DC Universe Online: Das Superhelden-Casting

DC Comics und Marvel Comics sind die Giganten des amerikanischen Superhelden-Comics, seit den 1930er-Jahren – eine schon beinahe mit den eigenen Figuren vergleichbare Rivalität. Marvel hat Spiderman und die X-Men, DC hält mit Superman, Batman oder Wonder Woman dagegen. Und DC steht nun hinter DC Universe Online, einem Spiel, das sich wie der feuchte Traum jedes Comic-Nerds anhört: Ein Spiel, das im kompletten DC-Universum mit allen Helden und Schurken und Geschichten stattfindet, zusammen mit anderen Spielern online.

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Doch wer jetzt denkt: „Ha! Endlich in die Rolle von Green Lantern oder Flash schlüpfen!“, wird gleich zu Beginn enttäuscht: Die DC-Helden sind im Spiel, aber als Figuren, die nicht von den Spielern gesteuert werden können. Stattdessen erschaffen wir uns zu Beginn unseren eigenen Helden oder Schurken, mit dem Ziel, mindestens eben so bekannt zu werden wie die Legenden – sozusagen eine grosse Superhelden-Casting-Show.

Wenn man die erste Enttäuschung überwunden hat, macht das aber sofort sehr viel Sinn. Denn es wäre schlicht lächerlich gewesen, wenn wir durch eine Stadt rennen, in der hundert Bat- und Supermen und wohl zweihundert Wonder Women zusammen auf Schurken einprügeln. Einen Superhelden kann es nur einmal geben. Ausserdem ist es zu Beginn eines Spiels ja immer notwendig, den Spielern gewissen Dinge beizubringen, und Fähigkeiten werden erst mit der Zeit erworben. Auch das hätte bei Superman keinen Sinn gemacht – der ist schliesslich schon ein etablierter Superheld.

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Doch gleich stellt sich das nächste Problem: Wir rennen in Gotham City (als Schurke) oder Metropolis (als Held) herum, und wir sehen all die anderen Spieler, ebenfalls Superhelden, aber kaum Zivilisten. Nun sind zwar Superhelden in der Regel eine seltene Erscheinung. Doch auch hier hat das Spiel einen plausiblen Kniff auf Lager: Die Erde wird bedroht von einem Super-Super-Bösewicht namens Brainiac (den schlimmsten aller Bösewichte als das zu benennen, was wohl die meisten Leser der Zielgruppe von Superhelden-Comics selber sind, ist noch gewagt, nicht?). Und um sich gegen diese Bedrohung zu wenden, hat Lex Luthor, der langjährige Widersacher von Superman, kurzerhand normale Bürger in Superhelden umgewandelt. Zack! Pow! So löst man erzählerische Probleme in einem Superhelden-Universum! Leute, die sich realitätsnähere Geschichten gewohnt sind, mögen das ordentlich absurd finden. Doch in der Welt der Comics ist das eine vollkommen plausible Erklärung. Und noch dazu eine, die dem Kanon entspreche, wie uns DC versichert (Kanon = Das, was von der Fan-Community innerhalb der Fiktion als „echt“, „offiziell“ angesehen wird, also die „wahre Fiktion“).

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Nun dämmert es einem schon, was eines der Hauptprobleme von DC Universe Online sein könnte: Es geht davon aus, dass man mit dieser Superhelden-Welt vertraut ist. Als Fan wird man mit vielen kleinen Details beglückt – als einer, der zwar die Figuren kennt, aber die Comics nur am Rand, kam ich mir manchmal etwas ausgeschlossen vor. Das kann man auch positiv sehen: Es liegt hier eine Welt vor mir, die gleich deutlich macht, dass es unheimlich viel zu entdecken gibt; und dieses Gefühl ist eine wichtige Grundvoraussetzung für jedes Online-Spiel. Ich hatte aber den Eindruck, dass ich ohne Vorkenntnisse etwas viel verpasse, Nuancen der Geschichte gar nicht mitbekomme, dass ich einen flachen Eindruck erhalte, weil das Spiel voraussetzt, dass ich ohnehin schon vieles über seine Helden und Schurken weiss.

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DC Universe Online konzentriert sich auf Action und will sich damit auch von anderen Online-Spielen wie World of Warcraft absetzen. In WoW drücke ich auf eine einzelne Taste, und meine Figur führt choreografiert einen bestimmten Angriff aus. In DCUO gibt es eine Taste für Nah- und eine für Fernkampf, die wir zu Kombos zusammensetzen können. Deshalb fühlt sich der Kampf weniger strategisch und mehr wie in einem Action-Prügelspiel an. Die Umsetzung auf den Konsolen-Kontroller ist gut gelungen, mich hat sowohl die Steuerung als auch das Kampfsystem überzeugt. Mit den L2-Triggern kann man sehr leicht Spezialfähigkeiten einsetzen. Die Kampfmechanik ist abwechslungsreich und belohnt diejenigen, die nicht nur einfach immer und immer wieder auf die Faustschlag-Taste hämmern.

Im Gegensatz zur Grundsteuerung kam mir aber die Kameraführung in den Kämpfen öfters in die Quere. Hier hat man weitgehend auf eine automatische Kameraführung verzichtet, was bedeutet, dass wir ständig von Hand den Blickwinkel nachjustieren müssen. Das bedeutet, dass wir mitten in der Kampfhektik immer wieder mal den Überblick verlieren, weil etwas geschieht, das ausserhalb unseres Blickfeldes liegt – und man vergibt damit auch die Möglichkeit der dramatischen Inszenierung. 

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Auch beim Welt-Design kann ich nicht uneingeschränkt jubeln. Die Stadt ist zwar schön gestaltet, die Mitarbeit der DC-Zeichner ist überall sichtbar. Das Spiel glänzt besonders mit einer ausgezeichneten künstlerischen Leitung: Die DC-Welt ist, soweit ich das beurteilen kann, mit grossem Respekt und Detailfülle umgesetzt. Dennoch tauchen schnell Risse auf. Die Stadt ist auf den ersten Blick eine tol
le Spielwiese, um von Wolkenkratzer zu Wolkenkratzer zu springen und zu erkunden. Doch sie wirkt bald etwas tot, weil kaum Zivilisten oder Fahrzeuge zu finden sind, die nicht direkt mit einer Spielaufgabe zu tun haben. Dazu kommt, dass das Spiel noch unter überraschend vielen grafischen Fehlern leidet. Meine Figur verlor z.B. ständig die Haare und war einige Sekunden kahlköpfig. Oder der Anzug ist plötzlich schwarz. Oder Figuren stecken zur Hälfte in einer Wand. Oder Objekte erscheinen aus dem Nichts. Oder das Spiel stockt und verlangsamt, sobald viele Figuren oder Explosionen zu sehen sind. Dazu kommt, dass die Schrift winzig ist und die Grafik zwar knallig, aber nicht allzu hoch aufgelöst ist, was den Eindruck verstärkt, dass man hier nicht alles aus der Playstation herausgeholt hat, was man könnte. Etwas unfertig, das Ganze.

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Weitere Probleme: Die Installation auf der PS3 war wohl die längste, die ich je über mich ergehen lassen musste – drei Install- und Download-Phasen, total bei mir über drei Stunden (natürlich abhängig von der Internet-Verbindung)! Ich hatte ausserdem mit einigen Aufgaben im Spiel etwas Mühe: Nicht dass ich mich gelangweilt hätte, aber die Mechanik war oft sehr ähnlich, was wohl bei einer längeren Spielzeit bald zu Abnützungserscheinungen führen wird. Und schliesslich habe ich mich des öfteren gefragt, warum das überhaupt ein Mehrspieler-Online-Game ist. Es wurde unter Spielern kaum kommuniziert, was bei den Playstation-Spielern ohne Keyboard nicht überrascht – Text-Chat ist so eigentlich unmöglich. Hier muss man aber wohl auch noch etwas abwarten, wie sich die Community herausbildet.

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Bevor man DC Universe Online aber abschreibt, muss man sich vor Augen halten, was bei jedem Online-Spiel gilt: Man investiert als Spieler in das Potential der Idee. Es ist enorm schwierig, heute vorauszusehen, wie sich DCUO in einem Jahr anfühlen wird. Wie oft werden neue Inhalte nachgeliefert (ein erstes Update ist schon in diesem Monat geplant, fokussiert auf Catwoman, im Ägypten-Stil)? Welche Grundstimmung entwickelt sich in der Community? Wie oft werden Fehler verbessert? Bei APB musste man erleben, wie schnell dieses Potential verpuffen kann. Hier sind die Voraussetzungen allerdings besser: Der DC-Verlag müsste eigentlich genug Schnauf haben, das Experiment zu unterstützen. Und mit Sony Online Entertainment hat man einen Online-Giganten mit viel Erfahrung im Rücken (Everquest).

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Im Leben eines Spielers hat nur ein Online-Spiel Platz – für mehr reicht die Zeit schlicht nicht. Bei mir nimmt World of Warcraft diese Rolle ein, weil mich Welt und Figuren mehr ansprechen und dass das Spiel mittlerweile so poliert ist, dass es jeder Konkurrent dagegen schwer hat. Doch wer Zwerge und Orcs blöd findet, und schon immer auf die DC-Helden abfuhr, findet hier vielleicht eine Heimat. Weil aber bei einem Online-Spiel immer auch der Kontakt mit anderen Spielern wichtig ist, würde ich wohl eher zur PC-Version tendieren. Für Konsolenspieler ist vielleicht, vor allem angesichts des hohen Preises, „Batman: Arkham Asylum 2“ im kommenden Herbst die bessere Wahl.

DC Universe Online ist für PC und Playstation 3 (ich habe die PS3-Version gespielt). Es ist nach PEGI ab 16. Das Spiel kostet rund 80 Franken, darin ist der erste Monat des Online-Abos enthalten. Danach kostet jeder weitere Monat 10 – 12 Franken (je nach Laufzeit des Abos). Das Haikiew ist hier.
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