MineCraft: Am Anfang war der Block

In MineCraft erlebt man immer wieder Momente der reinen Panik. Ich wurde soeben alleine in einem hügeligen Wald abgesetzt, habe mit blossen Händen einen Baum gefällt und mir aus dem Holz eine Werkbank und eine Schaufel gezimmert (harrgh, wie männlich!) – da überrascht mich die Dunkelheit, und ich weiss, dass im Dunkeln Spinnen und andere Monster lauern. Hektisch grabe ich ein Loch in den Boden, krieche hinein und schütte es über mir zu – und sitze die ganze Nacht im Dunkeln im Dreck, während das Stöhnen eines Zombies unangenehm nah klingt.

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Bis ich Kohle finde, um damit Fackeln zu basteln und dem Dunkel den Schrecken zu nehmen, dauert es mehrere Tag-/Nacht-Zyklen. Ich sammle bei Tageslicht Rohmaterialien, starte verschiedene Sondierbohrungen; und in der Nacht starre ich ins Schwarze. Bald fühle ich mich etwas sicherer, aber Panik kann immer noch einsetzen, z.B. als ich einen Stollen unter einen See treibe und plötzlich Wasser einbricht, wenn ich in schwindelerregender Höhe eine Treppe in die Felswand haue – oder wenn mich ein „Creeper“ (ein explodierender Selbstmord-Kaktus) entdeckt, auf mein Haus losrennt und die halbe Fassade wegsprengt.

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Um die simple Würfel-Welt von MineCraft hat sich in kürzester  Zeit eine eingeschworene Community gebildet, die zusammen Welten baut, Informationen austauscht, Videos auf Youtube stellt oder Hilfssoftware zum Spiel programmiert. Und es ist das Werk eines Einzelnen, des Schweden Markus „Notch“ Persson, der dank dem Spiel mittlerweile Millionär ist. Und das alles, obwohl MineCraft erst in einer Alpha-Version spielbar ist.

Die Grundeinheit von MineCraft ist der Würfel. Es gibt Würfel aus Dreck, Sand, Stein, Wasser, Glas, Eisenerz, Holz. Die ganze Welt ist aus Würfeln zusammengesetzt. Und wir Spieler können jeden dieser Würfel entfernen – oder neu einen hinsetzen (jedenfalls die statischen, Wasser oder Lava nicht). Das ist das Grundprinzip von MineCraft: Alles ist veränderbar. Kein Block muss auf dem anderen bleiben, wenn wir das nicht wollen. Auch die Werkzeuge, die wir benötigen, erschaffen wir aus den Rohmaterialien der Spielwelt: Wenn man einen Baum anklickt, erhält man ein Stück Holz. Daraus macht man Stecken und Planken (indem man das Holz in einem Gitter entsprechend anordnet). Aus Stecken und Stein macht man Spitzhacke oder Schaufel. Aus Stein macht man einen Schmelzofen. Mit der Spitzhacke baut man Kohle ab. Mit dem Ofen und der Kohle schmilzt man Eisenerz. Aus dem Eisen macht man sich ein Schwert. Es gibt Lehm, Diamanten oder Pilze. Und neben den Monstern auch Nutztiere: Wenn man ein Schaf mit dem Schwert schlägt, fallen ein paar Blöcke Wolle herunter. Schlägt man ein Schwein, erhält man Speck (den man roh oder im Ofen gebraten essen kann).

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MineCraft gibt uns keinerlei Ziele vor. Für jedes neue Spiel wird eine Welt zufällig erschaffen – überleben sollen wir, sonst nichts. Keine Geschichte, keine „Achievements“, keine Punkte, keine Level. Wir sitzen in dieser Welt und müssen uns selber ausdenken, was wir denn als nächstes tun wollen. Aber zu tun gibt es viel: Eine Mine graben, um Kohle und Erz abzubauen, oder um geheime Höhlen zu finden. Eine Burg bauen, und dafür Ziegelsteine aus seltenem Lehm herstellen. Einen Acker anlegen, und dazu ein Bewässerungssystem graben. Oder einfach auf Erkundungstour gehen, und gegen Monster kämpfen, wenn man sich verlaufen hat.

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Dabei ist das eigentliche Spielerlebnis meist alles andere als spannend. Man sitzt vielleicht mehrere Stunden in einer Mine und tut nicht viel mehr, als auf graue Blöcke zu klicken. Würde uns das Spiel dies vorschreiben (z.B. eine Spielfigur, die uns die Aufgabe gibt, 10 Stück Eisenerz abzubauen), würden wir wohl schnell aufgeben und das zu blöd finden. Doch weil wir uns die Ziele selber setzen, macht selbst das monotonste Klicken Spass, obwohl das eigentlich nichts anderes als Arbeiten ist.

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Das nennt man „Emergent Play“ – und das Konzept wurde wohl noch nie in dieser reinsten Form durchgezogen. MineCraft verzichtet auf alles und trifft damit ins Schwarze. Quintin Smith von RPS hat das Gefühl auf den Punkt gebracht: „The entireity of MineCraft taps directly into that part of your mind that made it so fun to build forts out of sofa cushions as a kid.“ Trotz abstrakter Retro-Grafik und simpler Mechanik: Nichts sieht so gut aus wie unsere Fantasie, und MineCraft macht es uns enorm leicht, dieser Fantasie freien Lauf zu lassen und die Welt zu unser eigenen zu machen.

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MineCraft fesselt nicht nur alleine, man kann es auch mit anderen zusammen spielen. Man verbindet sich dazu auf einen MineCraft-Server (oder setzt selber einen auf) und kann dann zusammen bauen, erkunden oder gegeneinander kämpfen. Auch hier gibt es keine Vorgaben. Wer den Server administriert, kann z.B. bestimmen, ob es Monster gibt oder nicht, wie viele Spieler man gleichzeitig zulassen will, und wer OP ist (ein „Operator“ kann z.B. Gegenstände aus der Luft zaubern oder schwierige Mitspieler verbannen).

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Und aus dieser Community kommen faszinierende Beiträge. Es gibt die Minepedia, die Informationen zum Spiel sammelt (mit teilweise über 3.5 Millionen Pageviews). Es gibt Programmierer, die Zusatzsoftware schreiben, z.B. um die Rohstoff-Vorkommen zu kartographieren. Es gibt unzählige Videos auf Youtube (siehe Galerie unten), in denen Spieler Tipps geben oder stolz ihre Bauten vorführen. Einer baut das Raumschiff Enterprise als 1:1-Modell nacht. Ein anderer setzt sich zum Ziel, mit Schaltern und Leitungen in MineCraft einen funktionieren Computer zu bauen. Und einer stapelt das Äquivalent der Hiroshima-Atombombe in Dynamit (15’000 Blöcke) auf und sprengt einen Riesenkrater in die Welt.

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MineCraft ist schon länger in Entwicklung, ich habe das erste Mal im August 2009 davon gehört. Doch erst in den letzten zwei, drei Wochen ist die Popularität förmlich explodiert. Das Gameblog Rock Paper Shotgun hat mehrere exzellente Artikel geschrieben (die Serie „Mine The Gap“ von Quintin Smith oder „Cave Time: Feeling Safe In Minecraft“ von John Walker). Der Webcomic Penny Arcade hat MineCraft mit zwei Strips („Mine All Mine, Part One“ und „Mine All Mine, Part Two„) geadelt. Und entsprechend rasant sind die Registrierungen in die Höhe geschnellt. Aktuell weist Notch über eine Million registrierte Benutzer aus, von denen über 330’000 das Spiel gekauft haben (was über 4 Millionen Franken Umsatz bedeutet).

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MineCraft ist kein zugängliches Spiel. Nichts wird erklärt, viel ist unfertig oder fehlerhaft. Das Spiel eröffnet zwar beinahe unbegrenzte Möglichkeiten, die werden einem aber vielleicht erst klar, wenn man sich einmal auf das Spiel eingelassen hat. Mich hat es gefesselt. Zum Einstieg empfehle ich, diese Videos anzuschauen. Und dann selber Hand an die Blöcke zu legen. Dieses seltene Ereignis sollte man nicht verpassen

Schöne Einführung für Anfänger: „Minecraft Alpha Tutorial – How to Survive your First Night“:

Er will nur schnell zeigen, wie man ein Cheminee macht. Und fackelt sein schönes Haus ab. „What the hell just happened. This is not even funny.“ Doch, ist es. Dieses Video hat schnell die Runde und sehr viele auf MineCraft aufmerksam gemacht:

„I love the whole world, boom-di-ada“:

Notch selber fährt Minecraft Rollercoaster:

THIS IS EPIC WATER. WHOOOO!

Minecraft EARTH:

Notre-Dame:

Mein Secret Hideout (not so secret anymore):

Building Timelapse:

1:1 Modell der Enterprise:

Waterslide:

Yo dawg, I heard you like computers so I put a computer into your computer. 2+1, it’s gonna be crazy. Are you listening to this, pig?

 

Hilfreiche Links:
Minepedia
Noch eine Minepedia

The MineCraft Museum (Bauten Screenshots)
Crafting (Rezepte, was gibt was)
Furnace (Was kann man im Schmelzofen herstellen)
Data Values (Block- und Item-IDs)
MineCraft gibt es hier für Windows, Mac OS X und Linux. Die aktuelle Alpha-Version kostet 10 Euro. Das Haikiew ist hier.