Moonbase Alpha erstickt Space-Romantik

In „Moon„, einem der besten Filme des letzten Jahres, führt uns der glänzend aufspielende Sam Rockwell vor, wie langweilig es ist, allein in einer Raumstation zu sitzen. Das Thema bildet eigentlich schon ein eigenes Genre: „2001: A Space Odyssey„, „Dark Star„, „Sunshine„, „Solaris“ und sogar „Alien“ wären weitere Beispiele. Wenn nicht ausnahmsweise etwas unheimlich dramatisches wie Monster oder Weltuntergang passiert, ist es im Weltall unheimlich langweilig.
 
Nun bestätigen uns die Weltall-Profis der NASA mit Moonbase Alpha wohl unfreiwillig, dass die Fiktion von der Realität nicht weit entfernt ist. Die dramatischen Ereignisse der Filme sind weit übertrieben – die Langeweile hingegen nicht.
 
Robot
 
Moonbase Alpha ist ein Gratis-Spiel auf Basis der Unreal-Engine. Die NASA ist überzeugt, dass wir in zehn Jahren mit der Konstruktion einer Basis-Station auf dem Mond beginnen werden. Als Spieler kehren wir nun gerade mit dem Rover von einer Mission zurück, als ein Meteorit einschlägt und die Sauerstoff-Versorgung der Basis beschädigt. Unter Zeitdruck müssen wir die Gerätschaften reparieren und so die Kollegen in der Basis vor dem Ersticken retten.
 
Das Spiel wäre eigentlich darauf ausgelegt, dass online verbundene Spieler die Reparaturen gemeinsam erledigen. In meinen Tests waren die Server aber immer leer, ich konnte keinen Astronauten-Kumpel finden und musste darum alleine ran.
 
Map
 
Wir finden uns auf einer grauen, recht uninspirierten Mondoberfläche wieder und sollen Solar-Panele reparieren, Stromkabel wieder zusammensetzen und CO₂-Filter austauschen. Das klingt zwar nach Abwechslung, es ist aber immer gleich: Entweder benutzen wir den Lötkolben (= Reparieren) oder den Schraubenschlüssel (= Austauschen). An einer Stelle kann unsere Astronaut aufgrund austretender Gase nicht hin, dort benutzen wir dann einen Roboter. Auch hier wählen wir zwischen Löt-Robo (= Reparieren) und dem mit Greifarm (= Austauschen). Eine echte Wahl haben wir aber nicht: Alle defekten Teile auszutauschen geht nicht, weil dafür nicht genug Ersatzteile herumliegen; und alles reparieren dauert zu lange. Der Weg zur erfolgreichen Reparatur ist also ziemlich eindeutig vorgezeichnet, was man spätestens nach dem zweiten Versuch gemerkt hat. Das reduziert die Spannung beträchtlich, ab dann ist die einzige Herausforderung diejenige der neuen Bestzeit.
 
Robotwork
 
Spannung wird eigentlich nur künstlich erzeugt, indem wir an allen Ecken und Enden behindert werden. Unser Astronaut bewegt sich sehr träge, was man noch als Realismus durchgehen lassen kann – so ist das wohl auf dem Mond, wenn die NASA das sagt. Warum dann die Maus auch träge sein soll, leuchtet schon weniger ein. Und das wir immer nur ein Werkzeug aufs Mal in die Hand nehmen können, ist nur noch lächerlich. So gross sind Lötkolben und Schraubenzieher nun auch wieder nicht.
 
Die Roboter bleiben ausserdem bei jeder Gelegenheit an Kabeln oder Rampen hängen und können nicht mehr befreit werden. Egal, wir schicken einen zweiten los. Nach diesem Vorbild müssten auf dem Mond sehr bald hunderte voll funktionsfähiger Reparaturbots herumstehen, während die Astronauten in der Basis auf Nachschub warten. Aber auf den Ökopreis hat die NASA ja noch nie geschielt.
 
Equipment
 
Repariert werden die Komponenten per Minigame, und zwar dem genau gleichen, unabhängig davon, welche Komponente wir gerade reparieren. Ich hätte jetzt angenommen, dass man einen CO₂-Filter anders repariert als ein Solar-Panel, aber ich bin ja Raumfahrt-Laie, was weiss ich schon. Sei’s drum, das Minigame geht so: Wir klicken „Reparieren“, dann warten wir. Um die Reparatur zu beschleunigen, versuchen wir, mit dem Lötkolben vorgegebene Linien nachzuzeichnen. Wenn uns das gelingt, gewinnen wir einige Sekunden, die Reparatur ist schneller abgeschlossen. Also High Tech für Kindergärtner – und dank der trägen, unpräzisen Maus werden wir tatsächlich auf das motorische Niveau eines Kleinkindes zurückgestuft. 
 
Bemerkenswerterweise habe ich das Spielprinzip des Minigames erst nach unzähligen Reparaturen begriffen. Es wird zwar per Stimme aus dem Off erklärt – die Wortwahl und vor allem die grafischen Elemente sind aber dermassen konfus, dass ich zunächst nicht einmal wusste, was ich tun muss, und später nicht erkennen konnte, warum ich Reparaturen auch erfolgreich abschliessen konnte, ohne sauber zu löten. Dass ich damit nur Zeit gewinnen kann, aber nicht unbedingt muss, war für mich komplett unintuitiv.
 
Minigame
 
Tja. Das Spiel ist gratis, da können sicher nicht die gleichen Massstäbe gelten – enttäuscht bin ich aber trotzdem. Die Idee ist nämlich wunderbar: Die NASA versteht Moonbase Alpha als ein Rekrutierungs-Vehikel. Nach dem erfolgreichen Vorbild von America’s Army will man mit dem Spiel Jugendlichen eine Karriere bei der NASA schmackhaft machen – und gleichzeitig auch noch ein bisschen für das Konzept einer Basis auf dem Mond Werbung machen.
 
Im Fa
lle von America’s Army funktioniert das hervorragend: AA gibt es seit acht Jahren in immer wieder neuen Versionen, es ist mit 8 Millionen registrierten Spielern einer der grössten Online-Shooter. AA kommt gut an in der Realismus-Szene, die auf korrekte Ausrüstung und Taktik Wert legt. Und es wird auch in der US-Armee intern zu Ausbildungszwecken verwendet. Die Armee nutzt das Spiel für PR (was Kritiker auch vor „Militainment“ und einer Militarisierung der Gesellschaft warnen lässt) und zur Vorbereitung potentieller Rekruten: Methoden und Taktik der echten Ausbildung sind schon aus dem Spiel vertraut.
 
Fail
 
Moonbase Alpha ist nun also die zivile Variante von AA. Das Spiel ist der erste kleine Schritt, den die NASA in dieses Terrain wagt – ob daraus ein grosser Sprung wird, ist noch offen. Man hat zunächst einmal Wert darauf gelegt, dass die Ausrüstung und die Methoden realistisch sind (so der Leiter des Projekts Daniel Laughlin in diesem Interview mit Rock Paper Shotgun). Dabei ist aber das passiert, was immer passiert, wenn man Ingenieure ein Spiel gestalten lässt: Da ist kein Spiel.
 
Jedenfalls keines für Leute, die Spass haben wollen. Und das könnte durchaus ein subtiler Trick der NASA sein: Vielleicht ist das tägliche Warten einer Mondbasis tatsächlich fad und eintönig. Und damit würde man mit diesem Spiel genau die richtigen Leute rekrutieren – nicht Action-Junkies à la James T. Kirk, sondern langweilige Verwalter. So long, Space-Romantik.
 
Moonbase Alpha ist für PC, gratis zum Download über Steam. Das Haikiew ist hier.
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3 Gedanken zu “Moonbase Alpha erstickt Space-Romantik

  1. "Moon" ist dank Rockwells grandioser Leistung ein echter Leckerbissen geworden. "Moon Base Alpha" entspricht da schon eher dem "Odyssee 2001 im Weltraum" unter den Spielen. Das Nichts prägt das Bild. Ich konnte allerdings noch vor einigen Tagen kurz nach der Veröffentlichung durchaus volle Server finden, aber das hat das Spielerlebnis nicht unbedingt verbessert. Von Zusammenarbeit unter den "Astronauten" war nichts zu spüren. Jeder fuhr mit Robotern herum, die sich gegenseitig behinderten – wie wenn es nicht genug wäre, das deren Steuerung eine Katastrophe ist -, was für Hektik sorgte. Alles in Allem eine nette Idee, aber dann doch viel mehr "Spiel" als "Simulation".

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