Dirt 3: Die Schönheit des Motorsports

We find beauty in something done well„, meint Dennis Dutton. Das gilt natürlich für alles, was man normalerweise unter Kunst versteht: Musik, Malerei, Schauspiel, etc. Doch für mich gilt es genau so für Rallye. Mensch und Maschine verschmelzen, bewegen sich genau auf der Grenze des physikalisch Möglichen. Dirt 3 schenkt uns die Illusion, selber diese Fähigkeiten zu besitzen – ohne gleich Kopf und Kragen riskieren zu müssen.

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Denis Dutton meint, dass wir mittels Evolution die Eigenschaft entwickelt haben, die Schönheit einer „skilled performance“ zu erkennen (mehr dazu in diesem Video). Genau eine solche gekonnte Darbietung zeigen uns Rallye-Fahrer. Wer schon einmal ein Video gesehen hat, das Hände und Füsse eines Fahrers zeigt, weiss, was ich meine: Gefühlvollste, blitzschnelle Präzisionsarbeit an Pedalen und Lenkrad, in jeder einzelnen Kurve.

Dirt 3 versucht, diesen Sport abzubilden – und kann dabei auf eine lange Tradition zurückblicken. Es wird von Codemasters entwickelt; Codemasters (oft liebevoll „Codies“ genannt) ist eines der ältesten britischen Entwickler-Studios und gilt als besonders stark im Rennspiel-Genre (man entwickelt auch die TOCA-Serie). Dirt 3 ist bereits das neunte Spiel in der Colin-McRae-Rally-Reihe. Die schottische Rallye-Legende Colin McRae starb 2007 bei einem Helikopter-Unfall. Dirt 3 ist nun das erste Spiel der Serie, das nicht mehr seinen Namen trägt.

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Eigentlich gäbe es zu einem Rallye-Spiel nicht viel zu sagen: Ihr wisst alle, wie so ein Spiel geht. Man wählt eine Strecke und ein Auto aus, und los geht’s. Mit der Zeit schaltet man neue Strecken und neue Autos frei. So ist das natürlich auch hier. Dirt 3 liefert dabei sehr viel Abwechslung, denn nicht nur Rallye im strengen Sinn (alleine auf einem Streckenabschnitt gegen die Uhr) ist im Spiel, sondern jede andere erdenkliche Variante von Autorennen abseits asphaltierter Rennstrecken, z.B. Rallycross oder Offroad-Hillclimbing. Und für Rallye-Gourmets sind erstmals in einem Renn-Spiel auch die Autos der legendären Gruppe B enthalten – die komplett durchgeknallten Turbo-Monster der 80er-Jahre wie ein Ford RS200, ein Lancia Delta S4 oder ein Audi Quattro S1. Und nachdem man die Gruppe B nach mehreren schweren Unfällen und dem Tod von Henri Toivonen und Sergio Cresto 1986 wieder abschaffte, muss man sagen, dass diese Autos in einem Computerspiel wohl besser aufgehoben sind als im richtigen Leben.

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Doch was Dirt 3 von anderen Rallye- und Renn-Spielen unterschiedet, sind nicht einzelne Features. Dirt 3 schafft es vor allem, die Schönheit dieses Sports zu erfassen und für uns zu übersetzen. Dirt 3 ist die Rallye-Entsprechung von Rockband. Rockband gibt uns das Gefühl, wie es wäre, wenn wir tatsächlich musizieren könnten. Es gibt uns die Illusion, auf einer Bühne vor Publikum abzurocken. Und genau das tut Dirt 3: Es gibt uns das Gefühl, wie es wäre, wenn wir tatsächlich die Fähigkeiten eines Rallye-Fahrers hätten. Es gibt uns die Illusion, auf den schwierigsten Dreck-Strecken der Welt ein Auto zu beherrschen, das zwar immer rutscht, aber nie ausser Kontrolle gerät.

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Dirt 3 geht dabei nicht den Weg der Simulation. Das ist nicht Gran Turismo, das uns zwingen will, sich die Fähigkeiten eines Rennfahrers tatsächlich anzueignen. Dirt 3 hat sich stattdessen eine perfekte Nische exakt zwischen den Simulationen und den Arcade-Racern ausgesucht. Das sieht alles aus wie echt, und fühlt sich auch an wie echt, aber das Spiel nimmt uns heimlich an der Hand und ist nachsichtig. Wann immer wir sauber durch eine langgezogene Linkskurve driften, mit einem astreinen Scandinavian Flick das Heck durch eine Spitzkehre schleudern oder vom Schotter auf den Asphalt schlittern, nimmt sich die Fahrphysik generös zurück – und statt uns unbarmherzig in die Bäume abfliegen oder im Strassengraben überschlagen zu lassen, hilft uns das Spiel sachte, den Wagen unter Kontrolle zu behalten und dabei gut auszusehen, ohne dass wir das merken. Denn das ist es, was wir wollen: Mit Tempo durch die Kurven rutschen. Dirt 3 gibt es uns.

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Das ist für mich die perfekte Umsetzung eines ganz grundsätzlichen Ziels von Spielen: Es geht nicht darum, die Realität abzubilden. Sondern darum, dass wir das Gefühl haben, etwas zu beherrschen, uns diese Emotion zu ermöglichen, ohne die eigentlich dazu notwenige Arbeit zu erzwingen. Das funktioniert natürlich nur, wenn wir etwas leisten müssen – wenn wir merken würden, dass gemogelt wird, zerfiele die Illusion sofort. Dirt 3 hält diese schwierige Balance perfekt.

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Das wird nirgends wo deutlich wie in Gymk
hana
, der wichtigsten neuen Disziplin in Dirt 3. Gymkhana ist eine neuere Form des Motorsports, und am besten erklärt man sie mit diesem Video des international bekanntesten Vertreters der Disziplin, Ken Block:

Ken Block’s Gymkhana: L’Autodrome, France

Gymkhana ist das, was herauskommt, wenn die coolen Energy-Drink-Kids der X-Games-Generation ein Rallye-Auto anschauen und sich fragen: Was könnte man damit sonst noch anstellen, als schnell von A nach B durch den Wald zu fahren? Etwas, dass auf Video geil aussieht, damit die Sponsoren drauf abfahren?

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Wie man im Video oben sehen kann, sieht das tatsächlich total geil aus, aber auch total schwierig. Und darum liegt eben nichts näher, als das in ein Game zu packen. Dirt 3 tut es mit Bravour. Ein bisschen Training braucht es schon. Doch bald driftet man das erste Mal erfolgreich unter einem Lastwagenanhänger durch, oder schleudert rund um einen Laternen-Pfahl, mit der Schnauze immer schön auf den Pfahl gerichtet, mit durchdrehenden Rädern, heulendem Motor am Rev-Limiter und zischendem Turbo-Ventil, bis man vor Reifenrauch das Auto nicht mehr sieht. Und es gibt nicht viel besseres, was man in einem virtuellen Auto tun kann.

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Da nehme ich sogar das nervige Gebabbel in den Menus oder vor dem Start hin (Managerin, Mechaniker oder Ken Block persönlich spornen uns an oder gratulieren zu Podestplätzen und auf Deutsch sind hirntote Sätze wie „Heeyy! Das war eeend-geil, Kumpel!“ wirklich nur schwer zu ertragen), denn Dirt 3 macht sonst alles richtig: Die Strecken sehen wunderschön aus (trockener Busch bei Sonnenuntergang in Kenia, dunkle Wälder im Regen in Finnland, Eis und Schneegestöber bei Nacht in Norwegen, ein golden leuchtender Herbstwald in Michigan), die Autos tun auf spektakuläre Weise das, was ich will – auch wenn ich dabei streng genommen gegen physikalische Gesetze verstosse.

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Rallye-Fans kommen an Dirt 3 ohnehin nicht vorbei. Und wer nicht versteht, was an Rallye toll sein soll, könnte nach Dirt 3 die Meinung ändern. Zur Einstimmung können sich alle schon einmal diese Videos ansehen:

Dirt 3 Gruppe B Trailer

Dirt 3 Gymkhana Trailer

Finnen vs. Physik: Crazy Finns Crashing – with pure engine sounds

Marcus Grönholm und Timo Rautiainen: „Up the ass of Timo!“

Dirt 3 gibt es für Xbox 360, Playstation 3 und den PC. Es ist ab 12. Das Haikiew ist hier.
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3 Gedanken zu “Dirt 3: Die Schönheit des Motorsports

  1. Servus Guido, cooler Bericht – sieht super aus der Spiel. Lässt sich das Spiel auch mit Lenkrad und Pedals spielen? Hast du schon Erfahrung mit solchen Peripherals gemacht? Wäre froh, wenn du mir da eine Empfehlung machen könntest.

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