Die sieben Wörter, die Amerika nun sagen darf

Ein Berufungsgericht in New York hat entschieden, dass die Regeln der FCC, die das Verwenden bestimmter Fluchwörter im Rundfunk verbieten, gegen die Verfassung verstossen. 

Carlin
George Carlin Graffiti in Los Angeles. Foto: Flickr/anarchosyn

Damit findet eine Regelung ihr Ende, die ihren Ursprung hat in einer Tirade des grandiosen Komikers George Carlin Anfang der 70er-Jahre. Wer Carlins scharfsinnige Beobachtungen zu Shit, Piss, Fuck, Cunt, Cocksucker, Motherfucker, Tits noch nicht kennt – hier ist eine Version von 1978:

Es ist besonders absurd, gerade jemandem wie dem meisterhaften Sprachsezierer Carlin rundheraus Wörter zu verbieten. Die berühmten „Seven Dirty Words“ durften im Fernsehen und im Radio ab 1975 nicht mehr gesagt werden, oder mussten zumindest per Bleep oder Pause nachträglich entfernt werden. Damit könnte jetzt Schluss sein: Das Gericht befand, dass die Regelung zu ungenau sei, um nicht gegen die in der Verfassung garantierten Redefreiheit zu verstossen.

Update nach Kommentar von Simon (siehe unten): Der Entscheid gilt für New York, Connecticut und Vermont. Er könnte ausserdem noch einmal vom gleichen Gericht behandelt oder vor den Supreme Court gezogen werden.

Die Urteilsbegründung liest sich durchaus unterhaltsam. So ruft das Gericht in Erinnerung, dass sich die Regelung der FCC nur auf Broadcast bezieht, also Radio- und Fernseh-Sender, die über Antenne empfangen werden. In den 70ern gab es noch kaum etwas anderes, heute hat sich die Situation aber grundlegend verändert. Im Kabelfernsehen und auf dem Internet dürfen auch Amerikaner Fuck und Shit sagen, und Parental Controls geben Eltern die Möglichkeit, die zarten Ohren ihrer Kinder zu schützen. Doch darauf will das Gericht gar weiter eingehen, denn: „[T]he FCC’s indecency policy is unconstitutional because it is impermissibly vague.“ 

Die aktuell gültige Regel der FCC ist nämlich keine Wortliste mehr, sondern lautet so: Ein Wort ist nicht erlaubt, wenn es erstens „sexual or excretory organs or activities“ beschreibt und zweitens, wenn es „patently offensive as measured by contemporary community standards“ ist. Man macht den Versuch, zu definieren, was „patently offensive“ heissen soll: Die Beschreibung kann „explicit or graphic“ sein; sich zu lange aufhalten („dwells on or repeats at length„); oder es geht um Anregung oder Schock („used to titillate, or […] presented for its shock value„).

Und das sei eben zu vage, meint das Gericht und führt mit Gusto eine Fülle von Beispielen an, mit denen sich die FCC befasst und mal so, mal so entschieden hat. „bullshit“ wurde für anstössig befunden, „dickhead„, „pissed off„, „kiss my ass“ aber nicht. Das Gericht folgert süffisant: „The English language is rife with creative ways of depicting sexual or excretory organs or activities, and even if the FCC were able to provide a complete list of all such expressions, new offensive and indecent words are invented every day.

Gerade weil Fluchen erfinderisch macht, musste die FCC ihre Regel immer weiter ausdehnen und allgemeiner fassen – und genau das ist ihr jetzt zum Verhängnis geworden.

Als eifriger Konsument US-amerikanischer Popkultur werden ich den Bleep nicht vermissen. Seit dem Boom der Kabelkanäle ist er auch nicht mehr so allgegenwärtig wie auch schon. Doch gerade in Live-Talkshows kennen wir alle den Ausdruck „Can I say that on TV?„. Jemand schlägt sich die Hände vor den Mund, Aufruhr und Gelächter im Studio, weil ein verbotenes Wort rausgerutscht ist. Ein Wort, das wohl die meisten normalen Menschen in ihrem Alltag gebraucht hätten, ohne mit der Wimper zu zucken.

Doch wer bis jetzt im US-Fernsehen auftrat, musste sich ständig selber zuhören und die Worte filtern. Das Gericht spricht diese Selbstzensur an: Gerade wenn eine Regelung viel Interpretationsspielraum offen lässt, verleitet sie dazu, auf Nummer sicher zu gehen, und sie vorauseilend zu weit auszulegen, um sich Ärger zu ersparen: „[T]he absence of reliable guidance in the FCC’s standards chills a vast amount of protected speech dealing with some of the most important and universal themes in art and literature.

Diese Unkultur hat seit den 70ern ohne Zweifel Spuren hinterlassen. So hat sie auch den Boden geebnet für die übertriebenen Auswüchse der Political correctness. Dahinter steht die gleiche Idee wie hinter den Regeln der FCC: Man verbietet ein Wort und löst so das damit verbundene Problem.

Der gesunde Menschenverstand sagt uns aber, dass das Verletzende an Wörtern wie „Nigger„, „Fag“ oder „retardednicht das Wort selbst ist, sondern das, was die Person damit meint, wenn sie das Wort ausspricht. Der Kontext ist entscheidend, und der ist nie im Wort allein sichtbar. Die Rassisten und Schwulenhasser scheren sich nicht darum oder erfinden einen neuen Ausdruck. Schlimmer aber ist, dass man mit der Sprachregelung den Betroffenen eines Kraftausdruckes eine Lösung vorgaukelt, die keine ist.

In diesem Sinne kann man hoffen, dass dieser Entscheid ein erster kleiner Schritt hin zu einer ehrlicheren Sprachkultur ist. Und einem Fernsehen, das seine Zuschauer nicht als stumpsinnige Nachplapper-Maschinen, sondern als mündige, eigenständig denkende Menschen sieht. So wie das George Carlin schon immer getan hat.

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4 Gedanken zu “Die sieben Wörter, die Amerika nun sagen darf

  1. Unsere Berater (nfcb.org) haben folgendes email gesandt:The Second Circuit Court of Appeal’s rejection of the FCC’s indecency policy is great news for broadcasters, but it is too early to really celebrate. We are being advised, and we are advising you, to make no immediate changes in the way you follow the policy. First, the Court’s decision only applies in the 2nd circuit—New York, Connecticut, and Vermont. Any of the other Circuit Courts could reach a different and opposite conclusion. Second, the FCC may soon seek a stay of the decision until the issue can be reconsidered by all the judges on the Second Circuit or be reviewed by the Supreme Court. We suggest you continue to follow the more rigid guidelines until there is a final decision on the case, which will take a bit longer.

  2. Danke für den Hinweis, Simon. Ich habe einen klärenden Satz eingefügt. Zusammen mit deinem Kommentar sollte der Stand klar sein. Die geäusserte Hoffnung bleibt so bestehen, auch wenn man wohl noch etwas mehr Geduld haben muss.

  3. So eine ähnliche Zensur hätte es seit Jahren auch im deutschsprachigen Raum gebraucht. Mich ärgert enorm dieses verflixte Sch-Wort, das man überall hört. Es ist das Kennzeichen deutscher Filmkunst. Aber auch im Schweizer Alltag hört man es immer mehr. Es ärgert mich vor allem deshalb, weil es ja gar nicht schweizerdeutsch ist, und es anscheinend doch jeder sagt, sogar im Lokalfernsehen. Und dann sagen WIR immer, die Deutschen seien primitiv… Dabei übernehmen wir ihr primitivstes Wort selber und benutzen es dann sogar noch häufiger. Verkehrte Welt!Wäre dafür, dass Flüche, wenn sie eingesetzt werden, sinnvoll eingesetzt werden. Flüche sind ja nicht austauschbar, sondern jeder bedeutet etwas ganz spezifisches. Es gibt eine ganze Wissenschaft darüber (Malediktologie). Ich persönlich unterscheide auch: Ein "Wichser" ist für mich z.B. jemand, der etwas gemeines macht, aber nur weil er nicht genug Courage hat, sich korrekt zu verhalten, ein Engpass zwingt ihn z.B., zu seinem eigenen Vorteil einen Freund anzuschwärzen. Ein Trottel oder Tschumpel ist einer, der es aus Ungeschicktheit/Dummheit macht, weil er sich verredet usw. Ein A… ist hingegen jemand, der anderen aus purer Böswilligkeit schadet. So meine ich es mit dem gewählten einsetzen von Flüchen. Ich selber fluche praktisch nie laut, aber wenn ich würde, dann gewählt. Auch die Flüche, die sich nicht gegen eine Person, sondern gegen die Situation richten, sollte man abwägen, denn die richten sich ja dann auch gegen eine Person, gegen Manitu oder was es gerade ist. Wäre mal interessant, eine Umfrage, ob Atheisten/Agnostiker weniger fluchen als Theisten.So oder so: Finde, man sollte auf jeden Fall ächten, was völlig kopfloses Fluchen ist und nichts aussagt.

  4. @Martin: Ich bin ziemlich sicher, dass die Malediktologen auch aufzeichnen, wie sich die Bedeutung eines Fluches mit der Zeit verändert. Deinem Vorschlag, bestimmte Flüche auf eine bestimmte Bedeutung festzulegen, und dann auch noch einige davon zu verbieten, muss ich deshalb aufs entschiedenste widersprechen.Sprache lebt und bewegt sich. Und man könnte sehr wohl behaupten, dass nur nur mit einer beweglichen Sprache auch neue Ideen entstehen. Wer Wörter verbietet, möchte als nächstes vielleicht Ideen verbieten. Und wohin das führt, hat uns die Geschichte immer wieder vorgeführt.Die Forderung nach mehr Präzision in der Sprache kann ich aber nur unterstützen, auch wenn man sich nicht beschweren darf, wenn nicht alle die gleiche Präzision liefern können/wollen.

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