Mafia II: Aufstieg und Fall

Wie Mafia-Geschichten gehen, wissen wir. Es gibt wohl nur wenige Abschnitte amerikanischer Geschichte neben dem Western, die so ausführlich von der Populärkultur ausgeschlachtet wurden, von The Godfather über Goodfellas bis hin zu den Sopranos. Wir wissen, dass die Mafia in New York wohnt, dass sie Joe, Johnny, Sal, Tony oder Vito heissen, und dass es in den Geschichten immer um Aufstieg und Fall geht, um Loyalität und Verrat, um den amerikanischen Traum von Macht und Gier – und um den Mythos des guten Verbrechers.

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„Mafia II“ des tschechischen Studios von 2K will genau ein solches Epos erzählen. Als Fan des Mafia-Films wurde ich aber nun nach dem miesen „The Godfather II“ schon zum II. Mal enttäuscht, allerdings aus anderen Gründen.

Unsere Hauptfigur ist Vito Scaletta, Sohn armer italienischer Einwanderer. Das Spiel beginnt im laufenden zweiten Weltkrieg, wo Vito in der alten Heimat auf Sizilien gegen Faschisten kämpft. Nach einer Schussverletzung kommt er nach New York, bzw. „Empire Bay“ zurück und schliesst sich mit seinem alten Kumpel Joe zusammen. Weil man mit ehrlicher Arbeit kaum etwas verdienen kann, beginnen die beiden ihren Aufstieg auf der Karriereleiter zum Schwerverbrecher.

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Das ist der Kern jeder Mafia-Geschichte: Wir verfolgen einen jungen Mann auf seinem Weg nach oben und feuern ihn insgeheim an, obwohl wir diesen Aufstieg im normalen Leben als Abstieg ansehen würden. Der Schwerverbrecher hat eine menschliche Seite, in der wir uns erkennen können. Nur deshalb ist es möglich, die Moral auf den Kopf zu stellen. Und umso mehr trifft es uns dann auch, wenn die Figur später in der Geschichte in einen Abgrund gleitet, wie z.B. Henrys Drogensucht in Goodfellas.

Das ist mein Hauptproblem mit Mafia II: Vito ist ein Arschloch. Und bevor ihr jetzt sagt „Ja klar, Mafiosi sind Arschlöcher, weil sie Menschen umbringen“: Ja klar sind sie das, aber ein Held in einem klassischen Mafia-Film hat eben gerade so viel Menschlichkeit, dass wir ihn mögen können. Nicht so Vito.

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Eine Anekdote: Nach der rührenden Rückkehr von Vito zu seiner Mutter und Schwester bittet ihn die Mamma inständig, doch eine ehrliche Arbeit anzunehmen und sich im Hafen als Handlanger zu verdingen. Im selben Hafen, in dem sich sein mittlerweile verstorbener Vater den Rücken bucklig geschuftet hat. Vito soll Kisten auf einen Laster verladen. Schon ab der ersten Kiste mault der junge Schnösel herum und regt sich auf, dass er für die Schufterei nur zehn Dollar kriegen soll. Irgendwann schmeisst er die Kisten hin und erfährt, dass der Boss der Gewerkschaft der Hafenarbeiter diese zu Schutzgeld-Zahlungen zwingt – worauf Vito sofort die Aufgabe übernimmt, ebendieses Schutzgeld aus den wehrlosen Arbeitern heraus zu prügeln.

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Nicht nur sind diese Arbeiter völlig wehrlos – sie tun genau das, was Vitos eigener Vater getan hat, und womit er seinem Sohn ein besseres Leben in Amerika ermöglichen wollte. Das kümmert das Arschloch Vito nicht. Und obwohl er einige Szene vorher noch seine Schwester vor einem miesen Schulden-Eintreiber beschützen musste, denkt er nun keine Sekunde darüber nach, dass er nun exakt das gleiche tut.

Ich muss gestehen, nach dieser Episode hatte ich einfach nicht mehr so richtig Lust, weiterzuspielen. Vito wählt den Weg des Verbrechens aus reiner Geldgier – und verunmöglicht mir so, ihn zu mögen.

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Das ist schade, denn eigentlich hat sich 2K Czech viel Mühe gegeben, das New York (Verzeihung, Empire Bay) der 40er-Jahre zum Leben zu erwecken. Die Stadt ist gross und schön, besonders die winterliche Szenerie zu Beginn des Spiels hat mir ausnehmend gut gefallen. Die Musik im Autoradio ist gut ausgewählt, das Orchester in den Filmsequenzen klingt, wie es klingen muss – und die Geschichte enthält zwar die Genre-typischen Klischees, ist aber sehr wohl eigenständig genug, dass man sich nicht dauernd an die berühmten Filmvorlagen erinnert fühlt (und sich insgeheim fragen müsste, warum man dann nicht besser einen Mafia-Film schaut).

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Allerdings wird schnell deutlich, dass sich Mafia II nicht nur am Kino orientiert, sondern auch ein gewichtiges Game-Vorbild hat: Grand Theft Auto IV. Die Grundstruktur (offene Welt, Missionen, Zwischensequenzen zu Beginn und am Ende der Mission, ergänzende Dialoge während der Autofahrt, Gespräche der Passanten, Autoradio-Musik als Stimmungsfläche) ist beinahe identisch; Schusswechsel und Prügeln haben ähnliche Probleme wie GTA. Darüber könnte ich hinweg sehen, wenn nicht jedes von GTA übernommene Element einfach ein bisschen schlechter wäre. Die Kampfmechanik, das Handling der Autos, die Kamera in engen Räumen sind alle etwas störrischer und störender. Die Stadt ist zwar ähnlich gross, aber etwas kahler, grauer. Weniger Auto-Modelle, weniger Passanten, weniger Radiosender, leicht hölzernere Animationen, mehrhe
itlich schlechtes deutsches Voice-Acting – man wird ständig daran erinnert, dass 2K Czech deutlich weniger Leute einsetzen konnte als Rockstar für GTA. Und die Figur Nico Bellic ist schlicht um Längen facettenreicher als Vito Scaletta.

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Irgendwann hatte ich dann einfach genug und hörte auf. Ich scheine hier in der Minderheit zu sein: laut Metacritic sind die meisten Reviews positivEurogamer ist mit ihrem Verriss eine klare Ausnahme („In a way Mafia II it makes its own contribution to the myth of the American mafia. […] The Godfather trilogy constructed the myth of the honourable crime family and then devised its beautiful collapse. The Sopranos took the icon of an urbane, self-assured don and peeled it away from every corner. Mafia II gets the last word by destroying the myth that the mafia is interesting at all. It contends that the mob world is a hell of boredom populated by aggressively stupid automatons.„), an anderer Stelle klingt es stattdessen so: „Mafia II is one of the most immersive, rewarding videogame experiences you will ever play – if you have the patience for it. […] This is The Catcher in the Rye, of videogames. Buy it.

Davon kann ich nichts erkennen. Und es ist schade, aber man muss es so deutlich sagen: In fünfzehn Stunden kann ich die komplette Godfather-Trilogie, Good Fellas, Donnie Brasco und My Cousin Vinny (zum Auflockern) durchschauen, und habe dann so ziemlich jede Facette des Mafia-Themas vollständig abgedeckt. In Mafia II habe ich in der gleichen Zeit mit dem Arschloch Vito unzählige Arbeiter und Bank-Wachmänner vermöbelt und abgemurkst, bedeutungslos, repetitiv, und in einer der Dramatik der Geschichte völlig unangemessener Langeweile.

Das Spiel verkauft sich sehr gut; ich verstehe aber nicht so recht, warum.

Mafia II gibt es für Playstation 3, Xbox360 und den PC. Es ist ab 18. Das Haikiew und die Diskussion sind hier.
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2 Gedanken zu “Mafia II: Aufstieg und Fall

  1. Das 1, GTA war aber auch so geil unmoralisch, mein Lieblingsbeispiel dafür: "Ich habe gehört, dass die Kolumbianer Einwanderer in Bussen über die Grenze schaffen – so eine Schweinerei! – Das ist unser Geschäft!" ;)Aber ich kann mir vorstellen, was Sie meinen, hier ist es etwas anderes. Solcher Humor ist als Gamedesigner sicher schwer zu handhaben, und da ging der Schuss wohl hinten raus. Im 2D-GTA war dieser Humor noch möglich, weil die Handlung flach war, aber in einer komplexen "dreidimensionalen" Handlung wirkt er wohl immer so unangebracht.Werde mir das Spiel eh nicht kaufen, weil ich derzeit auf etwas anderes, etwas Saftigeres warte (Dead Rising 2)

  2. Diesmal kann ich Deine Meinung nicht ganz teilen. Es stimmt das er ein "Arschloch" ist, dies auch ohne Emotionen. An einem GTA will sich aber das Spiel nicht orientieren, da es ja nicht in diesem Sinne ein richtiges "Sandbox-Game" ist. Die Stadt (die übrigens eine sehr dichte Atmosphäre hat) ist vielmehr einfach ein Mittel zur (eher dürftigen) Story.Es ist leider auch nicht so gut wie ich gedacht habe, auch nicht so gut wie der erste Teil. Trotzdem ist ein gutes Spiel….nicht so wie "Der Pate"!Das Fahren mit den Fahrzeugen macht Spass, zumindest wenn man die Steuerung in den optionen auf "Simulation" stellt. Das Schiess und Coversystem finde ich persönlich fast besser als in GTA, wenn man denn trotzdem vergleichen will.Ich finde das vieles gut ist….leider ist aber alles viel zu kurz und zu wenig! Zu wenig Missionen, zu wenig Fahrzeuge, zu wenig verschiedene Waffen, zu wenig Tiefgang.

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