Professor Layton hat die Zukunft verloren

Das ist mal ein Spiel mit einem prophetischen Titel! Denn „Professor Layton und die verlorene Zukunft“ ist zwar eine weitere Ausgabe der erfolgreichen Knobelspiel-Serie, auf gewohnt hohem Niveau – aber zeigt auch beispielhaft, dass es wohl einer aussterbenden Gattung angehört.

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Doch bevor wir uns den düsteren Aussichten widmen: das Spiel selbst. Professor Layton wird wie immer assistiert von dem kleinen Jungen Luke Triton. Während Layton eher dafür zuständig ist, Haltung zu bewahren (ein echter Gentleman verlasse das Haus nur mit einem seidenen Zylinder), liefert Luke den jugendlichen Enthusiasmus. Die beiden verbindet die Leidenschaft Denksport.

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Und so erleben sie eine rasante Geschichte: Im London vor rund hundert Jahren wird eine Zeitmaschine erfunden, der britische Premier verschwindet, und Luke und der Professor finden sich plötzlich zehn Jahre in der Zukunft wieder, wo sie die Spur eines mysteriösen Briefschreibers verfolgen.

In diese Geschichte sind immer wieder Rätsel eingebunden. Zum Beispiel begegnen wir einem schmierigen Gangster, der uns nicht etwa angreift, sondern zum Lösen einer Denksport-Aufgabe herausfordert. Man versucht hier also gar nicht erst, die Rätsel irgendwie logisch und nachvollziehbar in die Geschichte einzubauen. Sondern akzeptiert stattdessen die Absurdität der Konstruktion und nimmt sie schon beinahe auf den Arm.

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Diese lockere, leicht ironische, aber freundliche Grundstimmung zieht sich durch Texte, Sprachausgabe und Grafik hindurch. Ich fühlte mich stilistisch stark an die Heidi-Zeichentrickfilme erinnert – das ist moderne japanische Anime-Kunst auf höchstem Niveau. Die wirklich guten deutschen Sprecher (!) runden den „Wertvolle Sendung für Kinder„-Eindruck ab. Das alt-neue London (aus unserer Sicht alt, aber aus der Sicht der Hauptfiguren in der nahen, veränderten Zukunft) ist farbig und rund, vollgepackt mit Details – die Schaubilder laden zum Betrachten ein. Wir gehen durch die Stadt, sprechen mit Figuren und versuchen, Hinweismünzen zu finden (dazu gleich mehr). Und immer wieder mal finden wir ein Rätsel, meistens stellt uns eine Figur eine Aufgabe – oder der Professor sagt einfach, ihm sei gerade ein passendes eingefallen.

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Die Denksportaufgaben sind abwechslungsreich und schlicht hervorragend gestaltet – herausfordernd, aber nie frustrierend. Häufig geht es um Kombinatorik: Z.B. sollen wir den richtigen Tisch im Saal finden und erhalten Hinweise, dass auf dem Nachbartisch eine rote Blume stehe oder dass die Tischdecke eine andere Farbe als die der Tische daneben habe. Andere Rätsel-Typen drehen sich um Rechenaufgaben, um räumliche Vorstellung, um Sprachwirrwarr, und manchmal schleicht sich auch eine Fangfrage ein.

Sollte man stecken bleiben, hilft ein ausgeklügeltes Tipp-System weiter. Wir kaufen Tipps mit Hinweismünzen, die wir zuvor finden müssen. Wir können uns also nicht beliebig viele Tipps leisten und haben so einen Anreiz, uns doch ein bisschen anzustrengen. Wenn wir dann doch einen Tipp kaufen, bleibt der zunächst vage, erst weitere Tipps werden laufend genauer.

Die „Professor Layton“-Serie wird auf der tragbaren Spielkonsole Nintendo DS gespielt. Die zwei kleinen Bildschirme der Konsole werden für die Rätsel ideal genutzt: Oben die Hinweise, die man immer sehr genau lesen sollte; und unten geben wir per Stylus die Lösung auf dem Touchscreen ein, indem wir z.B. etwas umkreisen oder eine Zahl hinschreiben.

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Als Layton-Neuling habe ich die Mischung aus Rätseln und Geschichte als etwas schizophren empfunden. Die beiden Hälften sind für sich wirklich gut – doch mir kam immer wieder die eine in die Quere. Wenn ich der Geschichte folgen möchte, bremsen die Rätsel den Fluss, besonders wenn es schwierigere sind. Und wenn ich einfach auf Denksport Lust habe, muss ich mich für ein neues Rätsel zunächst durch ziemlich viel Text durchkämpfen. Das schränkt vor allem auch eine richtig mobile Nutzung ein: Meine tägliche Busfahrt ist schon fast vorbei, bis ich endlich zum rätseln komme. Also eher ein Spiel, um sich damit zu Hause auf das Sofa zu lümmeln, oder für eine lange Zugfahrt. Dann ist die Abwechslung aus selber Nachdenken und der Geschichte folgen wohl genau richtig.

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„Die verlorene Zukunft“ ist die sechste Folge der mit total zehn Millionen verkauften Titeln sehr erfolgreichen Serie. Eigentlich also kein Grund zur Sorge, könnte man meinen? Doch.

Denn am noch vor kurzem so rosigen Himmel über der Nintendo DS ziehen dunkelgraue Wolken auf. Nintendo musste soeben schlechte Zahlen für das letzte Halbjahr ausweisen (sechs Monate bis Ende September): Die Verkäufe der DS gingen weltweit gegenüber dem Vorjahr von 11.7 Millionen auf 6.7 Millionen zurück. Auch bei der Software gab es einen Einbruch: Von 71.1 Millionen Stück letztes Jahr auf 54.8 Millionen in diesem Jahr.

In der Schweiz präsentiert sich die Situation ähnlich dramatisch: Im Q1 2010 mit rund 15’000 verkauften DS 31% weniger als im gleichen Quartal im Vorjahr. Im Q2 verstärkte sich der Trend noch: 46% weniger als im Vorjahr.

SIEA-Bulletin Marktzahlen Q1/2010 (SIEA, Mediacontrol, PDF)
SIEA-Bulletin Marktzahlen Q2/2010 (SIEA, Mediacontrol, PDF)

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In diesen Quartalszahlen wird zwar immer noch Nintendo als klarer Marktführer beim Spielen unterwegs ausgewiesen, mit einem Marktanteil von 73% im Q2. Doch diese Dominanz ist ein Trugschluss: Denn in den SIEA-Zahlen fehlt Apple und das iPhone (weil Apple weder nationale Hardware-Verkaufszahlen noch detaillierte App-Store-Zahlen bekannt gibt). Die These ist deshalb nicht zweifelsfrei zu belegen, liegt aber dennoch auf der Hand: Das iPhone hat sich zu einer richtigen Spielmaschine entwickelt, und es frisst sich in den Marktanteil der DS hinein.

Sehr konservativ geschätzt gibt es in der Schweiz bereits gut 750’000 iPhones. Wenn man das iPad und den iPod Touch ebenfalls dazuzählt, hat sich hier innert kürzester Zeit eine Plattform etabliert, die eine Million stark ist. Im Vergleich dazu  wurde alle verschiedenen Modelle der DS in der Schweiz knapp 600’000 mal verkauft. Die iOS-Plattform hat also die DS schon deutlich überholt.

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Natürlich ist die DS günstiger als ein iPhone (aber der günstigste iPod Touch ist etwa gleich teuer wie die teuerste DS), und natürlich spielen nicht alle iPhone-Besitzer. Doch hier kommt ein zweites Argument dazu: Spiele im App Store sind viel, viel billiger als ein Spiel für die DS. Letzteres kostet rund 60.-. App-Store-Spiele kosten meist zwischen einem und fünf Franken, nur sehr selten ist der Preis zweistellig. Wenn ich für die DS ein Spiel kaufe, kann ich für den gleichen Betrag gut zwanzig Spiele für das iPhone kaufen. Und gerade Rätselspiele gibt es im App Store wie Sand am Meer (ich spiele einige davon sehr gern).

Wenn es um die Verkaufszahlen der DS ging, riefen Game-Journalisten oft aus: „It prints money!„. Das war mal so, aber das ist nun vorbei. Der Markt hat sich komplett verschoben. Und Spiele wie „Professor Layton und die verlorene Zukunft“ haben damit ihre Zukunft verloren.

„Professor Layton und die verlorene Zukunft“ ist für die Nintendo DS, nach PEGI ab 7. Auf der Packung steht: „Um in den vollen Genuss dieses Spiels zu kommen, sind Lesekenntnisse erforderlich!“, hihi. Das Haikiew ist hier.

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5 Gedanken zu “Professor Layton hat die Zukunft verloren

  1. Da hat sich leider ein kleiner Irrtum eingeschlichen… "Professor Layton und die verlorene Zukunft" ist erst der 3. Titel der Serie (sowie der eigentliche Abschluss einer Trilogie). In Japan ist inzwischen schon ein 4. Teil erschienen (wieder Teil einer neuen Trilogie) der nun aber ein Prequel ist und zeigt, wie sich Layton und Luke kennen gelernt haben. Der 5. und 6. Teil erscheinen dann für den Nintendo 3DS. Zusätzlich wird noch ein Crossover-Titel Namens "Professor Layton x Phoenix Wright" für den 3DS erscheinen, es gibt also in der Zukunft noch genug Rätselstoff für portable Konsolen…Genauso ist der Nintendo DS inzwischen ja auch am Ende seines "Lebens" und nächstes Jahr erscheint der 3DS, was die Verkäufe einer portablen Nintendo-Konsole sicher wieder ankurbeln wird. (siehe 3D ohne Brille, Bewegungssensor, herunterladbare GB/GBC-Spiele, Gamecube-Grafik, usw.)

  2. Naja, ich konnte die 3DS an der Gamescom in Köln ja kurz ausprobieren, und <a href="http://www.drs.ch/www/de/drs/themen/ratgeber/technik-computer/207457.gamescom-2010-3d-neue-spiele-nicht-ganz-neues-zubehoer.html">war eher enttäuscht</a>. Klar, das war ein Prototyp und auch die "Games" waren eigentlich vor allem selbstlaufende Demos. Aber in diesem Zustand fand ich den 3D-Effekt sehr "meh". Weil das Bild nicht etwa vorne rauskaum (wie im Kino), sondern nur hinten, man schaut also sozusagen in ein Loch, und ausserdem ein sehr kleines. Das ist naturgemäss niemals so "Wow!" wie im Kino.Ausserdem: Das System ist sehr winkelabhängig. Wenn du den Kopf nur leicht drehst, zerfällt das 3D-Bild. Das ist weniger ein Problem, wenn man die DS in beiden Händen hält und so fast unbewusst automatisch nachkorrigiert. Wenn man aber eine Hand loslässt, um z.B. den Stylus zu greifen und etwas per Touchscreen einzugeben, verändert sich die Lage der DS leicht, und der 3D-Effekt zerfällt wieder. Sehr schwierig.Die 3DS in dem bis jetzt bekannten Zustand wirkt auf mich sehr wie Modellpflege, vergleichbar mit der DSi, die auch ein paar nette, aber nicht zentrale Gimmicks enthält. Wird sich dennoch gut verkaufen, ohne Zweifel. Aber ich bin eben überzeugt, dass man lediglich mit Modellpflege den rasanten Zerfall des Marktanteils nicht umkehren kann.Mit den herunterladbaren Spielen sprichst du einen zentralen Punkt an, und da bin ich bis jetzt alles andere als zuversichtlich, dass Nintendo das hinkriegt – wenn man schaut, was die online bis jetzt geliefert haben.

  3. Schade, dass das Review so viele Fehler enthält.Ich denke auch, dass deine Analyse falsch ist. Am Ende einer Generation brechen die Verkäufe einer Konsole immer ein. Bei der Software gibt es ein massives Raubkopiererproblem. Ich habe iPhone, iPad und DS, aber diese Systeme sind nicht miteinander vergleichbar. Auf dem iPod touch gibt es (fast) keine ausgewachsenen Spiele. New Super Mario Bros, Sonic Chronicles, Mario Kart etc. werden nie vernünftig auf iOS-Geräten funktionieren und welches Game kann man mit einem Spiel auf mehreren Geräten gegeneinander auf iOS-Geräten spielen? Wo ist das Steuerkreuz für Jump ’n‘ Runs?3DS wird sicher die neue Gelddruckmaschine. Übrigens: 3D in die Tiefe (Guckkasteneffekt) ist besser, da damit weniger Scheinfensterverletzungen auftreten. Das ist zum Teil ein Problem im Kino.Betreffend herunterladbaren Spielen: Beim 3DS ist der Download nicht mehr an die Konsole gebunden, sondern es wird anders gelöst. (Aussage Nintendo) Für die Wii und auch für DSi gibt es zum Teil hervorragende Spiele zum Herunterladen.

  4. Natürlich sind diese Systeme nicht miteinander vergleichbar. Das hat Sony auch immer gesagt mit ihrer PSP und total verloren gegen die DS, deren Erfolg so ziemlich alle überrascht hat. Die 3DS zeigt für mich bis jetzt zuwenig berauschendes, um einen solchen Hit wiederholen zu können, ich befürchte, die wird eher in der Gegend einer DSi zu liegen kommen.Gerade Nintendo redet doch sonst gerne von der Ozean-Strategie, von den riesigen unerschlossenen Märkten, die man sich holen muss – und das haben sie mit der DS und der Wii erfolgreich getan. Aber: Ein solcher Markt wird nun kräftig von der iOS-Plattform erschlossen (und ja, das bedeutet auch andere Spiel-Formen ohne Steuerkreuz und nicht "ausgewachsen", was meist aber nicht heisst, dass damit weniger Zeit verbracht wird); mit der 3DS holt man keine neuen Kunden.

  5. Wenn "nur" alle Leute, die bereits einen DS(i) haben, irgendwann einen 3DS kaufen, sind es über 100 Millionen! Der Markt ist bei den Handhelds schon weitgehend erschlossen.

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