SpaceChem ist besser als du

SpaceChem ist ein Spiel, das dich auslacht. Es ist ein Rätselspiel mit einem scheinbar unmöglichen Konzept: Wir schlüpfen in die Rolle eines Chemikers und sollen auf fernen Planeten Fabriken bauen, die bestimmte Moleküle herstellen. SpaceChem ist richtig, richtig schwierig. Und richtig, richtig gut.

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Wie soll das gehen, Moleküle herstellen? So: In jeder Aufgabe erhalten wir Bausteine (Moleküle oder Atome), und eine Vorgabe, was wir daraus machen sollen. Jetzt können wir je nach Aufgabe einen oder mehrere sogenannte Reaktoren einsetzen, die einen Stoff in einen anderen umwandeln, und diese Reaktoren mit Röhren aneinander hängen. Der schwierigste Part ist aber im Reaktor drin: Denn da gestalten wir eine Art Schaltung, die die Eingangs- in die Ausgangsmoleküle umwandelt.

Dazu haben wir zwei „Waldos“ zur Verfügung, zwei Kreise, die auf Schienen losfahren und Atome greifen und im Reaktor herum transportieren können. Auf den Schienen können wir ausserdem einfache Anweisungen platzieren, wie greifen, fallen lassen, drehen, lösen oder verbinden. Unsere Aufgabe ist es, diese Schienen und Anweisungen so hinzulegen, dass die gewünschte Reaktion passiert.

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Das ist abgesehen von den ersten Einführungs-Levels meist unheimlich komplex. Im Level „No Thanks Necessary“ zum Beispiel wird uns die folgende Aufgabe gestellt: Es gibt zwei Quellen, eine saugt Luft ab, die andere Meerwasser. Die erste gibt also Stickstoff (N2) und Sauerstoff (O2) ab, die andere Wasser (H2O) und Salz (NaCl). Daraus sollen wir Salpetersäure (HNO3) und Natriumnitrat (NaNO3) herstellen; ich nehme an, um zu düngen und zu pökeln. Schliesslich sind wir auf dem fernen Planeten Alkonost und sollen wohl mithelfen, eine schwungvolle Kolonie aufzubauen, und da darf eine anständige gepökelte Speckschwarte nicht fehlen.

Diese komplexe Aufgabe lässt sich natürlich auf ganz verschiedenen Wegen lösen, ich habe mich für den folgenden entschieden: Im ersten Reaktor die Stick- und Sauerstoffbindungen aufbrechen, so dass im einen Rohr N- und im anderen O-Atome rauskommen. In einem zweiten Reaktor sortiere ich die in eine schöne Reihenfolge, N – O – O – O. Im dritten Reaktor setze ich sie zu Nitrat (NO3) zusammen. Nun muss ich lediglich noch im vierten Reaktor aus dem Meerwasser je ein Wasserstoff- und ein Natrium-Atom herausklauben und dann im fünften diese schön abwechslungsweise mit dem Nitrat aus Reaktor 3 kombinieren. So erhalte ich meinen Dünger und mein Pökelsalz.

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Klingt naheliegend, aber ich sage euch, das ist ein Abend harte Arbeit. Nur schon diese Aufteilung der Aufgabe auf fünf Reaktoren – es gibt bestimmt auch Lösungen mit weniger Reaktoren und einer ganz anderen Vorgehensweise. Und die einzelnen Teilaufgaben wollen dann auch noch gelöst sein. Die beiden Waldos müssen koordiniert werden. Atome dürfen im Reaktor nicht kollidieren. Ob aus der Quelle Stickstoff oder Sauerstoff herauskommt, ist ungewiss und muss kontrolliert werden. Die Atome eines Typs sollten sich nicht in den Röhren stauen und so verhindern, dass seltenere durchkommen. Und kaum hat man ein Problem gelöst, fällt einem das nächste auf, und manchmal muss man auch nach ein, zwei Stunden einsehen, dass die ursprüngliche Idee entweder zu kompliziert war oder gar nicht geht. Das sind dann harte Momente der Wahrheit.

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SpaceChem garniert diese Rätsel mit einer Geschichte, die uns ab und zu vor einem Level in Form eines kurzen Textes erzählt wird. Mysteriös und ansprechend formuliert tragen diese Kapitel zur hervorragenden Atmosphäre des Spiels bei. Die Musik hat ebenfalls Anteil daran: Ruhig, aber mit einer grosszügigen Portion Bombast. Die Musik und die Geschichte suggerieren uns, dass wir hier eine wichtige Aufgabe erfüllen, nicht einfach arbeiten. Und die dichte Stimmung sorgte bei mir auch dafür, dass ich immer wieder zum Spiel zurückkehrte, auch wenn ich es einmal nach einem erfolglosen Abend frustriert liegen lassen musste.

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Denn SpaceChem ist ein Rätselspiel, das diese Bezeichnung wirklich verdient. Nicht wie das grauenhafte Myst (dem Eurogamer, wie ich, die Schuld an allem Bösen gibt), wo ein „Rätsel“ bedeutet, dass man so lange mit der Maus über den Bildschirm fährt, bis man irgendwo per Zufall über etwas Klickbares stolpert. Wo man mit reinem Trial and Error herausfindet, dass dieser Hebel völlig zusammenhangslos zwei Stunden später mit irgendwas magisch verbunden ist – eben die schlimme Game-Tradition, die Yahtzee Croshaw so beschreibt: „Not really a puzzle, strictly speaking, is it? It’s more like being a slightly lost mail room clerk.“ Statt zu denken, wandern wir einfach verwirrt so lange herum, bis wir über die Lösung stolpern – so etwas kann man eigentlich nicht Rätsel nennen.

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Nein, in SpaceChem sind die Regeln einfach und klar und alle Werkzeuge für die Lösung liegen auf dem Tisch. Mit Zufall oder Glück hat die Lö
sung rein gar nichts zu tun. Sondern mit der Fähigkeit, ein komplexes Problem in kleinere Abschnitte aufzuteilen, mit Ausdauer, mit Kreativität, mit der Fähigkeit, einzusehen, wenn man sich verrannt hat und von vorn beginnen muss.

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Eine Hilfe ist zwar eingebaut: Wenn man ein Problem gelöst hat, kann man per Knopfdruck einen kurzen Film der Lösung auf Youtube hochladen. Entsprechend findet man mit einer Suche nach „SpaceChem“ und dem Levelnamen Lösungen für jedes Problem. Doch das hat nicht etwa die Auswirkung, dass man schnell aufgibt und einfach Lösungen von anderen nachbaut. Sondern es fordert geradezu heraus: Wenn die das geschafft haben, kann ich das auch. Und vielleicht finde ich ja noch eine effizientere, elegantere Lösung? Das Spiel fördert diesen Reflex, indem es zu jeder Lösung Statistiken anzeigt (Wie lange läuft die Fabrik, bis die Zielvorgaben erfüllt sind? Wie viele Instruktionen und Reaktoren wurden gebraucht?).

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SpaceChem ist kein Spiel, das uns an der Hand nimmt und uns sachte durch die Welt führt und uns behutsam „Du kannst das!“ ins Ohr flüstert, während es heimlich die gröbsten Probleme aus dem Weg räumt und uns das Gefühl gibt, wir hätten das ganz von alleine gelöst. Nein, das ist ein Spiel, das uns verächtlich ein Rätsel vor die Nase knallt und faucht: „Dafür bist du zu blöd!“. Und während wir da sitzen und brüten und ausprobieren, kommt nicht etwa Ermunterung, sondern ein eiskaltes „Falsch! Von vorn!“.

Doch wenn wir es besiegen, dieses Miststück von einem Spiel, wenn wir eine wunderschöne Fabrik gestalten, die läuft wie am Schnürchen, dann wissen wir: „Das war ich! Ich hab das gemacht! Niemand hat mir dabei geholfen! Es war sauschwer, aber ich habe es geschafft! Ich!“ Und wir wollen es der ganzen Welt stolz zeigen, doch die Welt schaut uns nur etwas verständnislos an. Was uns in dem Moment nicht egaler sein könnte.

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SpaceChem ist das Werk von Zach Barth, der seine Arbeit so beschreibt: „In the pursuit of clandestine R&D objectives, Zachtronics Industries accidentally releases games from time to time.“ Die Ausbildung in Computer Science und Engineering merkt man seinen Spielen an. Er spezialisiert sich schon länger auf Rätselspiele, die sich um Ingenieur-Themen drehen. In einem Interview mit Rock Paper Shotgun beschreibt er seine Design-Philosophie so: „Design-based [puzzle] games, which present you with a goal, perfect information, and a set of combinable tools to achieve it, possibly focusing on an emergent behavior that must be discovered or invented.“ SpaceChem ist zwar ein Spiel, aber die Denkweise, die man braucht, um es zu geniessen, ist der eines Wissenschaftlers sehr ähnlich.

Und deshalb ist SpaceChem nicht nur eines der schwierigsten und besten Rätselspiele überhaupt, sondern es ist auch ein perfektes Beispiel dafür, was allein Games – und kein anderes Unterhaltungsmedium – bieten können: Die Freude kreativer Problemlösung erfahrbar machen. Was Ingenieure, Wissenschaftlerinnen und Programmierer antreibt, wird mit SpaceChem auch für Laien nachvollziehbar.

SpaceChem ist für PC, Mac und Linux. Man kann es für 20 Dollar direkt im Zachtronic Industries Store herunterladen. Da gibt es auch ein Demo. Das Haikiew ist hier.
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3 Gedanken zu “SpaceChem ist besser als du

  1. Danke für den Tipp! Es macht wahnsinnig süchtig… Und irgendwie hat man das Gefühl, man spielt etwas, was einem weiter bringt…

  2. Danke für den Tipp, es hat mir voll den Ärmel reingenommen. Als Chemiker habe ich einen kleinen Vorteil… die Lösung mit dem Natriumnitrat habe ich mit 4 Reaktoren und wesentlich weniger Cycles eleganter hinbekommen, aber jetzt beisse ich mir am folgenden Level die Zähne aus. Ein richtig gutes Spiel.

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