Skate 3: Solide Mechanik, garniert mit ironiefreiem Kommerz

Ich starte Skate 3 und werde sogleich von Jason Lee begrüsst, der die Rolle von „Coach Frank“ gibt. Ich kenne Lee eigentlich nur als Schauspieler (grandios in Chasing Amy, oder in My Name Is Earl) – der Mann hat seine Wurzeln aber im Skateboarding. Damit ist er eine perfekte Wahl – und bestätigt sein Casting durch eine saubere Sprecher-Leistung.

Skate1

Lee ist nicht der einzige Star im Spiel – hab ich mir jedenfalls sagen lassen, ich kenne mich in der Szene nicht aus. Skate 3 ist aber mehr als ein Karussell von Star-Auftritten. Es ist ein Spiel mit einer hervorragenden Grundmechanik und bildet die Skate-Kultur gewissenhaft ab.

Star des Spiels ist nach wie vor die Steuerung. Wie schon in den zwei Vorgängerversionen steuert man mit dem linken Stick die Ausrichtung und die Balance des Körpers. Der rechte Stick entspricht den Beinen – den benutzt man, um Tricks zu springen. Einen einfachen Ollie z.B. springt man, indem man den Stick nach unten zieht und dann noch oben schnellen lässt. Macht man das ausserdem leicht diagonal, wird aus dem Ollie ein Kickflip (bei dem das Brett zusätzlich zum Sprung um die eigene Achse wirbelt).

Jeder Trick wird also mit einer bestimmten Bewegung des rechten Sticks ausgeführt. Das ist eine unendlich bessere Mechanik als die blöde Idee mit dem Plastikbrett der letzten Tony-Hawk-Version. Weil sich das Spiel bewusst ist, dass es keine Simulation ist, weil echte Präzision möglich ist, weil die Steuerung der Situation auf dem Sofa angepasst ist. Und aber auch, weil diese Stick-Bewegung doch eine Entsprechung in der echten Beinbewegung hat, weil die Steuerung damit etwas körperliches bekommt. Man kann die schwierigsten Tricks nur reproduzieren, wenn man die Bewegung wirklich verinnerlicht hat.

Skate2

Damit gilt das, was auch für richtige Skater gilt: Üben, üben, üben: Anlaufen, springen, hinfallen, noch einmal versuchen.

Das Spiel unterstützt diese simple Trial-and-Error-Mechanik, in dem es jede Hürde weg nimmt, die Üben mühsam machen könnte. Man kann direkt zu Herausforderungen springen, wenn man gerade keine Lust hat, frei durch die Stadt zu toben. Man kann an einer bestimmten Stelle einen Marker setzen und per Knopfdruck wieder dahin zurückspringen – um immer schön von der gleichen Stelle aus anfahren zu können.

Skate3

Das ergibt ein sehr entspanntes Spielgefühl: Man probiert etwas ein paar Mal. Wenn man merkt, dass man gegen eine Wand rennt, wendet man sich etwas anderem zu. Nur ganz wenige Spiele treffen diese Balance so gut. In Skate 3 fühlt sich Aufgeben nie als verschwendete Zeit an. Man nimmt einfach zur Kenntnis, dass ein bestimmter Trick noch ausser Reichweite ist.

Das soll aber umgekehrt nicht heissen, dass das Spiel nicht fordert. Es gibt einige wirklich knifflige Aufgaben zu bestehen. Und z.B. in den Duellen gegen berühmte Skater (1UP-Modus) zeigt sich, dass man nicht einfach wild herumhebeln kann für eine gute Line.

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Noch anspruchsvoller wird das Spiel online, wo man sich mit anderen Spielern messen kann. Die Online-Funktionen sind auch die wesentlichste Neuerung von Skate 3 gegenüber den Vorgängern. Es ist neu möglich, online ein Team zu bilden und zusammen gegen andere Teams anzutreten (für mich allerdings irrelevant, weil ich keine Freunde habe, die online mit mir skaten wollen). Man kann Filmchen seiner besten Tricks schneiden oder eigene Skateparks gestalten, und all diese Aktivitäten online geben auch Punkte für das Offline-Spiel. Auch Herausforderungen werden besser gewertet, wenn man sie online fährt. Single- und Multiplayer sind also eng verschränkt, das Spiel gibt laufend Anreize, mit anderen zusammen zu spielen. Das ist toll, weil das Spiel auch hier mühelos auf dem schmalen Grat balanciert zwischen „entspannt zusammen abhängen“ und hartem Wettbewerb. 

Wer Skate 2 schon besitzt, wird allerdings nur wenig neues finden, Skate 2.5 wäre wohl passender gewesen. Ich persönlich habe Skate 2 ausgelassen; der Sprung von Skate 1 ist deshalb gross genug, ein „Updgrade“ lohnt sich. Nur schon, weil man seit Version 2 auch vom Brett steigen kann, wenn man mal eine Treppe hochgehen will. Wer Skate 2 schon hat, wartet wohl besser darauf, bis Skate 3 in der Wühlkiste auftaucht.

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Etwas enttäuschend ist die sehr klobige Stadt – Häuser und Autos sind schlicht hässlich. Umgekehrt sind aber die „Spots“ und Skate Parks grandios gestaltet, weniger optisch, sondern in erster Linie spielerisch. Auch hier findet das Spiel eine perfekte Balance zwischen spektakulär und trotzdem noch einigermassen in der Realität beheimatet. Naja, jedenfalls kennen sie einen, der einen Cousin hat, der in der Realität wohnt.

Probleme hatte ich mit der Präsentation des Spiels. Das Spiel beginnt zum Beispiel mit einem langen Film (gefilmt, nicht animiert), wie Wald zu Skateboards wird, mit vielen bekannten Gesichtern aus der Szene. Der Film ist schön anzusehen, ist aber unheimlich verkrampft „lustig“. Hillbillies mit falschen Zähnen? Hippies, die mit Schlamm bespritzt werden? „Hahaha“, bzw. Aua aua. Im gleichen Stil geht es dann im Spiel weiter – die Stadt heisst z.B. „Port Carverton“. Really??

Skate6

Ausserdem ist das Spiel voller Skateboard-Slang, eine Figur ist cooler als die andere. Niemand würde so reden, auch die coolsten Kids nicht. Ich jedenfalls würde mich von so einer Person möglichst zügig rückwärts entfernen.

Und dann macht man sich im Intro lustig über Tony Hawk (der in der Szene ja als „Geschäftsmann“ verschrieen ist). Im Spiel geht es aber selber um den blanken Kommerz. Die Hintergrundgeschichte ist nämlich, dass wir eine eigene Marke gründen, jeder Erfolg im Spiel wird in verkauften Boards gemessen. Wir fahren unseren ersten Trick und dank dem Foto davon verkaufen wir gleich Tausende von Brettern. Eben, die Realität ist weit weg, dass es aber nur ums Geschäft geht, das ist offenbar auch bis in die Fantasie durchgedrungen.

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Entsprechend kann man hunderte von T-Shirts und Schuhen und Hats und Boards und Trucks und Wheels echter Marken freischalten und damit seine Figur ausrüsten. Was daran eine Belohnung sein soll, ist mir nicht klar – und noch schleierhafter ist, dass ich im Spiel ja eigentlich meine eigene Marke promoten soll. Warum sollte ich dann auf den Fotos und in den Videos meines Teams für andere Marken werben? Man kann ein grösseres oder kleineres Problem mit Product Placement haben; auf jeden Fall unangenehm wird es dann, wenn es inhaltlich keinen Sinn mehr macht.

Trotzdem ist das Gameplay von Skate 3 so solid, dass es für mich nur schon wegen der Steuerung das beste Skate-Spiel auf dem Markt bleibt. Der gnadenlose Kommerz und die verkrampft lustig-coole Stimmung hinterlassen aber einen etwas bitteren Nachgeschmack.

Skate 3 gibt es für die Xbox360 und die Playstation 3. Es ist ab 16 (wohl weil wir in der „Hall of Meat“ ganz schlimme Knochenbrüche sehen und weil einer der Skater eine Zigarette im Mundwinkel hat). Das Haikiew ist hier.
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3 Gedanken zu “Skate 3: Solide Mechanik, garniert mit ironiefreiem Kommerz

  1. Hallo Guido, "Warten, bis es in der Wühlkiste auftaucht" ist leider (nach dem neuesten Streich von EA) keine gute Option, da Online-Inhalte (Fahren, Filme + Parks up- und downloaden) occasion nur durch kaufen von Kostenpflichtigen Download-Pack’s freigeschaltet werden können.Diese kosten ca.15.-/Pack.Was man noch als negativ Punkt erwähnen könnte ist der fehlende Offline-Multiplayer! Im 2. Teil konnte man zu viert offline, nacheinander diverse Spots und Hall of Meat-Challnges spielen.Auf das wurde im 3.Teil leider komplett verzichtet! Leider!Ansonsten gewohntes, sehr gutes Review von Dir, vielen Dank!Gruss Flo

  2. Danke für den Hinweis, Flo. Mit "Wühltisch" meinte ich zwar mehr die herabgesetzten Original-Games, aber du hast natürlich recht, Falle.

  3. Ich mag den Park-Editor und die Hall of Meat-Challenges. Die neue Stadt finde ich trotz Name toll. Toller Review!

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