Schwurbeln über Avatare: Germanist entdeckt Guttenbergs wahres Motiv

Ach, Feuilleton! Da schmückt sich ein eitler Geck mit fremden Federn – aber statt sich mit der Erklärung zu begnügen, dass der wohl genau so faul und eitel gewesen sein mag wie viele, bloss etwas kaltschnäuziger, muss man nach den wahren Motiven fragen, die den Guttenberg zum Ex-Dr. gemacht haben.

So auch Manfred Schneider in der NZZ vom Dienstag, 24.5. (finde den Kommentar online nicht, lediglich eine Variante davon beim WDR, PDF hier). Schneider ist Germanist und liefert eine Erklärung, die „über den Katalog landläufiger Motive hinausgehe“ (alle kursiven Zitate sind aus der NZZ).

Dabei schiebt er den Schwarzen Peter schwupps in mein Metier: Schuld seien nämlich – wait for it – die „Computerspielchen„.

Es mag sich dabei um einen subtilen Scherz handeln; die Ironie erkenne ich allerdings weder in der NZZ- noch der WDR-Variante. Darum nehmen wir den Mann beim Wort.

Das Argument geht ungefähr so: Guttenberg habe wohl „bisweilen zur Entspannung ein Computerspielchen in den Computer eingelegt„. Dort habe er Avatare gefunden, die „in Computerspielen als unsere Doppelgänger operieren„, denen wir „Aufträge erteilen„. Wenn man in so ein „Computerspielchen“ richtig versinke, dann entfahre einem ab und zu ein „Ich bin tot!“ (für den WDR durfte Schneider noch „Scheisse“ vorne dran setzen, die alte Dame NZZ fand, dass „Mist“ auch reicht). Das zeige, dass man sich mit seinem Avatar identifiziere, oder wie es Schneider in astreiner deutscher Wissenschaftssprache sagt: „dass der Avatar wichtige Ich-Anteile des Spielers an sich gezogen hat.

Soweit so gut, so erklärt halt ein älterer Akademiker (Jg. 1944) anderen älteren Akademikern (via NZZ, WDR) die neue Welt, und das geht nie ohne Goethe-Referenz (Guttenberg „auf der faustischen Suche nach Erkenntnis“ im Internet). Doch Schneiders Schwurbel-O-Mat 3000™ läuft auch gerade erst warm.

Denn: Avatare gebe es nicht nur in „Computerspielchen„, die seien überall drin, in „Werbespots, Websites und Navigationsgeräten„. Alles voller Avatare! Und all diese Avatare (besonders die in Werbespots und Navigationsgeräten) haben ja, zur Erinnerung, „wichtige Ich-Anteile an sich gezogen„. Wir stecken also alle auch ein bisschen in der Werbung, den „Websites“ und dem Navi drin.

Und jetzt kommt’s: „Wie nahe liegt es doch, auf dem gleichen Bildschirm, der mich in virtuelle Spielräume und Dienstleistungsparadiese führt, auch den wissenschaftlichen Avatar zu suchen, der mir Erkenntnisse ermöglicht, die ich sonst nie gehabt hätte.“ Naja, nicht so nahe, aber so stellt sich Schneider den Guttenberg halt vor: Spielt nächtelang „Plagiator 2000: The Doctor of Doom“, mit einer Spielfigur, die sich durch Websites und Navigationsgeräte pflügt und alles copypastet, was sich bewegt.

Dass ich noch nie den Eindruck hatte, dass mir eine Navi-Stimme „Ich-Anteile“ entzieht, dass mein Avatar (wie viele „Ich-Anteile“ auch immer er mir entzogen hat) lediglich das tut, was ich ihm „auftrage„, und dass ich meinen eigenen Avatar auf „Websites“ durchaus von denen anderer unterschieden kann, und sich diese Unterscheidung auch auf mein Verhalten bezgl. Kopieren auswirkt, das ist jetzt alles egal, denn Schneider ist auf der Zielgeraden: „Vor allem brauche ich meinem grafischen Avatar nicht dafür zu danken, dass er […] mir ein Dissertationskapitel schreibt.

Phuu. Na das ist mal ein Satz! Der Avatar (der grafische!) hat wohl so viele „Ich-Anteile an sich gezogen„, dass er jetzt schon selbständig zu handeln beginnt. Er schreibt. Wie tut er das genau? In dem er kopiert? Wer hat ihm diese Anweisung gegeben? Guttenberg? Aber dem sind schon so viele „Ich-Anteile“ entzogen worden, dass er nur noch die Dienstleistung seines Avatar-Butlers geniesst. Und weil das ja so ein Computerdings ist, muss man sich bei dem nicht bedanken? Wiebittewas?

Ich bin nicht sicher, ob Schneider selber versteht, was er da geschrieben hat, aber dafür ist es jetzt zu spät, denn im Feuilleton beobachtet man keine Einzelfälle, es geht immer um die GESELLSCHAFT!

Oh ja, jetzt kommen sie, die intellektuellen Money Shots, bis man nicht mehr durch die Brille sieht: „Avatare sind die Avantgarde eines elektronischen Entlastungspersonals, das uns der vollkommenen Dienstleistungsgesellschaft näher bringt.“ Und dieses „perfekte humanoide Personal“ führe zu einer „Erosion des Verantwortungssinns„. Denn diese Avatare seien Wesen, denen „die Kunst der Programmierer göttliche Eigenschaften schenkt, damit sie unser Ich entlasten oder ihm […] alle Wünsche erfüllen„.

In den gedanklichen Wolken von Manfred Schneider schreibt Guttenberg seine Dissertation also nicht mit MS Word (und Internet Explorer), sondern steuert einen Computerspiel-Avatar durch den „Cyberspace„. Dieser Avatar hat von „Programmierern“ so viele Fähigkeiten geschenkt bekommen, dass Guttenberg gar nicht mehr steuern muss, denn der Avatar erledigt das Schreiben gleich selbst. Und dann ist ja klar, dass jemand, der sich dieser „Dienstleistung“ bedient (und sich nicht einmal dafür bedankt!), alle „Ich-Anteile“ abgegeben hat, und den „Verantwortungssinn“ gleich mit dazu.

Nach so viel wirren Halb-Gedanken wird es auch Schneider etwas mulmig, und er gesteht, dass Avatare vielleicht nur „Agenten und Symptome dieser Erosion“ seien, der Erosion des Verantwortungssinns nämlich, betrieben von „neuen Erfolgsmenschen“ vom „narzisstischen Typus mit einem riesigen Ego„. Ach so! Dieser „Erfolgsmensch“ sei dem „Avatarismus“ verfallen und nutze dies, um „grosse Teile seines Ichs an mediale, virtuelle, elektronische Stellvertreter“ abzugeben.

Also doch einfach faul, eitel und machtgeil wie von alters her, bloss mit neuem Werkzeug? Warum dann im Lead vollmundig verkünden, es „könnte sein, dass uns das elektronische Entlastungspersonal […] korrumpiert“ – was irgendwie eine totale Umdrehung der Verantwortung wäre? Mir scheint, der Avatar, an den Schneider diesen Text delegiert hat, erhielt von den „Programmierern“ vor allem eine „göttliche Eigenschaft„: Maximale Schwurbel-Power.
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