Medal of Honor: Too close to home?

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„Medal of Honor“ Executive Producer Greg Goodrich drückt mir einen Kontroller in die Hand und hält das Briefing knapp: Ich schlüpfe in die Haut eines Gunners in einem Apache-Hubschrauber, wir fliegen durch das Shahi-Kot-Tal im Osten Afghanistans. Auf den Funk soll ich hören, meint Greg. Ich lerne schnell, die Bordkanone zu bedienen, Raketen abzufeuern, und wie man ein Ziel markiert für eine Hellfire-Rakete. Und dieses Höllenfeuer beginnt zugleich: Die Kamera zoomt auf eine befestigte Mörser-Stellung. Unser Hubschrauber wartet ausser Reichweite auf die Feuerfreigabe. Über Funk erhalte ich diese, ich markiere das Ziel, und eine einzige Rakete vernichtet es. Wir fliegen weiter und kurven um ein Bergdorf. Menschen rennen aus den Häusern und schiessen mit Gewehren und Raketenwerfer auf die zwei Hubschrauber. Wir antworten mit Kanone und Raketen. Nach einigen Umrundungen liegt das Dorf in Schutt und Asche. Nachdem in früheren Demos Einzelkämpfer am Boden gezeigt wurden, gehe es in dieser Szene darum, was die volle Kraft schweren Kriegsgeräts anrichten könne, meint Greg.

Hier ein Video der Szene (geht los bei 1:55):


Die Szene erinnert sofort an das Video eines Apache-Hubschraubers, das Wikileaks Anfang April veröffentlicht hat. Darin wird ein Angriff eines Apache auf eine Gruppe von Männern am Boden im Irak gezeigt, darunter zwei Journalisten. Die Besatzung des Hubschraubers glaubt, einen Raketenwerfer zu sehen, und feuert. Mehr zum Video bei Wikileaks und der Wikipedia.

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Foto: Wikileaks

Spätestens jetzt wird es einigen Lesern unwohl. Die Szenen sind sich sehr nah. Fadenkreuz und Anzeigen sind identisch. Der Funkverkehr im Video klingt im Spiel gleich, der Jargon ist derselbe. Wie der Gunner im echten Apache im Irak warten auch wir ungeduldig auf die Feuerfreigabe durch das Kommando. Und die Menschen da unten am Boden haben dem Beschuss aus der Luft wenig bis gar nichts entgegenzusetzen.

Die Frage drängt sich auf: Überschreitet Medal of Honor mit diesem Realismus eine Grenze? Darf ein Shooter, der doch in erster Linie unterhalten will, einen Anspruch auf Simulation haben?

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Die Hersteller von Medal of Honor machen den Realismus zum zentralen Thema der Promotion. Auf der offiziellen Website gibt es Videos zu sehen, mit anonymisierten Männern, die selber als Special Forces in Afghanistan gewesen sein und das Team beraten haben sollen. Sie sprechen über Spezialeinheiten, die „Tier 1 Operators“ und sagen Sätze wie: „I wish that the public in general could have an understanding what these guys do. Not just what they do operationally, but what they sacrifice for years and years to be the guy that is at the tip of the spear.“ und „We can help them understand what is going on over there.“ Wie die Hauptfigur treten auch alle Produzenten und Presseleute des MOH-Teams in imposanten Bärten auf. Zum Promovideo hat Linkin Park einen Song geliefert.

Diese Verknüpfung von Krieg und Unterhaltung mag befremden. Besonders, wenn man in der Schweiz lebt – wir wissen weder, wie es ist, wenn unsere Soldaten sterben, noch was es für eine Gesellschaft bedeutet, mit den Heimkehrern umzugehen.

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Trotzdem ist es nachvollziehbar, dass eine Gesellschaft das Bedürfnis entwickelt, das Trauma Krieg zu verarbeiten. Und es ist plausibel, dass sich dieses Bedürfnis auf die Populärkultur auswirkt. Ein Beispiel dafür wären unzählige Filme über den Zweiten Weltkrieg in den 50er- und 60er-Jahren, z.B. The Longest Day mit John Wayne

Durch die aktuelle Welle von Kriegsspielen, die in der Realität angesiedelt sind, und diese Filme zieht sich ein roter Faden: Sie erzählen Heldengeschichten. Der Soldat wird als Mensch portraitiert, der sich übermenschlichen Gefahren stellt und sich für die Kameraden und die Nation aufopfert. Der Lohn für diese Aufopferung ist die Heldenverehrung. So wie John Rambo in „Rambo: First Blood Part Two“ ausruft: „For our country to love us as much as we love it! That’s what I want!„.

Und in einer solchen Heldengeschichte ist Realismus notwendig. Wird zu stark überzeichnet, erhalten die Zuschauer oder Spieler die Möglichkeit, die Geschichte als Fantasie abzutun – was die Tat und den Heldenstatus verringert.

Das Problem ist deshalb nicht etwa der Realismus an sich. Sondern, dass es uns schwer fällt, die Handlung eines Hubschrauberschützen als persönliche Aufopferung zu sehen. Zu gross ist der Unterschied der Bewaffnung, zu ungleich sind die Chancen verteilt. Doch damit spricht Medal of Honor ein zentrales Problem gerade des Afghanistan-Konfliktes an. Drohnen und Hubschrauber auf der einen, Autobomben gegen Zivilisten auf der anderen Seite: Asymmetrie ist eines der zentralen Merkmale dieses Konfliktes. Und so mag man die Verknüpfung von Krieg und Unterhaltung zwar zynisch finden – die Relevanz der gemachten Aussage kann aber niemand abstreiten.

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