Die Antenne und das Gaspedal – Zeit für eine Medienkritik

Roger Blum hat kürzlich mehr Medienkritik gefordert. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt dafür. Denn mit dem Gaspedal von Toyota und der Antenne von Apple bekommen wir eindrücklich vorgeführt, wie leichtfertig die „vierte Gewalt“ ihre Verantwortung über Bord schmeissen und sich willfährig dem Skandal hingeben kann.

Antenne

Zunächst Toyota. Eine Riesengeschichte in den USA, Fussmatten schoben sich unter Gaspedale, Bremsen funktionierten nicht, und der tragische Ursprung (75 Unfälle mit 93 Todesopfern) geriet schnell in den Hintergrund, als Talk-Show-Hosts wochenlang über den Prius witzelten, der einfach nicht anhalten will. Für Toyota ein Debakel: Über 8 Millionen Autos wurden zurückgerufen, Toyota zahlte nach einem Spiessrutenlauf im Kongress die höchste je ausgesprochene Strafe an die amerikanische Verkehrssicherheitsbehörde (16 Millionen Dollar), der Image-Schaden für die einst als so zuverlässig geltende Marke ist enorm.

Und nun werden erste Resultate einer Untersuchung bekannt, die vom US-Verkehrsministerium in Auftrag gegeben wurde und aufklären soll, was denn wirklich die Ursachen dieser Unfälle waren. Ach, hätte man das nicht abwarten müssen? Sei’s drum, Fazit: Nach bisherigem Stand der noch nicht abgeschlossenen Untersuchungen lässt sich lediglich ein einziger Unfall auf das Verrutschen einer Fussmatte zurückführen. Die von Verkehrsminister Ray LaHood immer wieder unterstellten Technik- und insbesondere Elektronikdefekte konnten bis jetzt von seinem eigenen Ministerium bei keinem der 75 Unfälle belegt werden. Stattdessen seien Fahrerfehler die Ursache.

Nach dem wochenlangen Trommelfeuer auf den Frontseiten und Bildschirmen ist die Berichterstattung nun recht kleinlaut. Ich werde den Eindruck nicht los, dass man sich schämt.

Nur der Tagi hat den Mut, die Auswirkungen der Fehleinschätzung zu thematisieren:

Es fällt schwer, die Kampagne gegen den Konzern nur als übertriebenen Auswuchs der Sorge um die Konsumenten zu sehen. Denn Toyota hat jahrelang der US-amerikanischen Autoindustrie die Hosen heruntergezogen. Obama ist schon seit dem Präsidentschaftswahlkampf unter Druck, die Autokonzerne GM, Ford und Chrysler als die letzten verbleibenden Pfeiler amerikanischer Grossindustrie zu retten. Es erscheint plausibel, dass die Medien hier weniger eine Konsumentenschutz-Geschichte  aufgedeckt haben, sondern mehr dem Skandal hinterher hechelten – ohne dabei zu merken, dass sie in einem Wirtschafts-Krieg instrumentalisiert wurden.

Für eine saubere Aufarbeitung hat man aber gar keine Zeit, denn man ist schon mittendrin im nächsten Skandal: Der Heilige Steve hat ein neues Wunderding angepriesen und erfüllt nicht alle Versprechen. Blogger haben ein Video in einem Forum entdeckt und atemlos gemeldet, dass das iPhone 4 weniger Signalstärke anzeigt, wenn man es auf eine bestimmte Art in der Hand hält. Apple hat zunächst gar nicht und dann ungeschickt darauf reagiert. Was die Blogger geradezu herausgefordert hat, zu beweisen, dass sie sehen, was sie sehen.

Seither dreht die Waschmaschine unbeirrt weiter. Anekdoten und Tests machen die Runde, Nebenschauplätze werden eröffnet (hat Steve dieses schnippische Email wirklich geschrieben? Ist das nur ein Problem der Anzeige?), eine bekannte Konsumentenorganisation zieht eine bereits ausgestellte Kaufempfehlung zurück, die Morgen-Shows berichten besorgt und die Talk-Shows witzeln ununterbrochen. Und wo die Medien sind, sind auch die Politiker nicht weit: Senator Chuck Schumer verspürte bereits den Drang, sich als Konsumentenschützer zu profilieren.

Fakten sind dabei Mangelware. Klar ist nur, dass bei einigen Geräten ein bestimmter Griff („Death Grip“! Yeah! Schlagzeilenpreis!) zu einem deutlich messbaren Signalabfall führt. Und dass es Nutzer gibt, die im alltäglichen Gebrauch keine Einbussen erleben.

Nicht bekannt ist folgendes: Welchen Zusammenhang gibt es mit dem notorisch schlechten Netz von AT&T, dem einzigen iPhone-Betreiber in den USA? Wie viele Geräte der gut 2 Millionen verkauften sind von diesem Problem eigentlich betroffen? Ist das Problem ein Design- oder ein Herstellungsfehler (aussen angebrachte Antenne oder einfach mangelhafte Beschichtung)? Warum stehen die Kunden, die bereits ein Gerät gekauft haben, nicht Schlange in der Geniusbar und wollen das Gerät zurückgeben? Warum stand in praktisch allen Reviews, der Empfang sei besser als beim Vorgängermodel 3GS? Ist das Antennen-Problem des iPhones wirklich etwas anderes als die Erfahrung, die wir mit allen anderen Telefonen auch haben (Nokia X telefoniert total gut, Nokia Y bricht ständig Anrufe ab)?

Hierzulande rollt die Medienwalze gerade erst an (wir warten ja noch auf das Gerät), in den USA läuft sie unter Volllast. Echte, eigene
Recherche ist dabei fakultativ
: Man bezieht sich stattdessen auf Blogs und Anekdoten. Dennoch ist der Druck nun soweit angeschwollen, dass sich Apple genötigt sieht, heute Freitag ultrakurzfristig einige handverlesene „Opinion Leaders“ zu sich nach Kalifornien zu zitieren und sich zu erklären – das ist der totale Damage Control Mode.

Und sofort werden Rückruf-Gerüchte geschürt und die Finanzmärkte reagieren. Das wird von den Medien wieder aufgenommen, und geschrieben, die Apple-Aktie sei „aufgrund der Probleme“ unter Druck geraten – „Wo Rauch ist, ist auch Feuer“. Es wird ignoriert, dass der aktuelle Einbruch nicht grösser ist als jede andere AAPLFluktuation seit April, und dass die Aktie nach wie vor komfortabel hoch fliegt. Stattdessen benutzt man die nervösen Finger der Daytrader dazu, das Bild von „Apple unter Druck“ auszumalen.

Denn darauf warten die Medien schon sehr lange. Alle berichten ohne Pause über Apple. Alle Medien fanden das iPhone 4 das beste Smartphone, das beste iPhone und überhaupt das geilste Gerät ever. Und alle haben deswegen ein verdammt schlechtes Gewissen. Sie sehnen sich förmlich danach, auch mal etwas schlechtes über Apple schreiben zu können. Und diese Gelegenheit ist jetzt da.

Wer sich dabei die Finger reibt, sind vor allen die Broker: Denn Apple wird nächste Woche Halbjahres-Resulate verkünden, und die werden glänzend sein, Antenne hin oder her, das iPad und das neue iPhone haben schliesslich Verkaufsrekorde am Laufmeter gebrochen. Einige Aktienhändler werden auf der Achterbahnfahrt richtig schön Geld verdienen.

Was in diesem grandiosen Circle Jerk untergeht, ist die Suche nach der Wahrheit und die Verantwortung gegenüber dem Publikum. Stattdessen haben wir, wie bei Toyota, eine klassische Self-fulfilling prophecy. Blogger und traditionelle Medien machen Theater, der angeschuldigte Konzern reagiert schlecht und geht dann zur Schadensbegrenzung über. Das werten die Medien wiederum als Beweis dafür, dass „ja schon etwas im Busch sein“ müsse. Und weil die Medien nonstop darüber reden, reden auch die Leute darüber, was die Medien wieder als Argument benutzen, um weiter darüber zu reden, solange, bis uns allen die Ohren abfallen.

In dieser Geschichte geht es schon lange nicht mehr um Fakten. Es geht um Wahrnehmung und knackige Schlagzeilen. Es wird interpretiert und gemutmasst, eine sachliche Grundlage und ausreichendes Fachwissen sind dazu nicht nötig. Die Medien haben die Rolle der neutralen Berichterstattung freiwillig aufgegeben. Sie sind stattdessen Akteure in einem widerlichen Theater, und haben ein Interesse daran, dass der Vorhang nicht fällt. Denn die tägliche Beschäftigung mit einem Exemplar luxuriöser Wegwerfelektronik ist angenehmer als die mit den ölverschmierten Sümpfen am Golf von Mexiko und den Särgen, die aus Afghanistan nach Hause kommen.

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7 Gedanken zu “Die Antenne und das Gaspedal – Zeit für eine Medienkritik

  1. Danke für diesen Beitrag, Guido. Es ist schön zu sehen, dass du als Medienschaffender dein eigenes Arbeitsfeld, die Medien, kritisch hinterfragst und nicht ins gleich Horn bläst, wie viele deiner Berufskollegen/innen – Kompliment!

  2. Wie wahr, wie wahr! Früher war es nur die Boulevard-Presse, über die man sich geärgert hat, weil sie Fakten verdreht oder unsauber gewertet hat. Heute sind es sogar die seriösen Medien, die auf den Zug aufspringen oder ihn gar auch mal initiieren.Aber wer trägt daran die Schuld? Unser ganzes System ist mittlerweile derart perfide, dass sich eigentlich alles nur noch ums Geldverdienen dreht, insbesondere das Geldverdienen ohne dafür zu arbeiten oder wenigstens nicht allzu viel. Leider gilt das auch für die Medienbranche. Insbesondere im Verlagswesen hat sich die vergangenen Jahre sehr viel geändert. Ging es früher darum, eine vernünftige Zeitung herzustellen, die Menschen zu informieren und aufzuklären, steht heute für die Geldgeber der Verlage nur noch eines im Vordergrund: die Rendite. Die Redaktionen werden kaputt gespart. Zeit für Recherchen bleiben dem angestellten Redakteur nicht. Der freie Mitarbeiter wird so im Preis gedrückt, dass er sich nicht mehr die intensive Mühe gibt, denn er wird nicht für die Zeit sondern lediglich für den Artikel bezahlt.

  3. @Katharina: Bezüglich Finanzierung bin ich und mein Arbeitgeber ja in einer privilegierten Situation. Der Rendite-Druck kann sicher Auswirkungen auf die Recherche haben, ich glaube aber, dass das nur ein Teil des Problems ist. Denn im enorm angeheizten 24h-News-Cycle bleibt oft auch keine Zeit, wenn man sie sich eigentlich nehmen könnte. Wenn 20min/Tagi/Blick schon berichtet haben, ist es schwierig, erst zwei Tage später damit noch zu kommen. Und manchmal ist es auch schwierig, ein Thema ganz zu ignorieren oder klein zu fahren, wenn alle anderen gross berichten. Konkurrenz ist ohne Zweifel gut, aber sie führt immer wieder zu Herdentrieb.

  4. Das Beispiel mit Apple, auch wenn die Argumentation in sich stimmt, scheint mir ein bisschen zu sehr zurechtgelegt, nur um Deinen Punkt zu machen.Ich weise wieder auf das Review von Anandtech hin (http://www.anandtech.com/show/3794/the-iphone-4-review/2), welches die wichtigen Fakten auflistet, die man als externer auflisten kann. Auch der Zusammenhang mit der vielfach festgestellten, beim iPhone4 besseren Empfangsqualität wird erläutert.Dass nun die Medienspirale dreht ist Apples eigene Schuld. Einzig Sie können die entscheidenden, von Dir gefordeten Fakten auf den Tisch legen und haben bisher einfach geschwiegen oder sich lächerlich gemacht. Diese Pressekonferent ist längst überfällig und kann bestimmt nicht als Nötigung bezeichnet werden.Apple weiss, wie das Spielt gespielt wird, spielt es selber, um bei jedem Launch massig gratis Publicity zu kriegen. Dass sich das Blatt bei einem Problem auch mal gegen Sie wenden kann, gehört dann zum Risiko.Ausserdem kann ich mir nicht so recht vorstellen, dass schlechtes Gewissen, die Gelegenheit mal was negatives zu schreiben oder sich nicht mit den schwereren Themen befassen zu wollen Gründe für solche Artikelserien sind. Alle diese Blogs und Zeitungen werten mit Sicherheit die Leserzahlen zu Ihren Artikeln aus. Produziert wird dann halt, was die Masse will und Werbezahlen generiert. Das Resultat ändert sich durch diese Begründung zwar nicht, aber immerhin das gezeichnete Bild der Journalisten, welches bei Dir doch etwas gar dunkel ausgefallen ist.

  5. @Mirko: Du hast völlig recht, Apple hätte mit einer geschickteren Reaktion am Anfang das ganze Theater im Keim ersticken können. Und du hast auch recht, dass nur sie die Antworten liefern können. Heute Abend werden sie das wohl tun.Das Problem ist nur, dass die Hysterie sich nun schon soweit hochgeschaukelt hat, dass sie wohl sagen können, was sie wollen, man wird es nicht mehr für bare Münze nehmen.Du sagst, dass Apple daran selber schuld ist, weil sie das Spiel, das sie normalerweise spielen, dieses Mal schlecht gespielt haben. Ich bin sicher, dass man das intern bei Apple genau so sieht.Doch die Medien müssen auf jeden Fall einen Teil dieser Verantwortung übernehmen, und ich meine jetzt weniger die Blogs, die zwar auch mit knalligen Schlagzeilen operieren, aber wenigstens noch echte Recherche betreiben. Mir geht es mehr um die Zweitverwerter, die grossen Häuser, die nur noch aggregieren, was aus dem Internet kommt, selber keine Ahnung von Tuten und Blasen haben, und vor allem ihre Hauptaufgabe nicht wahrnehmen: Einzuordnen, zu gewichten, zu erklären. Stattdessen werden Gerüchte und Halbwahrheiten weitererzählt.

  6. bei den genannten Beispielen lautet der Vorwurf an die Medienschaffenden in den genannten Fällen ja weniger, dass sie nicht recherchieren, sondern dass sie Hypes aufbauen, weil es Quoten bringt. Das Wort ‚Apple‘ in einer Schlagzeile im 20 minuten Computer Teil zieht einfach, egal ob die Nachricht positiv oder negativ ist, die Firma polarisiert. Mit Toyota können die Medien bei gegebener Gelegenheit das Selbe machen, wenn der Hype mal gestartet ist, es muss nicht mal eine Absicht dahinter stecken. Bang, ‚Toyota‘ in einer Schagzeile bringt +100% Leser. Neu ist das Phänomen auch nicht, ich erinnere mich an den ‚Elchtest‘ der neunziger Jahre, wo der Eintritt von Mercedes in den Kompaktwagenmarkt von einer enormen Kampagne, basierend auf einem bis dahin unbekannten und wenig relevanten Test begleitet wurde.Dass Richtigstellungen nach ein paar Wochen eher kleinlaut wirken, hängt wohl eher damit zusammen, dass das Thema bis dann verbraucht ist und keinen mehr interessiert. Ausser natürlich den Unternehmen oder Privatpersonen, die im schlimmsten Fall runiert wurden.Richtig hässlich finde ich es erst, wenn der Verdacht entsteht, dass die Medienschaffenden das nicht einfach tun, um ihre Quoten zu pushen, sondern dass wirklich Spin Doctors am Werk sind, wie ich das seit langem – und natürlich ohne jeden Beweis – von der TA Media im Zusammenhang mit Themen aus der SVP Agenda behaupte (‚Massenvergewaltigung‘ in Seebach, ‚Horrorklasse‘ in Leimbach usw.)

  7. Nur als Nachtrag sei hier noch auf eine Kolumne in der Business Week verwiesen, wo Ed Wallace nach der nun abgeschlossenen Toyota-Untersuchung mit den Medien und Experten hart ins Gericht geht. Er kommt zum Schluss: "<em>The first job of a journalist is to ask, "Is this information true?" It’s obvious that when it comes to automobiles, that’s the last question the broadcast media want answered.</em>"<a href="http://www.businessweek.com/lifestyle/content/feb2011/bw20110210_848076.htm">Toyota: The Media Owe You an Apology</a> (Business Week)

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