Starcraft II: Überwältigend zugängliche Komplexität

Starcraft ist eine Legende unter den Strategie-Spielen: Schon zwölf Jahre alt, über elf Millionen Stück verkauft weltweit. Nun ist der lang erwartete Nachfolger erschienen, Starcraft 2: Wings of Liberty. Und ging gleich weg wie warme Semmeln: In den ersten 48 Stunden 1.5 Millionen Exemplare verkauft.

08

Starcraft 2 ist ein Echtzeit-Strategiespiel und hält sich an die bewährte Formel des Vorgängers. Wir richten eine Basis ein, bauen Mineralien ab, stellen mit diesen Mineralien weitere Gebäude und Einheiten her und gehen damit auf den Gegner los. All dies tun wir gleichzeitig: Während wir die Basis des Gegners angreifen, müssen wir gleichzeitig für Nachschub sorgen, unsere eigene Basis erweitern und verteidigen. Anhalten zum Nachdenken können wir nicht – Starcraft ist ein schnelles Spiel, gut ist, wer auch in der Hektik noch klar denken kann.

Starcraft 2 ist eigentlich nicht nur ein Spiel, sondern gleich drei. Im Multiplayer-Modus sind unsere Gegner echte Spieler, gegen die wir online antreten – und die uns der eigenen Spielstärke entsprechend zugeteilt werden, damit die Zweikämpfe immer knapp ausfallen und spannend bleiben. Ein Duell um Territorium, vielleicht vergleichbar mit Blitzschach. Für Einzelspieler gibt es dazu unterschiedliche Varianten: Wir können Zweikämpfe bestreiten, die vergleichbar sind mit dem Online-Wettkampf, einfach gegen vom Computer gesteuerte Einheiten (und uns dabei auch noch von einem Freund helfen lassen). Oder die Kampagne spielen, mit abwechslungsreichen Missionen und einer epischen Hintergrundgeschichte. Und schliesslich gibt es noch hunderte der aus World of Warcraft bekannten Erfolge, Zusatzaufgaben, die man abschliessen kann, aber nicht muss.

01
Das alles kommt sehr bekannt vor: Starcraft 2 ist nichts neues. Es ist einfach sehr, sehr gut gemacht und auf Hochglanz poliert. Blizzard hat das Echtzeit-Strategiespiel nicht neu erfunden, sondern die Ressourcen investiert, von denen andere Hersteller nur träumen können. Das zeigt sich z.B. bei den Einheiten: Jede hat einen Zweck und unterscheidet sich klar von den anderen, keine ist zu stark oder nutzlos. Das Spiel erlaubt unterschiedliche Spielweisen. Blizzard beweist, das sie „Balancing“ beherrschen wie kaum jemand. Auch in World of Warcraft dreht sich die laufende Weiterentwicklung um das Balancieren verschiedener Klassen und Fähigkeiten, und die Erfahrung, wie man solche komplexen Systeme steuert, verändert und testet, kommt dem Unternehmen nun bei Starcraft 2 zugute.

06

Diese Erfahrung zeigt sich auch bei der Infrastruktur: Battlenet hielt dem riesigen Ansturm problemlos Stand. Das ist eine Leistung, die man würdigen muss: 1.5 Millionen Spieler rund um die Welt, die gleichzeitig losspielen wollen, meistert man nicht einfach so.

Die Missionen der Kampagne (erzählt aus der Sicht der Terraner; Geschichten mit den Zerg oder den Protoss im Zentrum sollen als Erweiterungen folgen – auch hier schaut man sich firmen-intern das Erfolgsmodell World of Warcraft ab) sind enorm abwechslungsreich: Wir überfallen z.B. Züge, bauen auf einem Planeten Mineralien ab, der periodisch von Lava überflutet wird oder müssen uns bei Nacht gegen Zombiehorden wehren und bei Tag ihre Nester suchen gehen. Keine Mission ist wie die andere, wir erhalten ständig neue Einheiten, spielen in neuen Umgebungen und erfüllen neue Ziele.

07

Die Erfolge bieten dazu einen echten Anreiz, bereits abgeschlossene Missionen noch einmal zu spielen. Und zwar nicht nur durch einen stumpfen „Sammel sie alle!“-Reflex. Sondern weil uns das Spiel über die Zusatzaufgabe auffordert, eine etwas schwierigere Aufgabe anzupacken. Die Mission mit dem Zugraub lässt sich z.B. auch abschliessen, wenn ein paar der Züge durchrutschen. Eine Zusatzaufgabe ist es aber, die Mission zu schaffen, ohne dass ein einziger Zug durchkommt. Um das zu schaffen, müssen wir unsere Strategie ändern und unser Spiel verbessern. Das ist ein viel subtilere Methode, als einfach den Schwierigkeitsgrad zu erhöhen mit stärkeren, schnelleren Gegnern. Und eine positivere Form der Motivation, weil wir selber etwas zusätzliches erreichen wollen, statt dass uns das Spiel einfach mehr entgegen wirft. So verlassen wir eher die Bequemlichkeit unserer Komfort-Zone.

04

Während man die Erfolge von World of Warcraft übernommen hat, zeigen sich aber auch deutliche Unterschiede: Seth Schiesel in der New York Times hat das treffend bemerkt: „Unlike a game like World of Warcraft, in which you control a persistent character over many years, in a strategy game like StarCraft II you start every match from scratch, as in chess. That means that every time you play is a test of your own personal skill [… ] rather than the accumulated abilities of a digital avatar.“ In Starcraft wird nicht unsere Spielfigur besser, sondern wir.

03

Und der Vergleich mit Schach ist ohnehin eher untertrieben. Das Spiel ist nicht nur schneller als Schach, sondern auch deutlich komplexer. Es gibt mehr Einheiten und vielfältigere Spielfelder mit unzähligen Positionierungsmöglichkeiten. Und alles läuft gleichzeitig ab. Statt sich zu überlegen, was man tun will, muss man es sofort tun. Das Spiel liefert dazu eine Unmenge von Daten, die uns die Analyse des Gegners und des eigenen Spiels ermöglichen. Wir können uns z.B. die komplette „Build Queue“ ansehen, und so herausfinden, wann der was gebaut hat und warum er in der Lage war, so schnell eine so starke Offensive zu starten.

09
Blizzard beweist mit Starcraft 2 erneut, dass sie meisterhaft alle einschliessen können. Wer den harten Wettbewerb online scheut, kann sich mit der Kampagne beschäftigen und sich 20 bis 30 Stunden hervorragend alleine unterhalten. Und wer den Wettkampf zu einer Wissenschaft machen will, erhält die Werkzeuge, um die eigenen Fähigkeiten zu schleifen. Starcraft 2 ist ein würdiger Nachfolger und ein Spiel, dem sich die Fans Jahre hingeben können.

Starcraft 2 ist für Windows und Mac, ab 16. Dieses Review kommt fast eine Woche zu spät, weil mein Laptop den Geist aufgegeben hat. Jetzt ist aber alles wieder geflickt.
Advertisements

Sag was!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s