The Social Network: Nicht wahr, dafür brilliant

Harvard, Winter 2003. Mark Zuckerberg, 19, sitzt mit seiner Freundin in einer Kneipe und textet sie zu, über die Final Clubs, Studentenvereine der zukünftigen Elite. Dass er etwas Bedeutendes unternehmen müsse, um wahr- und aufgenommen zu werden. Besessen vom Ehrgeiz fährt er ihr bei jeder Gelegenheit über den Mund, macht besserwisserische und herablassende Bemerkungen, benimmt sich, als hätte er keinerlei soziale Fähigkeiten, keine Empathie. Irgendwann wirft sie das Handtuch und lässt ihn sitzen, mit dem Satz: „You’re thinking that girls don’t like you because you’re a nerd. That’s not true. It’s because you’re an asshole.

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Fotos: Sony Pictures

So beginnt „The Social Network“. Ich sitze in einer Pressevisionierung, weil ich am Radio einschätzen soll, wie viel man von diesem Film für bare Münze nehmen kann. Ich denke: „Der Nerd als autistisches Arschloch. Here we go.“

Denn das ist genau das Bild, das im Vorfeld des Filmstarts von Zuckerberg aufgebaut wurde. Ein düsterer Terror-Geek, der Freunde opfert und übers Ohr haut, ein rücksichtsloser Aufsteiger, angetrieben vom Ehrgeiz, dazuzugehören und bei den Mädels anzukommen. „You don’t get to 500 million friends without making a few enemies“ legt ihm die Marketing-Tagline in den Mund.

Facebook hat eine halbe Milliarde Benutzerinnen und Benutzer, macht eine ganze Milliarde Umsatz im Jahr, ist zwar noch nicht an der Börse, wird aktuell aber mit 30 Milliarden Dollar (!) bewertet. Zuckerberg ist mit 26 Jahren der jüngste Milliardär der Welt. Und hinter all diesen Milliarden kann nur ein Bösewicht stecken.

Nach den vielen Diskussionen um die Privatsphäre wurde auch immer wieder versucht, den Charakter und die „wahren Absichten“ des echten Zuckerberg in Frage zu stellen. Und diese Mischung aus Angst und Misstrauen wurde von der Werbung für den Film geschickt aufgenommen – der Eindruck soll entstehen, dass das keine Heldengeschichte, sondern ein knallharter Blick hinter die Kulissen wird, eine Geschichte über Verrat (auf dem deutschen Plakat steht „Verräter“ auch gleich drauf, falls uns das nicht selber auffallen sollte) und Betrug, ein Blick in die dunkle Seele des Gründers der beliebtesten Website der Welt.

Und in dieser ersten Szene wird genau diese Erwartung bestätigt. Wir sehen einen Roboter, einen kalten, nur mit sich selbst beschäftigten Nerd, der uns wie ein Maschinengewehr Sätze ins Gesicht feuert.

Doch je länger der Film dauert, desto mehr beginnt dieses Bild zu wackeln. Am Schluss des Films hat Zuckerberg zwar keinen Prozess, aber seinen einzigen Freund verloren. Eine Anwältin sagt zu ihm: „You’re not an asshole, Mark. You just want to be.“ Und Mark bleibt alleine vor dem Laptop zurück und schickt eine Freundesanfrage an das Mädchen, das ihn damals in der Kneipe in Harvard sitzengelassen hat.

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Das ist brilliant. Regisseur David Fincher, Autor Aaron Sorkin und Darsteller Jesse Eisenberg führen uns mit diesem grossartigen Taschenspielertrick an der Nase herum. Ich ging ins Kino, um ob dem bösen Zuckerberg zu erschauern. Stattdessen möchte ich ihn nun in den Arm nehmen und etwas knuddeln.

Und zwar nicht aus Mitleid mit dem armen, einsamen Nerd. Sondern weil wir nun nicht mehr den Roboter sehen, sondern den Menschen. Einer, der eine grossartige Idee nicht nur erkannt, sondern auch zielstrebig verwirklicht hat. Einer, der sich nicht übers Ohr hauen oder benutzen liess. Und einer, der bereit war, die harten Entscheidungen zu treffen, von denen heute 500 Millionen Menschen profitieren.

Als Gegenspieler treten im Film die Winklevoss-Zwillinge auf, millionenschwere Super-Jocks, die Zuckerberg verklagen, weil er ihnen die Idee für Facebook gestohlen habe. Zu einem Prozess kommt es nicht, man einigt sich aussergerichtlich. Zuckerberg sagt dazu im Film: „They aren’t suing me for intellectual property theft. They are suing me because for the first time in their lives the world did’nt work the way it was supposed to for them.“ Und es fällt tatsächlich schwer, die Söhne aus schwerreichem Hause als Opfer zu sehen – insbesondere, da sie selber unter umgekehrten Vorzeichen wohl keine Sekunde gezögert hätten, den Aufsteiger Zuckerberg über die Klinge springen zu lassen.

Das echte Drama spielt sich zwischen Zuckerberg und seinem Freund Eduardo Saverin ab. Saverin ist von Anfang an dabei, ist der erste Investor, kümmert sich um die Finanzen. Am Schluss ist er ausgebootet und klagt ebenfalls gegen Zuckerberg, auch hier kommt es zu einer aussergerichtlichen Einigung. 
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Doch der Film erzählt keine einfache Mär des Verrats am alten Freund. Er zeigt stattdessen, wie Saverin Fehler begeht, das wahre Potential des Dienstes nicht erkennen kann/will, oder eifersüchtig auf neue Partner reagiert. Der Film trägt zwar sehr dick auf in der Darstellung von Saverin als Opfer und übertreibt dabei auch recht schamlos (Saverin hält in Wahrheit immer noch 5% von Facebook, nicht 0.03% wie im Film behauptet).

Doch so sehr wir auch mit Saverin mitfühlen können, dem einfach alles viel zu schnell geht, und so sehr wir nicht möchten, dass sich die zwei überwerfen, so sehr können wir nachvollziehen, warum Zuckerberg so entscheidet, und erkennen, dass er recht hat, obwohl er deshalb arrogant wirkt. Eine schöne Szene ist in diesem Zusammenhang, als Zuckerberg von einem Anwalt der Winklevoss-Zwillinge angefahren wird, der mehr Aufmerksam fordert, und Zuckerberg antwortet: „I think if your clients want to stand on my shoulders and call themselves tall they have a right to give it a try. But there’s no requirement that I enjoy being here listening to people lie. You have part of my attention, the minimum amount needed. The rest of my attention is back at the offices of Facebook where my employees and I are doing things that no one in this room, including and especially your clients, are intellectually and creatively capable of doing. Did I adequately answer your condescending question?“ So unhöflich und übertrieben direkt das sein mag: Zuckerber
g hat uns da schon lange im Sack.
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Der Film endet mit der klassichen Parabel von der Einsamkeit im Erfolg: 500 Millionen Freunde, aber keine Freunde mehr. Alle haben verloren. Für die Dramaturgie des Films ist das perfekt. Doch hier weicht der Film weit von der Realität ab.

Denn in Wahrheit gibt es in dieser Geschichte keine Verlierer: Saverin wird nie mehr arbeiten müssen; die Winklevosses, ohnehin mit goldenem Löffel im Mund geboren, erzielten einen zweistelligen Millionenbetrag aus dem Vergleich. Und auch der echte Zuckerberg gilt zwar als ein bisschen schüchtern, aber weder als einsam noch besonders verbissen. Hier übertreibt der Film aus dramaturgischen Gründen. Ausserdem stützt sich Drehbuch-Autor Sorkin diesbezüglich wohl etwas zu sehr auf die Buchvorlage „The Accidental Billionaires“ (deren Autor Ben Mezrich in diesem 20min-Interview auf mich übrigens deutlich schleimiger wirkt als die meisten Figuren im Film). Dennoch glaube ich nicht, dass sich der echte Zuckerberg über Image-Probleme Gedanken machen muss – der Film dämonisiert deutlich weniger, als man im Vorfeld befürchten konnte.

Sorkin gibt zu, dass er „das Internet nicht wirklich verstehe„. Das merkt man dem Film an. Sorkin hat zwar den richtigen Jargon sauber recherchiert (ich habe noch nie eine Hollywood-Produktion gesehen, die sich traut, nebenher „Apache“, „MySQL“ und „Wget“ zu erwähnen und echte Linux-Desktops und Shell-Command-Outputs zu zeigen), macht sonst aber keinerlei Anstalten, zu erklären, warum Facebook so phänomenal erfolgreich ist. Er konzentriert sich auf die Figur Zuckerberg und begründet den unglaublichen Aufstieg mit Ehrgeiz und kalter Berechnung. Das hat mit der Realität nichts zu tun. Denn mit dem Aufkommen des Web 2.0 nach dem Platzen der Dotcom-Blase experimentierten viele mit dem Konzept eines Social Network (MySpace, FriendFeed, um nur ein paar bekannte Namen herauszupicken). Es ist müssig, zu diskutieren, wer zuerst die Idee hatte, statt Maschinen nun Menschen zu verknüpfen. Denn nur einer hatte nicht nur das richtige Konzept, sondern setzte es auch zum richtigen Zeitpunkt in die Realität um – und dabei ist es mindestens ebenso wichtig, die Details richtig hinzukriegen.

Man kann den Film besonders in der Schlussszene auch als implizite Facebook-Kritik lesen, weil diese Millionen Freunde keine echten seien. Dieser Standardvorwurf läuft ins Leere, weil sich Facebook exakt dadurch von anderen Netzwerken absetzt, dass es eben echte Beziehungen digital abbildet und dadurch die Kommunikationsmöglichkeiten mit Freunden erweitert, statt virtuelle Scheinbeziehungen aufzubauen. Weil die Autoren das nicht verstehen, müssen sie die Figur des Gründers zu einem mythologisierten Supernerd überhöhen, der allein mittels seiner Willenskraft in der Lage ist, Millionen von Menschen zur Aufgabe ihrer Privatsphäre zu bringen. Das ist Quatsch.

„The Social Network“ ist trotzdem eine grosse Leistung. Das ist kein Dokumentarfilm. Stattdessen erzählen Fincher und Sorkin ein enorm spannendes Gerichtsdrama um Ehrgeiz und Verrat. Das ist ein Film, der seinem Publikum zutraut, zwischen Fiktion und Realität unterscheiden zu können. Und der weiss, dass eine gut erzählte Geschichte oft spannender ist als das richtige Leben

Inventing Facebook (Interview mit Adam Sorkin im New Yorker)
Mark Zuckerberg’s Most Valuable Friend (Portrait von COO Sheryl Sandberg in der NYT)
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3 Gedanken zu “The Social Network: Nicht wahr, dafür brilliant

  1. Dies ist ein manueller Trackback, weil Posterous so Scheiß-unsolidarisch ist, dass sie nicht mal bereit sind einen BAcklink aus Ihrem System herauszugeben. Der Artikel ist super. Posterous ist doof.

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