Reformation und Gnade, Internet und Wahrheit

Die Informationsrevolution ist eine Umwälzung, die mit dem Auftauchen neuer Technologie begann und noch nicht komplett absehbare Folgen für die Gesellschaft hat. Ein historischer Vergleich sei erlaubt, denn die Parallelen sind überdeutlich.

Gutenberg
Die Gutenberg-Bibel in der New York Public Library. Foto: NYC Wanderer/Flickr

Um 1450 druckt Johannes Gutenberg in Mainz die Bibel. Und 1517 formuliert Martin Luther in Wittenberg die Thesen, die zur Reformation führen. Die Reformation wird durch die Technologie des Buchdrucks ermöglicht, denn das Informationsmonopol der Priester und Mönche fällt. Es ist nicht mehr nur die Institution der Kirche, die in der Bibel liest und sie in der Predigt interpretiert. Alle können nun die Schrift lesen, auch in der eigenen Sprache – und sie beginnen, sich ein eigenes Bild zu machen. Die Folge davon ist eine radikale Neuausrichtung des christlichen Glaubens, mit Grundsätzen wie sola scriptura – allein die Schrift der Bibel zählt, nicht die Tradition der Kirche – und sola  gratia – allein Gott gewährt Gnade, nicht die Kirche in der Beichte oder durch einen Ablass.

Die Reformation verschiebt damit die Verantwortung für das persönliche Seelenheil: Weg vom Priester, der Kirche, der Institution, hin zu den einzelnen Gläubigen, dem Individuum. Und der Auslöser für diese Verschiebung ist eine technologische Revolution.

Diese Entwicklung spiegelt sich exakt in der Informationsrevolution, rund 500 Jahre später. Die technologische Entwicklung des Internets, der digitalen Produktion und Verbreitung, führt dazu, dass das Informationsmonopol der traditionellen Medien fällt. Es sind mehr nur grosse, zentral organisierte Institutionen wie Zeitungen, Radio und Fernsehen, die Zugriff auf Primärquellen haben und diese in ihrer Berichterstattung interpretieren. Alle können schreiben, alle haben Zugriff auf Quellen, alle können ein Publikum finden, alle können interpretieren und kommentieren.

Die Informationsrevolution verschiebt damit die Verantwortung für die Quellenkritik: Weg vom Journalisten, der Redaktion, der Institution, hin zu den Einzelnen, dem Individuum.

Social Media wie Blogs, Twitter, Digg und Wikipedia führen zu einer Reformation der Quellenkritik. Sola scriptura – nur die Quelle zählt. Sola gratia – nur die Interpretation im sozialen Netzwerk gewährt die Gnade der Wahrheit. Glaubwürdigkeit ist nicht mehr allein durch die Institution gewährleistet. Wie die Protestanten tragen die Internet-User von morgen die ganze Last der Verantwortung auf ihren eigenen Schultern.
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6 Gedanken zu “Reformation und Gnade, Internet und Wahrheit

  1. Gemessen an der Anzahl aktiver Internet-User ist die Last der Verantwortung aber durchaus erträglich… da hatten es die Prediger von damals nicht einfacher 🙂

  2. Ein Unterschied heute ist wahrscheinlich, dass wir nichts Allgemeingültiges mehr sagen wollen, sondern uns eine eigene Realität bauen, niemand will alle missionieren.Auch innerhalb der Religionen ist es ja sogar schon so geworden: "Patchwork"-Religionen. Es gibt tatsächlich Christen, die die Wiedergeburt als etwas Erstrebenswertes betrachten und darum dran zu glauben beginnen… Evtl. verwechseln die das mit der Auferstehung, aber das ist irgenwie schon nicht dasselbe.Der Nachteil dieser Haltung, die sich immer mehr durch alle Lebensbereiche zieht, ist wahrscheinlich die moralische Korrumpierung, besonders in der Politik: Der SVPler findet es i.O. wenn er ausländische Billigarbeiter bevorzugt, der SPler kann es plötzlich mit sich vereinbaren, krumme Geschäfte zu machen usw.

  3. Ich bin kein Theologe, aber ich könnte mir vorstellen, dass die Individualisierung des Glaubens, die mit der Reformation begonnen hat, auch im Katholizismus Spuren hinterlassen hat. Nicht ohne Grund hat der ja Papst (damals noch als Kardinal Ratzinger) die "Diktatur des Relativismus" <a href="http://www.faz.net/s/Rub25D2FAB0AC0A4A0096321EE86E4000EF/Doc~E16A28A93851244859BDF76E5EDD4B584~ATpl~Ecommon~Scontent.html">angeprangert</a&gt;. Und ich bin mir sicher, dass das nicht nur gegen aussen (z.B. gegen islamfreundliche Integrationspolitiker oder Eso-Wellness-Spiritualisten) sondern auch gegen innen gerichtet war – gegen Katholiken, die etwas zu stark mit der Toleranz flirten.Oder eben die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Proteische_Persönlichkeit">proteischen Persönlichkeiten</a> mit ihrer Ablehnung absoluter Wahrheiten. Dass der postmoderne Mensch aber nur die eigene Wahrheit im Sinn hat, bezweifle ich stark. Ich vermute im Gegenteil, dass gerade die starke Vernetzung über Kommunikationstechnologie die Suche nach einer allgemein akzeptierten Wahrheit fördert. So entsteht Gemeinschaft, in Zukunft vielleicht nicht nur über nationale, sondern auch ethnische und religiöse Grenzen hinweg.Und schliesslich geht es bei Information meist nicht um abstrakte Konzepte, sondern um konkrete Ereignisse. Hier bietet sich das Modell der Wissenschaft an: Überprüfbare Hypothesen, Nachweis der Quellen, Peer Review und <a href="http://www.ted.com/talks/david_deutsch_a_new_way_to_explain_explanation.html">die Idee der schwer auszutauschenden Erklärung</a>. Wenn es möglich ist, Wissenschaftler und Studenten auf diese Methoden zu verpflichten, warum soll das nicht auch mit Bürgerjournalisten möglich sein?Wer jetzt vor der Diktatur des Pöbels im Newsroom Angst hat, sei daran erinnert, dass wir auch vor der Demokratie mit dem exakt gleichen Argument Angst hatten. Und so schlecht gefahren ist man damit ja nicht. Die Haltung, dass nur bestimmte Personen im Wettbewerb der Ideen zugelassen sein sollen, ist zutiefst elitär.

  4. Ich hoffe auch, dass letztlich alles auf etwas irgendwie Gemeinsames hinausläuft.Und das mit dem Elitären würde ich auch hoffen, dass alles weniger elitär wird. Aber dann müsste man auch die blöden Diplome abschaffen, die es heute überall braucht. Ich habe die Sek gemacht, was (im Kt. Zug) immerhin besser als die Real ist, aber komme mir damit vor wie der letzte Mohaikaner. Im Internet wird alles immer offener, gleichzeitig verschärfen die etablierten Firmen und Schulen ihre Auswahlkriterien: alle Stellen und Ausbildungen (auch die MAZ) fordern die BM oder die Kanti. Und da wundert sich jemand über meinen mangelnden "Bildungswillen"? Es ist nicht lustig, eine Ausbildung machen zu müssen, um eine andere Ausbildung erst machen zu können.Vorige Woche auch beim Einteilungsrapport des Zivildiensts oder -Schutzes, wo ich in die Reserve eingeteilt war. Ich habe die RS-Grundausbildung nicht, und kann auch nicht fahren, bzw. habe einfach das Brikett dazu nicht. Voilà: Kein Ämtchen ging, ausser "Verwaltung" (alleine ums Haus herum mähen, toll)Kurz gesagt: Natürlich haben wir es uns im Netz schon gemütlich eingerichtet, aber die echte Welt wird derweil immer ungastlicher.""Erst wenn der letzte Papierstapel umgefallen, die letzte Tintenpatrone leergeschossen und die letzte Büroklammer zerbogen ist, werdet ihr merken, dass man Diplome rauchen kann.""

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