aus dem Meer kommt.

Unterseekabel sind eine der ältesten Kommunikationstechnologien überhaupt. 1850 wurde das erste Kabel durch den Ärmelkanal gezogen, 1866 das erste erfolgreich durch den Atlantik – ein Kupferkabel zur Übermittlung von Morse-Code, zwischen Grossbritannien und den USA. Die Technologie ist im wesentlichen auch heute noch die gleiche: Man lädt sehr viel Kabel auf ein Schiff, fährt los und lässt es hinter sich ins Wasser.

Heute benutzt man Glasfasern statt Kupfer. Man kann gerissene Kabel reparieren – im Gegensatz zum 19. Jahrhundert. Ein Unterbruch bedeutete damals: Zurück schippern, Kabel neu ziehen. Mittlerweile angelt man das Kabel hoch, setzt es neu zusammen und lässt es wieder hinunter. Wenn es nicht allzu tief liegt, kann man es auch per ferngesteuertem Untersee-Roboter reparieren. Dank den Repeatern (das Licht im Glasfaserkabel muss immer wieder verstärkt werden) weiss man in der Regel recht genau, wo das Kabel unterbrochen ist. Gründe für einen Unterbruch sind Fischer, die ein Schleppnetz darüber ziehen; Schiffe, die bei Sturm den Anker auswerfen, den am Grund entlang schleifen und so das Kabel durchtrennen; oder Erdbeben und See-Erdrutsche. Und ab und zu beisst sogar ein Hai in das Kabel. In Küstennähe gräbt man das Kabel mit einer Art Pflug ein, wenn es der Untergrund erlaubt, oder verlegt gar Stahlrohre; sonst legt man es einfach auf den Meeresgrund. Deshalb ist das meiste des nicht einmal armdicken Kabels Schutzummantelung.

Das alles ist viel billiger als Kabel an Land zu verlegen oder eben Satellitenverbindungen. Entsprechend gross ist der Bedarf an Unterseekabeln. Die Werften, die spezialisierte Kabelschiffe bauen, kommen kaum nach, die Bestellungen auszuliefern. Zwischen Europa, Amerika und Asien gibt es über 250 Verbindungen; ausser der Antarktis sind alle Kontinente angeschlossen.

Afrika ist allerdings wie so oft ein weisser Fleck auf der Karte: Westafrika hatte bis vor kurzem nur ein einziges Kabel, Ostafrika gar keines. In Westafrika sind letztes Jahr zwei dazu gekommen, zwei weitere sind im Bau. Und Ostafrika hat erst letztes Jahr das erste Kabel erhalten (Seacom), dieses Jahr sind mit EASSy und TEAMs zwei weitere dazugekommen.

Madagaskar wurde im letzten November an das LION-Kabel von Orange angeschlossen (in Tamatave, einer Hafenstadt im Osten von Antananarivo). LION verbindet die Insel mit Reunion und Mauritius und schliesst an das SAT3/SAFE-Kabel an, das von Südafrika nach Indien führt. Und nun kommt mit dem EASSy-Kabel ein zweites dazu. Das Kabel verläuft von Südafrika (Mtunzini) der ganzen ostafrikanischen Küste entlang, im roten Meer knüpft es dann an mehrere Europa-Asien-Verbindungen an. Der Ableger nach Madagaskar landet in Toliara, einem gemächlichen Fischerstädtchen mit kleinem Hafen im Südwesten der Insel.
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Fotos: Martina Lippuner, Guido Berger

Ich habe das Data Center in Toliara besucht und war an dem Strand, an dem das Kabel aus dem Meer kommt. Ich habe meinen Kopf in den Wartungsschacht gesteckt, in dem das Kabel vom Meer mit dem vom Land verknüpft und damit die Insel angeschlossen wurde. Der Wartungsschacht bzw. das BMH, Beach Man Hole, liegt knapp sechs Kilometer entfernt vom Data Center, darum herum nichts als Sand, es windet stark. Es ist mit schweren Gusseisen-Platten verschlossen, es braucht spezielle Zangen und zwei Mann, um es zu öffnen. Sonst ist das Kabel darin aber nicht weiter geschützt. Knapp fingerd
ick, beinahe filigran windet es sich aus der westlichen Betonwand und verschwindet gleich wieder in der östlichen, Richtung Data Center.

Dort zeigen mir der Ingenieur Monsieur Martin (unten auch auf der Brücke des Kabelschiffes zu sehen) und die Presse-Beauftragte Madame Julie (es ist in Madagascar üblich, sich mit dem Vornamen anzusprechen) den Raum, wo das Kabel vom Strand ins Gebäude gelangt – es wirkt etwas verloren, im Boden des Raums sind noch einige leere Löcher für zukünftige Kabel ausgespart. Dann gehen wir in den oberen Stock und schauen uns in einem stark klimatisierten Raum Submarine Line Terminal Equipment, Optical Digital Frames, Add-Drop Multiplexer und anderes Gerät an (das meiste von Alcatel-Lucent). Man hört das Rauschen der Klima-Anlage, an einem Kasten blinken ein paar rote und grüne LEDs. Er ist mit „TO MTUNZINI“ angeschrieben, der Ort in Südafrika, wo die Glasfasern rund 1’400 km weiter südwestlich wieder aus dem Meer auftauchen. Ein Datenpaket braucht für diese Strecke nur einige Millisekunden. Ich stelle mir vor, wie lange ich mit einem Segelschiff und einem Brief in der Tasche unterwegs wäre. Drei, vier Tage bei gutem Wind?

Sollten die Lämpchen plötzlich aufhören zu blinken, ist das Kabel irgendwo dazwischen unterbrochen. Jemand sitzt rund um die Uhr im Raum nebenan und drückt dann den grossen roten Emergency-Stop-Knopf, was das Equipment vom Netz trennt und sauber herunterfährt. Dann muss ein Reparaturschiff auslaufen – je nach Ursache und Wetter kann es ein, zwei Wochen dauern, bis das Kabel wieder funktioniert.

Neben dem Gebäude stehen zwei Stromgeneratoren, die sicherstellen, dass auch bei einem Stromunterbruch („Coupure„) nichts stillsteht – das kommt hier in der Provinz einmal pro Woche vor, letztes Jahr sei es aber viel schlimmer gewesen. Vor dem Gebäude sitzt ein Wachmann mit einem schweren Holzknüppel und schaut etwas verschlafen ins Leere. Er ist von der gleichen Firma, die auch Gardiens vor einigen teureren Restaurants abstellt, um Händler und Bettler daran zu hindern, die Touristen um ein Cadeau zu bitten oder ihnen Halsketten aus Muscheln und geschnitzte Zuckerdosen anzudrehen.

Das EASSy-Kabel ist 10’294 km lang, es hat aktuell eine Kapazität von 1.4 Terrabits/s (was auf das zehnfache ausgebaut werden kann ohne neu zu verlegen) und hat 263 Millionen US-Dollar gekostet. Die Telma ist mit rund 13 Millionen einer der fünf grössten Investoren und gehört zu einem Konsortium von 27 süd- und ostafrikanischen Unternehmen. Der Staat Madagaskar ist als einer der Hauptaktionäre der Telma direkt am Kabel beteiligt.

Damit ist die Insel und ihre über 20 Millionen Einwohner nun mit zwei Kabeln an das Internet angeschlossen. 6’000 km Glasfaser-Backbone für weitere 67 Millionen Dollar hat man bereits im Land verlegt, und verbindet so Toliara mit den grössten Städten und der Hauptstadt Antananarivo.

Der Präsident der Übergangsregierung Andry Rajoelina hat bei der Einweihung verkündet, das Kabel könne Jobs für 10’000 Madagassen bringen, z.B. mit Call Centern nach dem Vorbild Indiens. Denn das Kabel soll schnelles und günstiges Internet nach Madagaskar bringen und damit einer breiteren Bevölkerung den Zugang zur globalen Informationsgesellschaft ermöglichen.

Das hat mir auch Johary Rajobson bestätigt, Sécrétaire Général des Ministère des Télécommunications, des Postes et des Nouvelles Technologies MTPNT:

Mit nur zwei Kabeln gibt es allerdings nur sehr wenig Wettbewerb, und die staatliche Beteiligung an den Kabeln könnte verhindern, dass eine entsprechende Regulierung des Marktes durchgesetzt wird. Ob die Preise also wirklich deutlich sinken und das Versprechen vom Zugang für alle eingelöst wird, ist im Moment noch offen. 

Fotos von der Landung des Kabels am 19. März 2010:
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Fotos: Telma

 

7 Gedanken zu “Wo das Internet aus dem Meer kommt: Das Unterseekabel in Toliara

  1. Sehr informativer Artikel. Das EASSy Gebäude wirkt in Toliara wie ein Fremdkörper. Gut, dass sie 2 Notstromaggregate haben. Bei der miesen öffentlichen Stromversorgung.

  2. Ich dachte ja, das Kabel sei tatsächlich schon angeschlossen und man könnte schon die Hochgeschwindigkeit nutzen, aber letzte Woche hat mir der Inhaber eines Telma-Internetcafes gesagt, daß das Kabel erst im Juli mit Südafrika verbunden werden soll. Alles nur leeres Gerede? Leeres Kabel? In Madagaskar wundert das nicht!Vor Juli wäre dann auch nicht mit einem neuen Angebot von Orange zu rechnen, Telma hat die besseren Karten in der Hand!?http://madagaskar-blog.malala-madagascar.net/2010/03/telma-hat-tulear-an-das-eassy-kabel-angeschlossen-internetcafe-am-reisfeld-wartet-auf-bessere-verbindung/

  3. Mit Südafrika ist das Kabel definitiv verbunden. Richtig am Netz und für Kunden nutzbar ist es aber noch nicht, man macht noch Tests. So viel ich weiss, fehlt ausserdem noch ein Teilstück vor Somalia. Bis man in Madagaskar den Effekt des Kabels also wirklich merkt, kann es gut August/September werden. moov (die ja zur Telma gehören) hat aber bereits begonnen, günstigere DSL-Pakete anzubieten.Das LION-Kabel von Orange hat praktisch die gleiche Kapazität (1.3 Tbits/s) wie das EASSy von Telma (1.4 Tbits/s). Orange sollte diesbezüglich mit gleichen Spiessen unterwegs sein. Allerdings ist der nationale Glasfaser-Backbone von der Telma, da gibt es also durchaus Potential für Wettbewerbsverzerrung.

  4. Nice! Erinnert mich auch an den Stunt der Alliierten Nach der Invasion Frankreichs, als die eine Benzinleitung per Schlauch im Channel versenkten, um die Motorisierten Truppen gefahrlos zu versorgen!

  5. Toller Artikel, der Hoffnung macht. Zur Zeit wird in der Hauptstadt noch immer getestet, in anderen Teilen des Landes lebt man nach wie vor in der digitalen Steinzeit. Sowohl Telma/Moov als auch Orange und Zain haben nahezu unverändert hohe Preise bei unveränderter "Leistung". Das Herunterladen dieses Artikels hat bei mir hier in Ambato/ Madagaskar gut 15 Minuten gedauert. Kann irgendjemand von Euch die Sache für uns, die wir auf diese Kabel angewiesen sind, etwas beschleunigen?

  6. @Matthias: Also hier wurde vor ein paar Tagen gemeldet, dass die Tests nun vorbei seien und dass EASSy in Betrieb ist: <a href="http://www.tananews.com/2010/08/oui-eassy-est-enfin-la/">Oui, EASSY est enfin là!</a>Auf tiefere Preise wartet man offenbar noch. Und bei dir auf dem Land (welches Ambato?) hängst du wahrscheinlich nicht am Glasfaser-Backbone dran, drum wirst du wohl nur wenig merken. Wo der Backbone hinkommt, findest du z.B. hier: <a href="http://www.telma.mg/images/pdf/backbone_avril09.pdf">LeBackbone National Telma</a>

  7. Pingback: Wo das Internet noch alles lebt | netzpolitik.org

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