Tron: Evolution: Nett gewandeter Frust

Tron ist ein visionärer Film von 1982, den niemand sah, weil er zu abstrakt war. Dennoch/deswegen wurde er zum Kultfilm, weshalb wir nun die volle Marketingwalze für das Remake Tron: Legacy erleben dürfen. Und keine Marketingwalze ohne Game zum Film: Tron: Evolution: The Return of the Doppel: punkt. Wer sich für die ganze Tron-Geschichte nicht interessiert, kann das Spiel getrost links liegen lassen.

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Wer sich für Tron interessiert, soll erst mal das Original von 1982 schauen gehen. Wenn ich dann noch mehr über Tron wissen wollte, würde ich mir den aktuellen Film ansehen. Wenn ich dann immer noch nicht genug hätte von Tron, würde ich mir den tollen Soundtrack von Daft Punkt anhören. Wenn ich dann immer noch nicht genug hätte von Tron, würde ich auf dem Internet über Tron nachlesen. Wenn ich dann immer noch nicht genug hätte von Tron, würde ich mit dem Soundtrack auf dem Kopfhörer an der frischen Luft spazieren gehen. Und wenn ich dann IMMER noch nicht genug hätte von Tron, dann, erst dann, würde ich vielleicht noch etwas länger an diesem Spiel herumdrücken.


Mit anderen Worten: Das ist ein grauenhaftes Spiel, lieblos zusammengeschustert, die tollen Leuchtlandschaften des Films in enge, flache Korridore gezwängt, ausgestattet mit hölzern animierten Blechfiguren. Wir werden behindert von einer Steuerung, die aktiv gegen uns arbeitet und dafür sorgt, dass wir nie das tun, was wir tun wollten, und einer Kamera, die immer den schlechtestmöglichen Blinkwinkel wählt und wild hin- und herschwankt, als wollte sie dafür sorgen, dass wir gleich leuchtende Bits ausspeien.

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Die Tron-Welt ist auch hier schön anzusehen – aber nicht so atemberaubend wie im Film, weil kleiner, unschärfer, ausgewaschen, mit weniger knackigem Licht und wegen der grottenschlechten Kamera halt nicht ideal ins Bild gesetzt. Und nach einer Weile wird es halt schlicht langweilig. Das Neon-Blau in späteren Levels durch Neon-Grün oder Neon-Orange zu ersetzen, ist nicht grade fantasievoll – im Film muss die Ästhetik nur zwei Stunden tragen; für die Länge eines Games reicht es nicht.

Und so springen wir von Plattform zu Plattform, kämpfen gegen Wächterprogramme in Orange, und sterben sehr oft, weil wir uns an einer Kante verhakt haben, oder weil die Kamera sich an der Wand verfing und wir unsere Gegner nicht mehr sehen konnten (echt, ich habe schon lange nicht mehr eine so schlechte Kamera erlebt). Die Levels sind schlicht verwirrend gestaltet, haben keine innere, sichtbare Logik – wenn man nicht per Knopfdruck einen blauen Leuchtpfad einschalten könnte, der einem die Richtung vorgibt, würde man viel zu oft gar nicht wissen, wo man als nächstes hinrennen soll.

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Unsere Spielfigur bleibt anonym hinter einem Helm versteckt (und trägt den wirklich subtilen Namen „Anon“), was uns verunmöglicht, eine Beziehung zur Figur aufzubauen. Mir ist es schlicht egal, wie oft sie stirbt und was sie eigentlich will. Einige Figuren aus dem Film (Quorra, Flynn/Clu, Tron, Zuse) dürfen wir auch im Spiel in Zwischensequenzen betrachten, und uns dabei vor allem über die morbiden Gesichtsanimationen und das schlimme deutsche Voice Acting aufregen.

Schlimm ist aber vor allem die völlige Abwesenheit irgendeines originellen Gedankens. Können wir das „Raster“, die tolle Welt von Tron, selber erkunden? Nein, wir rennen in engen Schranken von Zwischensequenz zu Zwischensequenz, wir erleben also sozusagen lediglich eine optisch schlechtere Version eines Vorfilms, in dem wir selber Knöpfe drücken müssen, und dafür mit einer schönen Portion Frust belohnt werden, wenn die Knöpfe nicht das machen, was wir wollten. Die Light Bikes sind verschenkt, weil sie nur zum fliehen benutzt werden; der Light Tank auch, weil er laaaangsam ist; und die blöde Light Disc konnte ich schon nach wenigen Stunden nicht mehr sehen. Wer gehofft hatte, dass ein Multiplayer-Modus und versprochene Zusatzinhalte das Spiel am Leben erhalten, kann sich das auch abschminken: Das verantwortliche Studio Propaganda Games wurde letzte Woche dichtgemacht.

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Nun denn. Ich weigere mich, meine und eure Zeit länger mit diesem komplett vernachlässigbaren Machwerk zu verschwenden. Schaut euch den Film an. Der hat zwar eine Story, die seltsam christlich zu sein versucht (Kevin Flynn als Schöpfer, sein Sohn Sam als Retter, die ISOs als Wunder, und das alles vermengt mit Zen und Jeff Bridges im vollen Dude-Mode, maaan!) und sich dabei in sinnfreien Details verliert (was Penny Arcade hier sehr schön zusammenfasst). Aber die Musik und die Optik sind wirklich toll, also Hirn ausschalten und staunend einen schönen Abend verbringen.

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Wer dann noch etwas denken will, soll sich Tron von 1982 ansehen. Der ist nicht nur visuell visionär (nimmt Flächen und Linien der Techno-Optik ein Jahrzehnt später vorweg), sondern auch schön abstrakt. Flynn ist nicht nur der beste Hacker, sondern auch ein Gamer; beziehungsweise, er ist genau deswegen der beste Hacker. Er kann Spielregeln als solche erkennen und sie umgehen, statt ihnen blind zu folgen. Das macht i
hn zum idealen Rebellen gegen Master Control. Der Film zitiert nicht nur die Game-Ästhetik der 80er-Jahre, sondern er zeigt auf, was eine spezifische Stärke von Gamern sein könnte: Wenn die Maschine erwacht und ihrem Meister die Kontrolle entreisst (ein archetypisches Story-Element von Tron über Frankenstein bis hin zu Terminator), dann ist der Gamer am besten ausgerüstet, um die Maschine zu besiegen – Regelbruch und Improvisation als urmenschliche Qualität.

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Im aktuellen Film ist davon nicht mehr allzu viel übrig geblieben. Die noch eher abstrakte Geschichte von 1982 wurde durch konkrete Action ersetzt. Das entspricht aber natürlich auch der Entwicklung der Computertechnologie der letzten drei Jahrzente: Die Vorstellung, einen Menschen in ein Computersystem zu transportieren, war damals noch Science Fiction. Heute haben wir alle Avatare und eine digitale Identität und gerade Gamer bewegen sich täglich in virtuellen Welten. Tron ist bereits Normalität.

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Das sind alles Aspekte, mit denen sich die Entwickler von Tron: Evolution keine Sekunde lang befasst haben. Man hat die Assets der Filmproduktion erhalten und dann stur nach Schablone ein mieses Action-Adventure zusammengeklebt, das in erster Linie frustriert. Tron zum Abgewöhnen.

Tron: Evolution ist für Playstation 3, Xbox360 und PC, es gibt auch Versionen für Wii, DS und PSP. Es ist nach PEGI ab 12. Es ist rund vier mal teurer als der Besuch im Kino, just saying. Das Haikiew ist hier.
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