FIFA 11: Fussball ist Leiden

FIFA 11 ist ein gutes Spiel. Ich habe keine einzige wirklich schlechte Kritik gelesen, und die Verkaufszahlen sind hervorragend (2.6 Millionen am ersten Wochenende). Damit es euch nicht langweilig wird, schreibe ich deshalb ein Review über ein gutes Spiel und sage nur Schlechtes.

Doch zuerst möchte ich den hier vorstellen:

Berger

Das ist Alfred Berger. 192cm gross, 91 Kilo schwer. Perspektiv-Spieler, Goalie für Manchester United. Und wohl der hässlichste Fussballer aller Zeiten. Mit dem armen Kerl, den wohl nur seine Mutter liebt, habe ich den neuen Goalie-Modus ausprobiert. Ja, man kann in FIFA 11 nun auch den Goalie spielen, und zwar in den Virtual-Pro-Spielmodi (wenn man nur einen Spieler steuert, statt die ganze Mannschaft), auch online. Nach dem 10 gegen 10 vom letzten Jahr ist nun erstmals ein echtes 11 gegen 11 online möglich.
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Wenn sich denn jemand findet, der diese Position spielen möchte. Mein Alfred ist nämlich nicht nur hässlich, sondern hat auch den beschissensten Job gefasst: Hinten rumstehen, ohne etwas zu tun, und vielleicht drei, vier Mal eingreifen pro Match. Die Steuerung ist simpel: Linker Stick bewegt den Mann, mit dem rechten Stick gibt man die Richtung seines Hechtsprungs an. In den Optionen kann man ausserdem verschiedene Steuerhilfen ein- oder ausschalten. Simpel, aber erbarmungslos: Ein kleiner Stellungsfehler und schon greift man hinter sich ins Netz. Diese Mischung aus Langeweile und Panik hat mit Spielspass rein gar nichts zu tun – ein Modus, den die meisten deshalb links liegen lassen werden.

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Was man als Goalie dafür hat, ist viel Zeit, und die kann man nutzen, um dem Kommentar zuzuhören. Es gehört ja zu jedem FIFA-Review, dass man sich über den deutschen Kommentar lustig macht – und auch diese Version ist wieder richtig schlecht. Ein paar Beispiele:

  • „Der muss rein!“ ruft er in höchster Entzückung, bei einem Steilpass von der Mittellinie ins Offside.
  • „Jetzt wird’s nochmal richtig dramatisch!“ bei einem Ausgleich in der 27. Minute – in einem Freundschaftsspiel.
  • „Ist das schon die Entscheidung?“ in der 90. Minute, als das 7:1 (!) fällt.

Leider sind die Fehler nur selten so lustig, meistens nervt der Kommentar mit einer gezwungen schmissigen Fussballsprache, die nie „Ball“ sagen kann, sondern stattdessen immer „Kugel“, „Leder“ oder sonst ein Klischee auspacken muss. Erstaunlicherweise ist der englische Kommentar viel besser. Kaum Fehler, keine peinlichen Formulierungen, weniger Wiederholungen. Man wird den Verdacht nicht los, dass da nur eine Sprache wirklich getestet und poliert wurde. Hat man vielleicht bei den deutschen Audio-Dateien die eine oder andere schlicht falsch beschriftet?

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Ich habe dieses Jahr vor allem als Virtual Pro gespielt (nur kurz als Torwart – vor allem mit Max Berger, der jung und schön ist und versucht, Wayne Rooney und Dimitar Berbatov aus der Sturmspitze von ManU zu verdrängen; ja, die Bergers, eine echte Fussballer-Dynastie!). Die Karriere eines einzelnen Fussballers aufzubauen, ist eine wunderbare Mischung aus Fussball- und Rollenspiel und spricht mich sehr direkt an.

Doch auch im Karriere-Modus stolperte ich überraschend viele kleine Fehler. Wenn mein Pro nicht aufgestellt wurde, kann man den Match auch nicht spielen (warum?), der wird stattdessen Fussball-Manager-mässig in Textform simuliert. Diese Simulation zickt immer wieder mal. Z.B. steht es im Cup nach 90 Minuten 3:0, der Match geht trotzdem in die Verlängerung. Oder ein Tor, das in letzter Minute fällt, wird im Telegramm nicht angezeigt. 

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Es dauert ausserdem viel zu lange, bis die anderen Partien und Transfers simuliert sind. Das nervt besonders dann, wenn man ohnehin warten muss, weil uns der Trainier für einige Spiele auf die Tribüne verbannt hat. Hier finde ich es schade, dass es nur die Varianten „Von Anfang an spielen“ und „Nicht im Aufgebot“ gibt. Es wäre viel besser, wenn man Teileinsätze spielen könnte (für die letzten 10 Minuten eingewechselt werden, oder nach 60 Minuten raus). Ob man spielt, wird übrigens per „Email“ mitgeteilt. Und zwar mit einem jedes Mal auf den Buchstaben identischen Text. Auch der Assistenztrainer teilt dauernd etwas mit, und der Vorstand gibt Terminverschiebungen bekannt. Diese Mails sagen zwar schon im Subject, was man wissen muss – das Spiel zwingt uns aber dennoch, sie einzeln zu öffnen, noch ein Mal das gleiche zu lesen und wieder zu schliessen – erst dann geht es weiter. Das ist bescheuert.

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Auch im laufenden Spiel gibt es seltsame Momente: Vor einer Auswechslung fokussiert die Kamera einen Spieler und zeigt eine passende Statistik an, gerannte Kilometer und erfolgreiche Pässe oder Torschüsse. Dabei verstummt das Publikum manchmal völlig, was unfreiwillig komisch wirkt („So viele Pässe versiebt? Schweigeminute!“). Ohnehin dauern diese Einblender und Auswechslungen zu lange, sie unterbrechen für meinen Geschmack den Spielfluss zu sehr.

Möglicherweise ist das aber gewollt, denn oft haben Einwechslungen ja genau diesen Zweck – Zeit zu schinden. Und das deckt sich gut mit einer generellen Tendenz, die sich
in FIFA 11 abzeichnet: Mehr Realismus.

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Die letztjährige Version FIFA 10 war ein grosser Wurf – doch gerade im Mittelfeld oft sehr „game-ig“. Da sausten die Pässe wie am Schnürchen nur so hin und her, so flüssig, wie das auch die besten Mannschaften der Welt fast nie hinkriegen. Diese übertriebene Sicherheit wollte man in FIFA 11 nun durchbrechen und hat das Pass-System radikal überarbeitet. Ob ein Pass gelingt, hängt davon ab, wohin man mit dem Stick zeigt und wie stark man auf die Pass-Taste drückt. Aber nicht nur das: Auch die Ausrichtung des Spielers ist wichtig (spielt er den Ball nach vorne oder muss er sich drehen?) und seine individuellen Fähigkeiten (Ballkontrolle? Pass-Spezialist? Besser bei kurzen oder langen Bällen?). Dadurch werden Pässe weniger vorhersagbar – und FIFA 11 nähert sich dem an, was Fussball wirklich ist: Ein Spiel der Fehler.

Das verändert das Spielgefühl gegenüber FIFA 10 recht deutlich. Spiele in FIFA 11 sind träger; und es gibt die gefürchteten zähen Spiele, in denen einfach nichts gelingen will, obwohl man sich anstrengt. Und man schon nach wenigen Minuten merkt, dass man einfach kein Tor mehr schiessen wird, egal, wie lange das dauert.

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Nick Hornby schreibt in „Fever Pitch“: „[T]he natural state of a football fan is bitter disappointment, no matter what the score.“ Damit bringt er absolut auf den Punkt, was es bedeutet, Fussball-Fan zu sein. Die meiste Zeit ärgern wir uns, und zwar völlig egal, ob man in der Super oder der Premier League spielt. Wer mit der Erwartung ins Stadion geht, ein Spektakel zu sehen, hat keine Ahnung von Fussball. Das ist ein Spiel des Versagens, des Nicht-Gelingens, des Improvisierens nach dem Fehler. Fans müssen mit diesem andauernden Scheitern umgehen können. Denn deshalb ist die Freude bei einem Tor so gross: Wir mussten sie uns mit einer Schiffsladung Frust und Ärger verdienen.

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Ich gehe trotzdem gerne und regelmässig ins Stadion. Und genau so ergeht es mir mit FIFA 11. Denn dass ich bis jetzt nur genörgelt habe, zeigt, wie gut FIFA 11 wirklich ist. Die FIFA-Serie hat sich so weit zur Simulation hin entwickelt, dass selbst das wahre Gefühl des Fussball-Fans reproduziert werden kann – die Enttäuschung. Das ist für einige wohl einen Zacken zu viel. Es würde mich auch nicht überraschen, wenn man in der Version des nächsten Jahres das Spiel wieder etwas flüssiger und spassiger gestaltet. Also mehr für die Spassnazis, die an Europa- und Weltmeisterschaften plötzlich in den Public-Viewing-Zonen auftauchen und sich dann wundern, wie langweilig Fussball meistens ist, wenn man ausnahmsweise mal an Bierbecher und Blödelperücke vorbei auf das Spielfeld schaut.

Die echten Fussball-Fans aber sind sich gewohnt, dass man für die besonderen Momente leiden muss. Und sie werden deshalb trotz aller Fehler erkennen, was die FIFA-11 ist: Eine hervorragende Mannschaft.

FIFA 11 gibt es für PC, Xbox360, Playstation 3. Versionen mit anderem Inhalt gibt es auch für Wii, DS, PSP und die Playstation 2. Das Haikiew ist hier.
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4 Gedanken zu “FIFA 11: Fussball ist Leiden

  1. ich finde das fifa 11 das allerbeste fifa……jetzt fehlt nur noch der Hallenmodus….dann wäre es zu perfekt….es ist entlich mal real gemacht….vor allem bei der Geschwindigkeiten der Menschen wurde gute arbeit gemacht…PS: der Goali ist wirklich hässlich 🙂

  2. HAHA! Alfred Berger! Mein Gott! Ich lachte ungezwungen.Aber warum eigentlich, die meisten Fusballer sehen doch so in Wirklichkeit aus. gnihihi.

  3. was mich interessiert, heisst die ganze Mannschaft Berger und sind das deine Kinder?? Max, Alfred. gehört Alfred nicht zur Familie Frankenstein?Schade verstehe nicht viel von Fussball, glaube aber ,dass es lässig ist zu spielen

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